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Geschwister – geliebte Rivalen?
Aus Kultur Webvideos vom 26.07.2020.
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Geliebte Rivalen Warum wir unsere Geschwister ärgern – und was wir dabei lernen

Sie begleiten uns ein Leben lang, ob wir wollen oder nicht. Wie uns Geschwister prägen und warum es sich lohnt, diese Beziehung zu pflegen.

Die vernünftige Älteste, der aufmüpfige Zweite, das manipulativ-charmante Nesthäkchen: Wer Geschwister hat, hat oft auch eine Vorstellung, warum wir wurden, wer wir sind.

Was ist dran an solchen Zuschreibungen? Und was lernen wir von unseren Geschwistern? Wir haben nachgefragt beim Entwicklungspsychologen Moritz Daum.

Moritz Daum

Moritz Daum

Professor für Entwicklungspsychologie

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Moritz Daum ist seit 2012 Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die kognitive Entwicklung im Kindesalter. Daum studierte an der Universität Zürich und habilitierte an der Universität Leipzig. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

SRF: Haben Erstgeborene mehr Fähigkeiten als ihre jüngeren Geschwister?

Moritz Daum: Erstgeborene sind in der Regel intelligenter als die Nachgeborenen. Vor allem bei mehreren Geschwistern. Das zeigen Studien immer wieder. Die Unterschiede sind nicht riesig, aber statistisch recht robust.

Das heisst aber nicht, dass Erstgeborene immer schlauer sind als ihre nachfolgenden Geschwister. Das sind statistische Mittelwerte aufgrund grosser Fallzahlen.

Wie erklärt die Wissenschaft, dass Erstgeborene tendenziell intelligenter sind?

Das läuft zu einem grossen Teil über Sprache und Aufmerksamkeit: Das Erstgeborene muss sich die Aufmerksamkeit der Eltern noch nicht mit Geschwistern teilen.

Erstgeborene sind in der Regel intelligenter als die Nachgeborenen.

Ausserdem hört es viel Erwachsenensprache, wenn die Eltern sich miteinander unterhalten. Das ändert sich, wenn ein zweites Kind dazukommt. Dann gibt’s weniger Aufmerksamkeit und die Eltern sprechen häufiger im Baby-Jargon.

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Was tun Eltern, wenn sich die Kinder zoffen?
Aus Perfekte Eltern vom 11.02.2020.
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Es gibt diesen Spruch «Älteste werden Chefs, Zweitgeborene Rebellen». Stimmt das?

Die Theorie war vor gut 20 Jahren populär. So absolut ist sie heute nicht mehr haltbar. Es gibt vielleicht eine leichte Tendenz, dass Erstgeborene eher Führungsaufgaben übernehmen.

Womöglich war das früher auch deutlicher, als dynastisches Denken in Familien noch stärker war. An Erstgeborene, vor allem Söhne, wurden automatisch Statthalter-Erwartungen gestellt: Dass sie mal den Betrieb übernehmen. Durch diese Erwartungshaltung wurden Kinder auch geformt.

Aufwachsen mit vielen Geschwistern

Führungsaufgaben musste auch Daniela Oberholzer übernehmen. Sie ist die Älteste von sieben. Nach ihr kamen nur Jungs, einer nach dem anderen. Als das siebte Kind unterwegs war, wünschte sie sich so sehr eine Schwester. Aber wieder war es ein Junge. Ein Schock sei das gewesen, erzählt sie.

Kindheitsfoto: Daniela Oberholzer und ihre sieben Brüder sitzen auf einem Bett
Legende: So friedlich ging es bei Oberholzers nicht immer zu und her: Daniela Oberholzer mit ihren Brüdern. ZVG

Natürlich liebte Daniela dann auch den Kleinsten. Aber sie sagt auch, es sei streng gewesen mit so vielen jüngeren Brüdern. Oft lärmig und ein Gerangel. Als Älteste musste sie oft auf die Brüder aufpassen. Und manchmal auch kämpfen. Denn wenn die grosse Schwester sagte, es sei Schlafenszeit, nahmen die Jungs das weniger ernst als das elterliche Machtwort.

Sie habe sich oft nach Ruhe gesehnt und wenn immer möglich in ihr Zimmer verkrochen. Denn das war ihr Privileg als Älteste und als einziges Mädchen.

Auf die Frage nach eigenen Kindern zögert die 29-jährige Primarlehrerin. «Vielleicht zwei», meint sie schliesslich, «das reicht.»

Geschwister sucht man sich nicht aus. Sie sind einfach da. Als Kinder bewältigen wir mit ihnen den Familienalltag. Wir teilen mit ihnen das Essen, die Eltern, die Wohnung. Sie sind unsere ersten Sparring-Partner um herauszufinden, wer wir sind und wie wir mit anderen umgehen.

SRF: Wie stark prägen uns Geschwister?

Moritz Daum: Vor allem, wenn sie klein sind, verbringen Geschwister sehr viel Zeit miteinander: Sie spielen zusammen, vielleicht schlafen sie im selben Zimmer. Das heisst, sie kennen einander sehr gut. Sie wissen, wie sie dem Geschwister eine Freude machen – und wie sie es ärgern. Da spielen sich Muster und Rollen ein. Unter Geschwistern bleiben sie oft ein Leben lang.

Spielen wir ausserhalb der Familie die gleiche Rolle wie unter unseren Geschwistern?

So einfach ist es nicht. Die Rollen unter Geschwistern haben sehr viel mit der gemeinsamen Geschichte zu tun. Mit anderen Menschen haben wir diese gemeinsame Basis nicht. Das macht Geschwisterbeziehungen so speziell.

Sich zu vergleichen kann ein starker Antrieb sein.

Mit anderen Menschen haben wir andere Interaktionen, die neue Beziehung und neues Rollenverhalten hervorbringen. Sicher ist die Geschwisterbeziehung insofern prägend, als wir da zum ersten Mal das Miteinander lernen – und auch das Gegeneinander.

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Aus dem Archiv: Geschwister – Gehasst, geliebt, ewig verbunden
Aus Kulturplatz vom 18.03.2015.
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Geschwister vergleichen sich oft miteinander: «Wer kann es besser? Wer kriegt mehr?» Woher kommt das?

Die Konkurrenz entsteht automatisch, weil die Ressourcen begrenzt sind. Alles dreht sich um die Aufmerksamkeit der Eltern. Die ist ein knappes Gut, gerade bei vielen Kindern. Da muss jedes schauen, dass es zu seinem Recht kommt. Ausserdem führt der Altersunterschied automatisch dazu, dass die älteren Geschwister weiter sind – und die jüngeren ihnen nacheifern.

Gibt es positive Aspekte der Konkurrenz zwischen Geschwistern?

Sich zu vergleichen kann ein starker Antrieb sein, die eigene Leistung zu verbessern. Was wir können und wollen, erfahren wir massgeblich dadurch, dass wir uns mit anderen vergleichen – auch mit den Geschwistern.

Die Gefahr ist, dass Konkurrenz zur Feindschaft wird. Dann steht nicht im Vordergrund, sich selbst zu verbessern, sondern den anderen schlecht zu machen. Dann kippt die positive Kraft ins Negative.

Oft empfiehlt man daher Eltern, dass bei den Hobbies jedes Kind seine eigene Nische finden solle. Allerdings teilen Geschwister halt oft auch die Interessen.

«Sie sind doch die Schwester von ...?!»

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Legende:Die Ott-Schwestern damals und heute: Mona Asuka und Alice Sara Ott.ZVG

Mona Asuka eiferte früh ihrer Schwester nach. Sie spielte Klavier, bevor sie sprechen konnte. Schon als Zweijährige beobachtete sie, wie die drei Jahre ältere Schwester Alice Sara viel Aufmerksamkeit bekam, sobald sie sich ans Klavier setzte. Das wollte sie auch. Beide Schwestern gewannen früh Wettbewerbe.

Heute ist Alice Sara Ott ein internationaler Star, Mona Asuka weitaus weniger bekannt. Ist das ein Problem für sie? Die 29-Jährige verneint: Sie hätte sonst längst einen anderen Beruf gewählt. Und doch hat sie einiges unternommen, um nicht immer nur die kleine Schwester der Berühmtheit zu sein. Sie hat den Namen und ihr Erscheinungsbild geändert.

Mit Geschwistern schauen wir zum ersten Mal in unsere Abgründe: erleben Neid und Hass. Wir lieben sie nicht nur. Als Kinder quälen wir einander auch.

SRF: «König und Sklave» ist ein beliebtes Spiel unter Geschwistern. Ist das schlimm?

Moritz Daum: Es ist normal, solange keiner einen bleibenden Schaden davonträgt. Geschwister üben untereinander auch den Umgang mit giftigen Gefühlen: Eifersucht, Rache, die Lust, Macht auszuüben. Kinder sind neugierig, sie probieren alles aus.

Geschwister üben untereinander den Umgang mit giftigen Gefühlen.

Auch in Beziehungen loten sie aus, was drin liegt. Wenn sie dann klar gesagt bekommen, wo eine Grenze überschritten wurde – und vor allem auch warum –, dann lernen die Quälgeister viel dabei. Und der «Sklave» im Spiel lernt vielleicht, sich zu behaupten.

Wir Erwachsene haben ja auch nicht von einem Tag auf den anderen gelernt, zivilisiert zu streiten. Das ist ein sehr langer Prozess.

Beim Erbe verstehen Geschwister keinen Spass

Eifersucht und Hass zwischen Geschwistern werden mit den Jahren meist schwächer. Manchmal aber schwelen die giftigen Gefühle weiter und brechen vollends aus, wenn es ums Erbe geht.

Wie Erbstreitigkeiten Geschwister entzweien, erlebt der Psychologe und Buchautor Jürg Frick in seiner Praxis: Die Erbteilung sei sozusagen der letzte Akt im Geschwisterdrama, sagte er: «Wer wurde mehr geliebt, wer ist wieviel wert? Wenn Geschwister schon vorher eine angespannte Beziehung hatten, eskaliert spätestens dann der Konflikt.» Dabei gehe es weniger um die Höhe des Erbes: «Es gibt Menschen, die streiten um wenige Franken. Es geht nicht ums Geld, sondern um das Gefühl: ‹Ich komme zu kurz

Dabei sei die objektive Wahrheit gar nicht entscheidend, sondern die gefühlte. Jürg Frick: «Wer immer meint, er komme zu kurz, kommt zu kurz.» Wenn ein Haus bei der Erbteilung korrekt geschätzt wird, um Geschwister auszubezahlen, fühle sich trotzdem immer jemand benachteiligt.

Das bestätigt auch Entwicklungspsychologe Moritz Daum von der Uni Zürich: Eltern können objektiv gesehen fair sein gegenüber ihren Kindern. Die einzelnen Geschwister sehen es mitunter völlig anders – und für sie gilt die subjektive Wahrnehmung.

SRF: Als Kind sind Geschwister wichtig. Später als Erwachsene wird der Kontakt oft lockerer. Wie ist es im Alter?

Moritz Daum: Am Ende der Lebensspanne werden Geschwister für viele Leute wieder wichtiger. Weil man sich so lange kennt, wird die Geschwisterbeziehung wieder als intensiv erlebt – oder zumindest so erinnert. Alte Konflikte erscheinen dann möglicherweise im milderen Licht.

Geschwister können einem den Spiegel vorhalten.

Im besten Fall sieht man die Kämpfe und Krämpfe von früher mit Humor. Wenn alte Konflikte gelöst sind – oder man sie stehen lassen kann –, dann hat man da einen Menschen, der einen sehr gut kennt und einem auch den Spiegel vorhalten kann.

Zwillingsein als Geschäftsmodell

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Legende:Markus (jeweils links) und Reto Huber – 1977 im Alter von zwei Jahren und heute.ZVG

Eine besonders intenstive Beziehung pflegen die Künstlerzwillinge Markus und Reto Huber. Als Kinder wurden sie bewusst getrennt, denn den Eltern ging es um eigenständige Entwicklung.

Aber Reto und Markus liefen immer irgendwie parallel durchs Leben. Sie hatten die gleichen Hobbies, machten dreimal die gleiche Ausbildung: erst Koch, dann Werklehrer, dann Kunststudium. Heute arbeiten die beiden ausschliesslich zusammen, unter dem Label «huber.huber».

Ob Geschwister als Erwachsene zusammenarbeiten oder sich entfremden: Beziehungen zu Geschwistern prägen fürs Leben. Und sie bestimmen auch, wie wir uns mit unserer ganzen Herkunftsfamilie auseinandersetzen, sagt Psychologe Moritz Daum: «Geschwister sind häufig die längste Beziehung unseres Lebens – und darum auch unser Zugang zum Familienarchiv.»

Radio-Serie «Geschwisterbeziehungen»

Radio SRF 2 Kultur zeigt in einer Sommerserie die vielfältigen Aspekte von Geschwisterbeziehungen:

Sendung: Kontext, 9.7.2020, 9:02 Uhr

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