«Wir haben alle Würde verloren» – das Protokoll einer Flucht

Die 16-jährige Feben* und ihre zwei Jahre ältere Schwester Lem Lem* sind aus Eritrea nach Lampedusa geflüchtet. Die Geschichte ihrer Flucht haben sie dem Kinderhilfswerk «Save the Children» zu Protokoll gegeben. Wir geben sie hier wieder.

Zwei Mädchen von hinten, beide in warmen Jacken, eine trägt eine türkisfarbene Mütze.

Bildlegende: Im sicheren Hafen, aber noch lange nicht am Ziel: Feben und Lem Lem am Hafen von Lampedusa. Jonathan Hyams / Save the Children

«Wir waren fünf Monate unterwegs, bis wir hier angekommen sind. Wir sind in Eritrea gestartet und gingen drei Tage zu Fuss über die Grenze nach Äthiopien. Wir wurden abgefangen und kamen in ein Auffangzentrum. Sie haben uns befragt und in ein Flüchtlingslager geschickt. Aber wir sind weitergegangen, weil wir nach England wollten, zu unserem Bruder.

Wir sind noch einmal drei Tage gelaufen bis zur sudanesischen Grenze. Wir mussten den Tezeke Fluss überqueren, der voll von Alligatoren ist. Wir mussten uns in eine kleine Plastikschale setzen und uns an einem Seil auf die andere Flussseite ziehen. Dann haben uns Schmuggler in einem Auto nach Khartum gebracht. Als wir ankamen, mussten wir ihnen 1400 Dollar bezahlen. Unser Bruder musste es uns schicken. Wir waren zwei Monate bei Verwandten in Khartum. Wir konnten das Haus nicht verlassen, weil wir Angst hatten, dass die Polizei uns findet.

Auf hoher See gibt der Motor den Geist auf

Es dauerte eine Woche, um mit dem Truck durch die Wüste nach Bengasi in Libyen zu kommen. Dort haben uns die Schmuggler für je 1700 Dollar an libysche Schmuggler verkauft. Wir mussten das Geld selber bezahlen. Sie haben uns gesagt, sie würden uns foltern und töten. Also hat unser Bruder noch einmal Geld geschickt. Er hatte nicht genug, also hat er das Geld bei seinen Freunden gesammelt, um für unsere Leben zu bezahlen.

Dann mussten wir einen Monat in einer verlassenen Fabrik ausserhalb Tripolis warten. Die Überfahrt mit dem Boot hat nochmal 1800 Dollar gekostet. Auf dem Boot waren 340 Menschen, und nach drei Stunden ging der Motor kaputt. Ein tunesisches Boot hat uns gesehen. Sie haben uns 24 Stunden lang mitgeschleppt. Dann kam das italienische Rettungsschiff.

Alle Würde verloren

Das schlimmste an der ganzen Flucht war das Boot. Es ging um Leben und Tod. Die Männer waren unten und die Frauen waren oben, an Deck. Es war kalt. Wir warteten darauf, zu sterben. Wir haben gebetet, gebeichtet, du kannst nichts anderes tun.

Wir möchten mit unserem Bruder leben, aber wir wissen nicht, wie wir dorthin kommen. Wir wissen nichts über England, nur, dass es schwierig ist, dorthin zu kommen.

Unsere Eltern sind immer noch in Eritrea mit unserem Bruder und unserer Schwester. Wir wissen nicht, wann sie flüchten werden. Niemand will in Eritrea bleiben. Wir wünschen niemandem, dass er sein Land verlassen muss. Wir haben alle Würde verloren, weil wir flüchten mussten. Ich möchte studieren und Rechtsanwältin für Menschenrechte werden.»

*Namen geändert

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