Wie Kinder sich gegen das Dröhnen im Kopf schützen können

Schon kleine Kinder leiden immer häufiger unter Kopfschmerzen. Das ergeben verschiedene Studien. Die Heidelberger Psychologin und Schmerzexpertin Hanne Seemann hat einen Ratgeber zum Kinderkopfschmerz verfasst. Was hilft: Rückzug, Reizreduktion und Träumerei.

Schlafendes Kind

Bildlegende: Bei Kopfschmerzen am besten hinlegen. Doch was können Kinder tun, damit der Schmerz erst gar nicht anfängt? Colourbox

Es zieht, es drückt, es flimmert, klopft oder hämmert gar. Ist der Kopfschmerz erst einmal da, ist er nicht mehr wegzudenken. Schön blöd also, wenn man in der Schule etwas kapieren sollte, die Matheprüfung nicht vermasseln dürfte und überhaupt nicht weg vom Fenster sein will.

«Migräne macht einsam», sagt Hanne Seemann. Seit 15 Jahren beschäftigt sich die Heidelberger Psychologin und Spezialistin für psychosomatische Schmerzen mit dem kindlichen Weh im Kopf. Nun ist von ihr ein Ratgeber für Eltern, Lehrer und Therapeuten erschienen. Darin zeigt sie auch auf, was zu tun ist, damit es erst gar nicht zum Kopfschmerz kommt.

Dem Schmerz vorbeugen

«Klug wie Kinder eben einmal sind, machen sie genau das Richtige, wenn es dröhnt im Kopf. Sie ziehen sich zurück, machen die Tür zu und legen sich hin.» Hanne Seemann findet das prima, aber weil das immer auch ein einsames Geschehen ist, wünscht sie sich, dass es erst gar nicht so weit kommen muss.

Hanne Seemann

Bildlegende: Hanne Seemann hilft Kindern gegen das Dröhnen im Kopf. Klett-Cotta

«Man muss lernen, schneller zu sein als das Anfallsleiden Migräne.» Schnell sein heisst aufmerksam werden auf die frühen Vorzeichen: Übellaunigkeit oder freudige Überdrehtheit, Gähnattacken oder Zerfahrenheit.

Bei jedem Kind ist das anders. Aber mit der Zeit wird man die Zeichen verstehen und sich ein klein wenig aus dem Rennen nehmen, bevor der Kopf schmerzt. «Du musst merken lernen» ist ein häufiger Satz in Seemanns Beratungspraxis.

Zwei Sorten Kopfweh

In ihrem Ratgeber «Kopfschmerzkinder» unterscheidet die Expertin zwischen Spannungskopfschmerz und Migräne. Spannungskopfschmerzen sind zehnmal häufiger als Migräne. Sie sind sehr gut mit Medikamenten behandelbar. Auch mit Ablenkung und mit frischer Luft. Der Spannungskopfschmerz beginnt im Gegensatz zur Migräne schleichend.

Gemeinsam ist beiden, dass besonders sensible Menschen mit einem «Filterproblem im Kopf» davon betroffen sind. Auf dieses «Filterproblem» konzentriert sich die Psychologin bei ihren kindlichen Patienten und rät ihnen, ihren Eltern und Lehrpersonen zu ungewöhnlichen Präventionsmassnahmen.

Ein Schirm über dem Kopf, ein Mantel vor dem Herz

Seemann ist keine Weltverbesserin. Sie beklagt zwar, dass die Kinder heute vorschnell einseitig «verkopft» werden und in unserer Gesellschaft als Fühlwesen zu kurz kommen. Darin sehen sie und andere Forscher einen von vielen Gründen für die Zunahme des kindlichen Kopfschmerzes. Das kann die Psychologin bemerken, aber nicht ändern.

Sie plädiert aber vehement dafür, die Nischen für Träumerei und trance-artige Seinszustände zu nutzen. Sie lobt eine Grundschullehrerin, die ein altes Sofa in ihrem Klassenzimmer stehen hat. Da dürfen sich die Kinder einfach hinlegen, wenn es zu viel wird.

Hanne Seemann arbeitet in ihrer Beratungspraxis mit geplagten Kindern hypnotherapeutisch. Sie vermitteln ihnen Bilder, die helfen. Beispielsweise den Schirm. Ein Bild, das das reizoffene Hirn schützen soll. Für Jungen mit Kopfweh scheint ihr hingegen das Bild des Schutzmantels öfters hilfreich. Sensible Jungen laufen nämlich häufiger Gefahr zum Gespött der Gleichaltrigen zu werden.

Forschungsnah und alltagstauglich

Hanne Seemanns Fachratgeber gibt Einblick in Forschungsarbeiten zum Thema und ist gleichzeitig sehr alltagstauglich. Entspannungsübungen, hilfreiche Bilder, Früherkennung, und die Ermunterung, da und dort dem Nonstop im Kinderleben mit Träumerei zu begegnen, machen das Fachbuch zu Lesestoff gegen den Schmerz.

Buchhinweis

Hanne Seemann: «Kopfschmerzkinder. Was Eltern, Lehrer und Therapeuten tun können», Klett-Cotta 2013.

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