Zum Inhalt springen

Gesellschaft & Religion Wiederholt sich das Trauma der «Schrank-Kinder»?

Tausende von Kindern sollen es gewesen sein, die sich zwischen 1934 und 2003 illegal in der Schweiz aufhielten. Illegal, weil der Familiennachzug für Saisonniers verboten war. Was die Kinder von damals traumatisierte, könnte sich nun nach der Annahme der «Masseneinwanderungsinitiative» wiederholen.

Mann und Junge an Demonstration.
Legende: Ein verstecktes Kind war Regisseur Alvaro Bizzarri. Ausschnitt aus seinem Film «Lo stagionale» (1972). SRF/Alvaro Bizzarri

Jahrelang wurde die Existenz illegal in der Schweiz lebender Kinder von offizieller Seite ignoriert. Was sich in den Geschichten dieser Saisonnier-Kinder offenbart, ist ein humanitärer Skandal. Unzählige psychische und familiäre Tragödien, die sich tagtäglich, nebenan, mitten unter uns ereignet haben.

Legende: Video Zurück zum Saisonnier-Statut abspielen. Laufzeit 04:48 Minuten.
Aus 10vor10 vom 12.02.2014.

Mit der jüngsten Volksabstimmung gegen die «Masseneinwanderung» stehen die Fragen nach der Wiedereinführung von Saisonnierstatut und Familiennachzugsverbot im Raum. Und damit sind auch die Kinder von Saisonniers wieder Teil der politischen Diskussion.

Die Betroffenen aus den Zeiten des Saisonnierstatuts (1934-2002) erkennen, dass ihre traumatische Vergangenheit wieder Gegenwart werden könnte. In der Sendung «Club» werden sie aus ihrem schwierigen Leben erzählen.

Bis zu 140'000 «Schrank-Kinder»

1991 trat das Kinderhilfswerk der Uno zum ersten Mal mit dem Thema der «verbotenen Kinder» an die Öffentlichkeit. Das Medien-Echo war enorm. Die Zahlen der Unicef wurden kontrovers diskutiert, aber sie gaben zu reden.

Die Weltorganisation ging von einer demographischen Annahme aus: In dieser Zeit lebten 120'000 Saisonniers in der Schweiz, rechnete Unicef vor. 70'000 hatten Familie und waren von diesen getrennt. Unter der Annahme, dass jede dieser Familien im Durchschnitt 2 Kinder besass, muss von rund 140'000 Saisonnierkinder ausgegangen werden.

140'000 Schutzbefohlene, die entweder unter traumatischen Trennungserfahrungen litten oder dann in Illegalität und Isolation aufwuchsen. Noch nicht mitgezählt sind die Jahresaufenthalter, die ihre Familien ebenfalls nicht zu sich nehmen durften.

Sich vom Saisonnier-Statut befreien

Die damalige Entscheidung der Eltern, ihre Kinder entweder fremdzuplatzieren oder sie heimlich bei sich zu haben, setzt den Familienbeziehungen bis heute zu. Viele Eltern leiden unter erdrückenden Schuldgefühlen. Und bei nicht wenigen Kindern sind unüberwindbare, innere Barrieren entstanden.

Sie waren damals die Opfer einer von Mitgefühl befreiten Systematik: Rotation statt Integration. Heute sind diese «Schrank-Kinder» erwachsen, traurig und voller Groll.

Der Anfang dieser Kette reicht ins Jahr 1934 zurück. Damals wurde in der Schweiz das sogenannte Saisonnierstatut eingeführt. Die Wirtschaft holte Ausländer ins Land, wo die Konjunktur sie brauchte. Eine Saison dauerte jeweils neun Monate.

Auf neun Monate Plackerei in der Schweiz folgten drei Monate Pause in der Heimat. Drei Monate des bangen Wartens auf einen neuen Vertrag. Unter dem Eindruck einer kraftvollen Migration legte die Eidgenossenschaft ab 1963 für jeden Kanton ein fixes Kontingent solcher Saisonniers fest. Für die ausländischen Werktätigen, die hier dennoch weiter arbeiten wollten, stieg die existenzielle Unsicherheit abermals.

Wiederholt sich ein düsteres Kapitel?

Wie fühlt sich das als Kind an, die meiste Zeit eingeschlossen daheim zu sitzen, ohne Kontakt zu anderen Kindern? Was macht eine solche Situation mit einer Familie? Wie findet sie vielleicht trotzdem einen Weg?

Aber vor allem: Ist die Schweiz mit der Umsetzung der «Masseneinwanderungsinitiative» auf dem besten Weg, dieses düstere Kapitel Schweizer Geschichte zu wiederholen? Im Club mit Karin Frei erzählen ehemalige «verbotene Kinder» und diskutieren mit SVP- und SP-Politikern.

Buchhinweis

Marina Frigerio: «Verbotene Kinder. Die Kinder der italienischen Saisonniers erzählen von Trennung und Illegalität.» Rotpunkt, 2014.

22 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Matzinger Eva, Bäretswil
    eine solche sendung im schweizer fernsehen trägt absolut nichts zu toleranz und verständnis bei. noch nie haben sich in mir slche aggressionen aufgestaut. als ehem. alleinerziehende mutter mit min. finanz. zuwendung vom vater lebe ich schon mein ganzes erwachsenenleben am existezmimimum. jetzt bin ich iv-rentnerin un arm. niemand hilft mir.falls diese abstimmung über die einwanderun noch nicht vorbei wäre, würde ich diesmal ein JA in die urne legen. dieser staat hilft schon seinen armen nicht
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von olga frick, triesen
    Ich gebe herrn Karl sutter teilweise recht.früher waren die italiener- spanier- und wenige portugesen hier.die arbeiteten sehr hart in der schweiz.Ich bin spanierin meine eltern waren dazumal saissoniers und wir konnten 1969 nachkommen.wir hatten sowohl in spanien wie hier eine schöne kindheit gehabt.unsere eltern arbeiteten beide.ich kann herr sutter begreifen denn es ist nicht mehr wie früher.schweiz und FL ist ein selbstbedienungs Laden geworden für faule ausländer.und kriminelle.zu sozial!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von olga frick, triesen
    Meine eltern waren auch saisonnies.meinbruder und Ich kammen 1969 in die schweiz .dank einen super lehrer wo alles organisiert hat konnten wir hier bleiben.wir durften in den kindergarten und schulen.wir sind sofort integriert worden.und hatten keine probleme mit unserer spanischen mentalität.ja wir hatten haben noch sehr viel temperament aber war meistens von vorteil.Ich bin gerne hier.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten