Wie Terror entsteht: Begegnung mit einem Ex-Terroristen

Ein Muslim aus Kenia: Der Familienvater kämpfte für die berüchtigte islamistische Shabaab-Miliz gegen die kenianische Regierung. Er wollte seinem Leben eine Bedeutung geben, sagt er. Heute kümmert er sich wieder um seine Familie – und hat Angst. Begegnung mit einem Ex-Terroristen.

Ein Soldat mit Gewehr, im Vordergrund ein Patronengurt.

Bildlegende: Kenia wird der Gewalt nicht Herr: Kenianische Soldaten an der Grenze zu Somalia. Reuters

Über den kleinen Dünenhügel hinweg ist das Rauschen des Meeres zu hören. Die Küste Kenias war früher vor allem in den Wintermonaten bei Reisenden aus Europa beliebt. Aber der Andrang der Touristen hat nachgelassen, seit das ostafrikanische Land mit Terroranschlägen international Schlagzeilen macht.

Als Täter gelten Mitglieder der Shabaab-Miliz, die vor allem im benachbarten Somalia aktiv ist, aber auch in Kenia regelmässig schwere Attentate verübt. Die Gruppe gehört zum Al-Qaida-Netzwerk.

Angst vor Rache

Der Parkplatz an diesem Strandabschnitt ist jedenfalls nahezu leer. Genau deshalb hat ihn der junge kenianische Milizionär, der anonym bleiben möchte, am Telefon für unser Treffen vorgeschlagen. Ein Jahr lang hat er für die Shabaab-Miliz gekämpft und fürchtet nun die Rache seiner ehemaligen Waffenbrüder, wenn er beim Interview mit einer ausländischen Journalistin «erwischt» wird. Nicht weniger Angst hat er aber vor der kenianischen Polizei.

Menschenrechtsgruppen werfen den kenianischen Sicherheitskräften vor, in ihrem «Krieg gegen Terror» muslimische Verdächtige willkürlich zu ermorden. Immer wieder verschwinden an der kenianischen Küste Muslime. Wer die Täter sind, ist unklar. Die Polizei ermittelt nicht, die Bevölkerung verdächtigt deshalb die Polizei oder andere staatliche Sicherheitskräfte. Vor allem die so genannte «Anti-Terror-Polizeieinheit» ATPU.

Muslime in Kenia unerwünscht

Der junge Mann, der mir nun gegenüber steht, dürfte um die 30 Jahre alt sein. Er trägt Jeans und T-Shirt, dazu eine muslimische Kopfbedeckung. Abgesehen von seiner Nervosität, wirkt er völlig unauffällig. «Ich habe mich dem bewaffneten Kampf angeschlossen, weil wir in Kenia sehr ungerecht behandelt werden.» Muslime sind in Kenia eine Minderheit von nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung.

«Die Regierung benachteiligt, verfolgt und tötet uns», erklärt der ehemalige Milizionär. «Wir Muslime sind in unserer eigenen Heimat nicht erwünscht.» Deshalb habe er sich einer bewaffneten Gruppe angeschlossen. «Ich wollte kämpfen, um meinem Leben Bedeutung zu geben. Mir ging es nicht ums Geld, sondern um meinen Glauben.»

Die Shabaab-Miliz kämpft im Nachbarland Somalia gegen die dortige Regierung und gegen alles, was sie für westlichen Einfluss hält. Seit die kenianische Armee 2011 in Somalia einmarschierte, um gegen die Shabaab-Miliz vorzugehen, verübt die islamistische Terrorgruppe auch in Kenia brutale Anschläge. Sie mordet mit Handgranaten und Messern, Gewehren und selbstgebauten Bomben.

Auf der Suche nach einem geregelten Leben

Wie der Milizionär zwischen nervösen Blicken über den Parkplatz berichtet, habe er in Somalia eine paramilitärische Ausbildung erhalten, aber kaum ideologische Schulung. «Die hat schon vorher in Kenia stattgefunden.» Einen Sold habe er von der Shabaab-Miliz nicht bekommen, «obwohl es in Gerüchten immer wieder heisst, wir würden jeden Monat ein paar tausend Dollar kriegen.» Das sei alles Unsinn. «Sie geben uns Essen und das, was wir zum Leben brauchen. Mehr aber auch nicht.»

Insgesamt bekommt man den Eindruck, der ehemalige Terrorist habe im Grunde ein sehr geregeltes Leben gesucht. Danach klingt auch seine Erklärung dafür, warum er den bewaffneten Kampf schliesslich aufgab. «Ich dachte immer öfter an meine Familie in Kenia, weil sie meine Unterstützung braucht», behauptet der junge Mann.

Anfangs habe er geglaubt, der Krieg in Somalia werde schnell gewonnen sein, und er bleibe nur kurz von zu Hause fort. «Dann wurde mir klar, dass es noch lange dauern wird, bis dort Friede ist. Für mich wurde es Zeit, mich wieder um meine Familie zu kümmern.»

Kein Einzelfall

Nach Überzeugung kenianischer Menschenrechtsorganisationen ist dieser ehemalige Kämpfer kein Einzelfall. Die Regierung tue zu wenig oder das falsche, um den Terror zu bekämpfen, sagt Francis Auma von der Menschenrechtsorganisation MUHURI, auf Deutsch: «Muslime für Menschenrechte».

Der Christ Francis Auma will nicht länger tatenlos zusehen will, wie die kenianische Regierung Muslime verfolgt. «Was die Regierung bei ihrem Krieg gegen den Terror macht, ist dem Terror zu Verwechseln ähnlich», kritisiert Auma. «Menschen werden gefoltert, Menschen werden ohne Gerichtsverfahren getötet, und niemand wird wegen der Morde angeklagt. So etwas vergrössert die Probleme nur, immer mehr Menschen radikalisieren sich.»

So ähnlich hat das auch der junge Terrorist erklärt, der angeblich in den Krieg zog, um gegen den Terror der kenianischen Regierung zu kämpfen.

Zur Autorin

Johanna Braun ist nicht der richtige Name unserer Autorin. Dieser Artikel erscheint aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes unter einem Pseudonym.

Wir gratulieren

Die aktuelle «Passage»-Ausgabe «Wie Terror entsteht» hat den Basler Feature-Preis gewonnen. Dieselbe grosse Ehre wurde gleich noch zwei Passagen zuteil: «Zwei Mütter» («Passage» vom 22. Januar) und «Silicon Blues - Im Hinterhof eines Mythos» (29. Januar).

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