Wiedergeburt aus der Tiefkühltruhe

Kryoniker geben ein Vermögen aus, um ihren Körper oder ihr Gehirn nach dem Tod einzufrieren. Sie glauben an die Zukunft – und an ihre technische Wiedergeburt. Das nimmt quasireligiöse Züge an, sagt der Medizinethiker Dominik Gross. Er glaubt indes nicht an eine Wiederbelebung der gefrorenen Körper.

Anlage für flüssiges Gas.

Bildlegende: Kryoniker lassen ihre Körper nach dem Tod bei minus 196 Grad lagern – ob sie je wieder auferstehen? Colourbox

Dem Tod ein Schnippchen schlagen? Unmöglich. Aber Fakt ist: Die Wissenschaft arbeitet schon seit Jahrzehnten daran, den Tod zumindest hinauszuzögern. «Kryonik» heisst ein Verfahren, bei dem man kürzlich verstorbene Menschen einfriert, in der Hoffnung, sie irgendwann in der Zukunft mithilfe einer weiterentwickelten Medizin wieder zum Leben zu erwecken.

Gelungen ist das noch nie. Trotzdem wird die Kryonik heute in mehreren Ländern von spezialisierten Unternehmen angeboten. Über 1000 Menschen haben sich bereits für eine solche Einfrierung angemeldet und gut 250 Menschen sind bereits kryonisiert.

Der deutsche Medizinethiker Dominik Gross hat sich in seiner Arbeit intensiv mit dem Phänomen Kryonik auseinandergesetzt.

Dominik Gross, wie muss man sich so eine Kryonisierung, eine Einfrierung des Körpers, vorstellen?

Dominik Gross: Die Menschen werden sofort nach ihrem Ableben, also sobald der Tod festgestellt ist, kryokonserviert. Sie werden sehr schnell abgekühlt in flüssigem Stickstoff, so dass keine Kristallisation eintritt, denn das würde die Gewebe weiter schädigen. Danach werden die Körper bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff gelagert. Bis zu dem Zeitpunkt, wo man medizinisch – so zumindest die Idee – in der Lage ist, die Personen wieder zum Leben zu erwecken.

Aber wird das überhaupt irgendwann möglich sein?

Daran ist im Moment überhaupt nicht zu denken. Aber das ist natürlich eine Frage, über die trefflich gestritten wird. Aus meiner Sicht, als Mediziner und Medizinethiker, werden wir dieses Stadium gar nicht erst erreichen. Aber es gibt Leute, die sehr technikgläubig sind und durchaus die Erwartung haben, dass die Medizintechnik der Zukunft Lösungen hat, um solche Wiedererweckungen möglich zu machen.

Eine Einfrierung nach dem Tod kostet die Kunden zu Lebzeiten bis zu 120‘000 Euro. Was ist denn die Motivation dieser Menschen?

Das ist ganz unterschiedlich. Was sicher für viele eine Rolle spielt, ist die fehlende Bereitschaft, sich mit der eigenen Endlichkeit abzufinden. Das zweite ist eine ausgeprägte Neugier auf die Zukunft. Kryoniker geben an, sehr neugierig zu sein, was das Leben noch bringt, wie es mit den weiteren Generationen abläuft, wie sich gesellschaftliche Prozesse verändern – sie wollen einfach daran teilhaben.

Und dann kann man zumindest für einen Teil der Kryoniker behaupten, dass es letztlich sowas wie eine technische Version des christlichen Wiederauferstehungsglaubens ist. Diese Leute glauben daran, dass die Technik alles möglich machen kann. Unter anderem eben auch, sie nach ihrem Tod wieder zum Leben zu erwecken.

Zum Teil wird ja auch nur das Gehirn eingefroren – was soll denn mit einem körperlosen Gehirn in Zukunft geschehen?

Ja, das sind die sogenannten Reduktionisten. Sie sagen: Meine Essenz, mein Ich-Bewusstsein, das was mich ausmacht, das sei im Gehirn lokalisiert. Und deshalb finden sie es vollkommen ausreichend, wenn das Gehirn kryokonserviert wird. Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Medizin entsprechend weit ist, kann jeder beliebige Körper als Träger des Gehirns dienen. Und es ist ihnen dann egal, wie die Gliedmassen, die Hände oder der Körper ausgestaltet ist.

Das ist eine sehr spezielle Sicht, die vielleicht auch dadurch geprägt wird, dass die Neuro-Kryokonservierung, also die alleinige Kryokonservierung des Kopfes, deutlich günstiger zu haben ist als die des ganzen Körpers. Das kostet etwa die Hälfte.

Wird das einmal zur Realität, dass man Gehirn wieder auftaut und zum Leben erweckt?

Ich kann mir das nicht vorstellen. Das gibt's natürlich in Science-Fiction-Filmen, daher kennen viele Leute auch die Kryokonservierung. Wir haben dazu auch eine Umfrage gemacht in Deutschland, und in der Tat kannten 48 Prozent der Bürger das Verfahren. Das hat eben damit zu tun, dass es im Science-Fiction-Bereich ein Thema ist. Und es gibt eben Leute gibt, die das dann glauben. Oder zumindest denken, dass es in absehbarer Zeit möglich ist.

Zur Person

Zur Person

Dominik Gross ist Medizinhistoriker und Medizinethiker. Er ist Inhaber und Direktor des Lehrstuhls für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Technischen Hochschule Aachen. Er forscht unter anderem zum Thema «Sterben und Tod».

Am 26. Juni referiert er an der Universität Zürich an einer Tagung zum Thema: «Transplantation – Transmortalität».

Sendung zu diesem Artikel