Biografiearbeit – ein Modell für die Zukunft

Angenommen, wir werden dereinst 120 Jahre alt: Was heisst das für die Pflege von alten Menschen? Ein zukunftsweisender Ansatz ist die sogenannte Biografiearbeit. Heute gibt es in der Schweiz nur drei Häuser, die Biografiearbeit betreiben. Eines steht in Rätscheren bei Winterthur.

Mann mit langem, weissen Vollbart schaut in die Ferne.

Bildlegende: Biografiearbeit in Altersresidenzen: Wer die Vergangenheit der Menschen kennt, kann besser auf sie eingehen. Getty Images

Wer heute in der Alterspflege «hip» sein will, redet von Biografiearbeit. Tatsächlich betrieben aber wird sie in der Deutschschweiz von nur drei Häusern: Eines davon ist das «Zentrum Sonne» im zürcherischen Räterschen. In diesem offenen Haus leben 14 Betagte, die nicht mehr alleine leben können oder wollen. Trotzdem legen sie Wert auf ein selbstbestimmtes Leben. Jürgen Spies, Leiter des «Zentrums Sonne», sagt: «Wir nehmen unseren Bewohnerinnen und Bewohnern nichts ab, was sie selber können.»

Die Erinnerung ankurbeln

Aktiv am Leben teilhaben – so lautet das Motto in Räterschen. Die eine hilft in der Küche, ein anderer studiert konzentriert die Zeitung. Und eine Dritte, eine ehemalige Musiklehrerin, ist ganz allein in ihrem Zimmer und spielt hingebungsvoll Klavier. «Musik ist mein Leben», sagt sie und strahlt die Besucherin an.

Im «Zentrum Sonne» ist jeder Mensch auf seine individuelle Art und Weise aktiv. Damit das gelingen kann, ist es wichtig, etwas über das Leben der Betagten zu erfahren. Denn allzu oft sitzt ein alter Mensch völlig abgestumpft in einem Heim und weiss rein gar nichts mehr mit sich anzufangen. Wichtig ist ein Schlüsselreiz, damit seine Erinnerung angekurbelt wird. Damit er die Brücke schlagen kann in seine eigene Lebensgeschichte. Ein solcher Schlüsselreiz können Gegenstände sein wie beispielsweise ein Schultornister oder ein altes Sparschwein und Fotos. Damit verbindet der Mensch Gefühle – Jürgen Spies spricht deshalb gerne von «Gefühlsbiografie». Entscheidend seien nicht die nackten Fakten eines Lebens, sondern die Gefühle, die ein alter Mensch damit verbindet.

Sherlock Holmes ist fehl am Platz

Biografiearbeit will zweierlei: Erstens will sie dem betagten Menschen helfen, mit sich ins Reine zu kommen. Das stärkt das Selbstvertrauen. Zweitens ermöglicht Biografiearbeit dem Pflegepersonal, besser auf den einzelnen Menschen einzugehen und ihn individuell zu betreuen. Die zentrale Frage lautet: Wie wurde der Mensch zu dem, was er ist?

Das bedeutet aber nicht, dass ein Mensch ausgequetscht werden soll. «Der Betagte bestimmt die Grenzen der Biografiearbeit und gibt preis, was er will», sagt Jürgen Spies. «Wir sind keine Sherlock Holmes, die detektivisch nach Fakten und Daten fahnden. Wir bohren nicht in Wunden, sondern warten, bis die alten Menschen erzählen wollen.»

Das erfordert Einfühlungsvermögen und Diskretion und zudem ein Interesse für Zeitgeschichte. Biografiearbeit ist anspruchsvoll und geht weit über heute übliche Pflege hinaus. Vielleicht ist sie gerade deshalb ein Modell für die Zukunft.