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Gesellschaft & Religion Windmühlen im Kopf: Wie Hochsensible dem Alltagsgetöse begegnen

Brigitte Küster ist hochsensibel: Auf innere und äussere Reize reagiert sie differenzierter als andere, oft verliert sie sich darin. Mit ihrem Institut für Hochsensibilität möchte sie über ihre spezielle Wahrnehmung aufklären. Denn die Forschung belegt: 15 bis 20 Prozent der Menschen fühlen wie sie.

Eine Hand hält eine Pustemblume, mehrere Samen fliegen davon.
Legende: Reize wie Lärm, Gerüche oder auch Stimmungen zwischen Menschen nehmen Hochsensible stärker wahr. Flickr/Gexon

Schon ihre Stimme ist Balsam für die Seele. Wie eine tiefe Glocke. Beruhigend und mit einem Timbre, das auch Heiterkeit vermuten lässt. Sie empfängt mich in ihrem aprikosenfarbenen Haus in Altstätten im St. Galler Rheintal: Brigitte Küster, die Schweizer Fachfrau für Hochsensibilität.

In den Reizen verloren

Im ausgebauten Kellergeschoss befindet sich das IFHS, ihr Institut für Hochsensibilität. Hier berät sie ihre Klientel, hier bereitet sie ihre Seminare vor, hier kommen wissenschaftliche Daten und Fakten zusammen. «Ich war schon mit vier Jahren die geborene Psychologin», sagt Brigitte Küster, «ich spürte einfach immer, was zu tun war, damit es allen in der Familie gut ging». Meistens war das eine Clownnummer. Durch das Lachen ging es allen besser. Schade nur, dass das hochsensible Kind dabei öfter leer ausging.

15 bis 20 Prozent aller Menschen gelten als hochsensibel. Sie spüren genauer und fühlen tiefer, was um sie herum passiert. Schnell verlieren sie sich selbst in all den Reizen. Ihr Gehirn filtert weniger als andere Gehirne. Die Hochsensiblen sind so leichter reizüberflutet und können manchmal kaum ausblenden, was für andere noch nicht mal der Rede wert ist.

Leidvolle Gedankenkarusselle

Besonders sensible Menschen kommen gedanklich manchmal nicht vom Fleck. In ihrem Kopf drehen sich die Gedanken im Kreis. Was meinte der, als der das sagte und dabei die Augenbraue in die Höhe zog? War das ironisch oder ernst gemeint? Warum hat niemand geantwortet? Was hätte ich tun müssen oder können? «Gedankenkarusselle können sehr leidvoll sein und hochsensible Menschen müssen lernen, die fünf auch mal grade sein zu lassen», sagt Brigitte Küster. Sie vergleicht diesen Zustand mit Barbara Streisands leisem Lied «Windmills of your Mind». Küster mag das Lied sehr.

Die schmale Komfortzone

Eine weitere Gemeinsamkeit der besonders Dünnhäutigen ist der beschränkte Wohlfühlbereich. Das ist da, wo die Temperatur stimmt, wo die Gedanken nicht kreisen. Da, wo nichts weh tut – manche Hochsensible sind sehr schmerzempfindlich. Und da, wo sie sich gerade von nichts anderem erholen müssen. Dieser Bereich ist bei Hochsensiblen deutlich schmaler als bei den Normalsensiblen. Und die Komfortzone muss fast stündlich neu überprüft und austariert werden.

Weil sie durch die Reizflut des Weltgetöses schneller genug haben, brauchen hochsensible Menschen mehr Ruhe und Rückzug. Damit sie aber dadurch nicht in eine Isolation geraten, gilt auch immer wieder das eigene Fassungsvermögen sanft zu erweitern: «Hochsensible können lernen, sich an die eigenen Grenzen anzulehnen» sagt Brigitte Küster.

Hochsensibilität ist aber auch eine Gabe. Menschen von hoher Durchlässigkeit haben ein tiefes Gerechtigkeitsempfinden. Sie spüren früh, wenn etwas schief läuft. Sie können zwischen den Zeilen lesen. Und sie hören die «Flöhe husten». Mit anderen Worten: Wer mit ihnen lebt oder arbeitet, tut gut daran, ihrem Seismograph zu trauen. «Für hochsensible Menschen ist aber sehr wichtig, dass sie um ihr spezielles Sein wissen und lernen, damit umzugehen – nicht nur für die anderen, auch für sich selbst.»

Zur Person

Zur Person
Legende: Brigitte Küster

Brigitte Küster studierte Soziologie, Verhaltens- und Erziehungswissenschaften. Sie ist Gründerin und Leiterin des Instituts für Hochsensibilität in Altstätten, St.Gallen. Als psychologische Beraterin und Traumatherapeutin unterstützt sie die Anliegen hochsensibler Menschen.

HörPunkt: Anders

Menschen, die anders sind oder anders leben, sind für jede Gesellschaft eine Herausforderung. Im HörPunkt vom 2. Mai 2016 porträtierte Radio SRF2 Kultur fünf Menschen, die zum Teil ihr Anderssein selbst gewählt haben, zum Teil aber gar nicht anders können, als «anders» zu sein.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Olivier Wyss, Birr
    Herrlich diese einfache Antwort, Frau Jucker. Sie sind definitiv nicht davon betroffen. Seien dankbar dafür! Ich kenne Menschen in meiner Umgebung, die Leiden extrem an ihrer Sensibilität, machen sich auch dauernd Selbstvorwürfe, suchen die Schuld immer bei sich selbst, probieren alles um Linderung od. Heilung zu erlangen, und können den Teifelskreis trotzdem nicht durchbrechen. Ihr Kommentar ist wenig hilfreich. Sorry!
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    1. Antwort von Christina Ammann, St. Gallen
      Danke, Herr Olivier Wyss, genau so ist es und sie haben mir mit Ihren Worte aus der Seele gesprochen. Es ist ein Teufelskreis, ein Fluch und ein Segen und oft sehr streng. Ich würde mir wünschen, dass ich einen Weg finden würde, der es erträglicher machne würde, aber habe ihn noch nicht gefunden :-( Liebe Grüsse
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  • Kommentar von Corinna Jucker, Seegräben
    Es gibt keine Hochsensibilität. Diese Menschen sind einfach gesund und ertragen den überdimensionierten Lärm unserer modernen Gesellschaft nicht. Der Mensch ist nicht gewohnt, in Dauerlärm und -Berieselung zu leben und nicht dafür gemacht. Alle anderen, die das nicht spüren, hören, fühlen, riechen, schmecken sind doch sinnlich schon abgestorben. Das ist Tatsache. Willkommen in der modernen Welt! Geht raus in die Natur und erlebt Stille! Das ist normal und gesund. Da gehört der Mensch hin.
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    1. Antwort von Patrick Bucher, Luzern
      Das ist bloss Wortklauberei, was Sie da schreiben. Dann unterscheiden wir eben nicht zwischen hochsensibel und normalsensibel, sondern zwischen gesund und sinnlich abgestorben. Der Unterschied bleibt: Manche Leute vertragen mehr, andere weniger.
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    2. Antwort von Dumeng Girell di Giovanoel, Oftringen
      Als Hochsensibler muss ich Ihnen widersprechen. Ich spühre bei Ihnen sehr viel Ärger/Ablehung heraus, gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung, aber auch gegenüber dem Anders sein. Das erklärt es wohl, weshalb sie uns Hochsensiblen einfach mal salop raten in den Wald zu gehen. Bitte denken sie das nächste mal nach bevor sie etwas schreiben und hören sich den Beitrag auch an. Sie merken es vielleicht gar nicht, aber ihre Kommentar ist sehr ablehnend und verletzend für hochsensible Menschen.
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