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Entschleunigung als Chance?
Aus Kulturplatz vom 18.03.2020.
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Essay zum Zuhausesein Der sanfte Horror des Kokons

Wir sind jetzt alle zuhause. Wie schrecklich ist das denn? Über den Rückzug ins Private – in Zeiten von Covid-19.

Ich habe ein zauberhaftes Zuhause. Und einen zauberhaften Ehemann. Trotzdem erklärte ich Letzterem in Ersterem am Abend von Tag Eins des Corona-Lockdowns: «Das war erst der erste Tag? Kommt mir vor wie hundert! Wir müssen ein Programm entwickeln, damit wir nicht durchdrehen.»

Dabei war jener Tag, wie auch die folgenden, nur schon dadurch überaus geschäftig, weil all die Absagen, Stornierungen, Verschiebungen zu organisieren sind.

Endlich Entschleunigung, Cocooning, Hygge – all das, wovon die Hipster schwärmen.

Aber darum geht es nicht. Zumal «Zuhause» für mich kein unbekanntes Terrain ist: Ich bin daran gewöhnt, zuhause zu arbeiten.

Ich arbeite seit jeher zuhause, an meinem Schreibtisch. Ich sitze also nicht zuhause und falle in den Schacht, den Schacht leerer Zeit, des Nichts, der schauerlichen Substanzlosigkeit. Nö. Ich könnte ein Buch schreiben. Mache ich schliesslich sonst auch.

Es geht um die Möglichkeiten

Doch auch darum geht es nicht. Es geht um die Möglichkeiten. Das Gym ist zu. Ich kann nicht ins Training. Die Geschäfte sind zu. Ich kann nicht einkaufen. Ich kann also zwei meiner Hauptaktivitäten, trainieren und einkaufen, nicht in gewohnter Form leben. Ich stecke im Kokon.

Philipp Tingler

Philipp Tingler

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Philipp Tingler ist Philosoph und Schriftsteller. Sein neuester Roman heisst «Rate, wer zum Essen bleibt».

Instagram: @philipptingler

Es ist dieser plötzliche Verlust von Möglichkeiten, der unter der Maxime «Social Distancing» die Multioptionsgesellschaft zusammenschrumpfen und das Individuum hängen lässt. Im Kokon.

Wir hätten womöglich jetzt die Chance für eine neue Art Aufmerksamkeit. Nämlich der tiefen.

Endlich Entschleunigung?

Und jetzt? Wird die Bremse gezogen, eine Art Notbremse. Der Mensch soll er selbst werden, aber bitte zuhause bleiben. Nun könnte man sagen: wunderbar. Endlich Entschleunigung, Cocooning, Hygge – all das, wovon die Hipster schwärmen.

Wir hätten womöglich jetzt die Chance für eine neue Art Aufmerksamkeit. Nämlich der tiefen.

Der Philosoph Byung-Chul Han, der in seinen Buch «Müdigkeitsgesellschaft» einen Gestaltwandel der Aufmerksamkeit aufgrund der allgemeinen Beschleunigung beklagt, schreibt: «Die kulturellen Leistungen der Menschheit, zu denen auch die Philosophie gehört, verdanken wir einer tiefen, kontemplativen Aufmerksamkeit.»

Szenario vieler Katastrophenfilme

Und jetzt? Können wir durch die Zwangsverlangsamung des öffentlichen Lebens und durch Social Distancing einen zivilisatorischen Fortschritt erzielen? Schön wär’s. So funktioniert das aber nicht.

Man wird auf die Kernfamilie zurückgeworfen. Das hier ist nicht wie Weihnachten, sondern das Szenario vieler Katastrophenfilme.

Stattdessen sieht die Sache wie folgt aus: Man bleibt plötzlich zuhause. Man wird auf die Kernfamilie zurückgeworfen. Das hier ist nicht wie Weihnachten oder eine Art Vorgeschmack auf den Ruhestand.

Sondern eher so: Auf begrenztem Raume werden einige Leute zusammen eingeschlossen, die die Schwächen der anderen kennen. Nicht umsonst ist dies das Szenario vieler Katastrophenfilme. Oder wenigstens des absurden Theaters.

Denn: Die Hintergrundfolie ist überhaupt nicht beschaulich. Sondern latent alarmierend.

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Aus Sternstunde Philosophie vom 22.03.2020.
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Quarantänehumor und Fun Facts

Mit der von Herrn Han monierten «flachen, nervösen Hyperaufmerksamkeit» verfolgt der zuhause sitzende Mensch im raschen Wechsel verschiedene Informationsquellen, die allesamt denselben Fokus haben: Mehr oder weniger qualifizierte Stimmen äussern sich über Pandemieverläufe, Infektionsketten und Ansteckungsrisiken.

Gerade hörte ich, man solle bei Kartenzahlungen vor dem Eintippen der PIN einen Einweghandschuh anziehen.

Unterbrochen wird diese pandemische Berieselung durch mehr oder weniger geistreichen, mehr oder weniger kulturchauvinistischen Quarantänehumor. Und Fun Facts.

Klopapier ist das neue Gold

Zum Beispiel kann der Hamsterkauf, dieser zart barbarische Akt eines kompetitiven Konsumismus, offenbar nach Nationalcharakter differenziert werden: Im deutschsprachigen Raum ist Klopapier das neue Gold, in Italien und Spanien Wein.

«Die Gescheiten werden nicht alle! (So unwahrscheinlich das klingt.)», dichtete Erich Kästner in seiner «Lyrischen Hausapotheke». Vor uns liegen noch Wochen.

Plötzlich klafft der Abgrund

Man empfindet, in den Worten des französischen Aufklärers und Wunderkinds Blaise Pascal, die eigene Preisgegebenheit, Unzulänglichkeit, Abhängigkeit und Ohnmacht.

Plötzlich klafft er auf, der Abgrund. In spätestens zehn Tagen werden wir anfangen, auf unseren sporadischen Ausflügen in die Halbgeisterstadt die seltsamsten Frisuren zu sehen. Denn die Coiffeure haben geschlossen.

Zerstreuung als Barriere vor der Verzweiflung

«Willst du einen Spaziergang machen?», fragt der beste Ehemann von allen. «Einen was?», erwidere ich. «Einen Spaziergang.» «Na gut.»

Auf dem Spaziergang fällt mir ein, dass wir Blaise Pascal ausserdem die Einsicht verdanken, dass sich die wahre Natur des Daseins in der Langeweile offenbare: Wir werden zufällig in eine Welt hineingeworfen, der wir egal sind. Absurdes Theater eben.

Sehen wir den Tatsachen ins mundgeschützte Gesicht: Es wird noch ein bisschen dauern.

Das gilt, wenn es gilt, freilich völlig unabhängig von Covid-19. Auch nicht neu ist die Klage, der Verlust von Beschaulichkeit, die Verabsolutierung der «Vita activa», sei mitverantwortlich für die Überdrehtheit der spätmodernen Aktivgesellschaft, die sich jetzt im Leerlauf dreht.

Und wer bis letzte Woche gern und gepflegt die Hyperaktivität des Leistungssubjekts kritisierte, schien irgendwie schon immer jene Heerscharen von Subjekten übersehen zu haben, die ihre Aufmerksamkeit seit jeher sitzend zwischen Reality Shows und anderen Pseudo-Realitäten verramschen, welche einen Stecker am Ende haben. Pandemischer Verdummung ist eben nicht durch Quarantäne beizukommen, im Gegenteil.

Es wird noch ein bisschen dauern

Das Filmfestival von Cannes wird im Mai nicht stattfinden. Das Glastonbury Open Air ist abgesagt. Das wäre Ende Juni gewesen. Im Radio höre ich regelmässig den Appell, zuhause zu bleiben: «Der Bundesrat und die Schweiz zählen auf Sie.»

Das Gute: Auch fürchterliche Sachen fallen aus. Zum Beispiel der Eurovision Song Contest.

Sehen wir den Tatsachen ins mundgeschützte Gesicht: Es wird noch ein bisschen dauern. Blaise Pascal empfiehlt Zerstreuung als Barriere vor der Verzweiflung. Ich poste jetzt jeden Tag eine Story auf Instagram mit einem Gedicht aus der «Lyrischen Hausapotheke».

Letztlich helfen auch wieder die Mittel aus der Freudschen Hausapotheke: Liebe und Arbeit. So wie dieser Essay. Und die Besinnung auf das Positive, wie Kästner sagen würde. Zum Beispiel: Auch fürchterliche Sachen fallen aus. Etwa der Eurovision Song Contest.

Good luck and good health.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 22.3.2020, 11:00 Uhr

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