«Wir nehmen die Voodoo-Aktion gegen Köppel viel zu ernst»

«Schweiz entköppeln!», eine Produktion am Zürcher Theater Neumarkt, sorgt für Zündstoff. Zum Programm gehört eine Internetseite, auf der man den SVP-Nationalrat Roger Köppel verfluchen kann. Kritiker bezeichnen die Aktion als niveaulos. Ralf Fiedler, Kodirektor des Theaters Neumarkt, widerspricht.

Eine weiblich Hand hält ein iPad, auf dem eine Zeichnung von Roger Köppel zu sehen ist.

Bildlegende: «Schweiz entköppeln!» lässt Besucher abstimmen, welcher Fluch den «Weltwoche»Chef Roger Köppel heimsuchen soll. SRF

Warum bietet das Theater Neumarkt Roger Köppel eine solche Plattform?

Ralf Fiedler: Seit fast einer Woche findet bei uns das Festival «Krieg und Frieden» statt. Die Aktion «Schweiz entköppeln» des Zentrums für Politische Schönheit ist eine von fast 40 Veranstaltungen, die unter diesem Titel laufen. Die Macher, unter der Leitung von Philipp Ruch, haben uns diese Performance so geliefert – das war nicht unser Wunschthema. Aber wir glauben, dass die Performance nicht nur eine Plattform für Roger Köppel ist, sondern etwas zur Sprache bringt, das uns alle beschäftigt.

Heute, am 18. März, soll – als Teil der Aktion – eine Art Exorzismus stattfinden: ein aus Kamerun eingeflogener Voodoo-Priester wird Roger Köppel «endgültig verfluchen». Was halten Sie davon?

Wir vom Theater Neumarkt glauben nicht an Voodoo. Umso mehr hat uns überrascht, dass so viele Leute denken, wir würden genau das tun. Voodoo hat ja auch einen gewissen dadaistischen Geist.

Schwarz-Weiss-Porträt: ein Mann mit kurzem Haar und Schmollmund schaut ernst in die Kamera.

Bildlegende: Seit der Spielzeit 2013/14 leitet Ralf Fiedler gemeinsam mit Peter Kastenmüller das Theater Neumarkt in Zürich. Caspar Urban Weber

Aber vielleicht glaubt Ihr Publikum daran. Immerhin haben auf der Internetseite «Schweiz Entköppeln» bereits über 800'000 Menschen Köppel verflucht.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese 800'000 Leute, tatsächlich glauben, dass Herrn Köppel etwas passiert. So ist die Aktion nicht konzipiert.

Nehmen wir alle die Produktion viel zu ernst?

Auf jeden Fall. Natürlich steht jetzt dieser grosse Vorwurf der Geschmacklosigkeit oder Primitivität im Raum. Das tut weh, wenn man als Theatermacher so etwas gesagt bekommt. Andererseits ist offenbar genau das die Idee der Performance: eine krasse Form von Geschmacklosigkeit zu erzeugen. Aber diese soll natürlich die Geschmacklosigkeit gewisser medialer Kampagnen spiegeln und wie diese funktionieren.

Bei Kunst ist es ja oft so, dass man ein krasses Mittel verwendet und die Leute dann erst in einem zweiten Schritt verstehen: «Aha, das hat mit dem zu tun». Andererseits fallen den Leuten bestimmte Sachen gar nicht mehr auf – zum Beispiel, wie die Weltwoche über Flüchtlinge und Migranten berichtet.

Heute Abend, wenn die eigentliche Performance stattfindet, geht es ja nicht nur ums Verfluchen, sondern um Exorzismus: um die Austreibung eines schlechten Geistes – und damit auch um Heilung oder Reinigung.

Sendung: Radio SRF1, Heute Morgen, 18.3.2016, 7:00 Uhr

«Schweiz entköppeln»

Das Theater Neumarkt will mit der Aktion «Schweiz entköppeln» für eine Performance vom 18. März werben. Gemäss Programm soll dabei ein «erfahrener Exorzist» Köppel vom Geist Julius Streichers befreien, der in Nazideutschland das antisemitische Blatt «Der Stürmer» herausgegeben hatte. Von diesem sei der SVP-Nationalrat eindeutig besessen.