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«Kinder der Landstrasse» «Die Jenischen wurden zu Sündenböcken gemacht»

Eine Familie steht vor einem Planwagen.
Legende: Das «Scharotl» ist bis heute ein Symbol für die fahrende Lebensweise, auch wenn die Fahrenden in der Schweiz schon lange nicht mehr mit dem Planwagen unterwegs sind. Anonymes Bild aus den 1920er-Jahren. Sammlung Ernst Spichiger/ Fotostiftung Graubünden

Das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» wurde 1926 von der Stiftung Pro Juventute gegründet mit dem Ziel, die Kultur der Fahrenden – insbesondere der Jenischen – zu zerstören. Dafür griffen sie zu einem drastischen Mittel: Sie nahmen den Familien die Kinder weg.

Die Historikerin Sara Galle untersuchte die Kindswegnahmen aus den jenischen Familien für ihre Dissertation – und ist vor allem über das unermessliche Leid erschüttert, das die Kinder und ihre Eltern erfuhren.

SRF: Das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse konnte knapp 50 Jahre lang jenische Familien zerreissen, Kinder entwurzeln und Biografien zerstören. Das nicht nur ungehindert, sondern mit breiter Unterstützung von Behörden, Ärzten oder Richtern. Ich kann das nur schwer nachvollziehen, wie das zugelassen werden konnte.

Sara Galle: Ja, aus heutiger Sicht ist das schwer verständlich. Aber wenn man weiss, wie der damalige Sozialstaat funktionierte, kann man das etwas besser nachvollziehen.

Dass die fahrende Lebensweise eine Gefahr für die Kinder darstellte, darüber waren sich Behörden und Fachleute einig.

Das müssen Sie mir erklären.

Die Wegnahme von Kindern aus armen Familien war damals weit verbreitet. Davon betroffen waren nicht nur die Jenischen. Man sah die Kindswegnahmen oft als einzige Möglichkeit, um soziale Probleme zu lösen. Sozialversicherungen wurden erst spät eingeführt. Die Gemeinden waren lange Zeit alleine verantwortlich für die Armenfürsorge – und die wollten sich vor möglichen Armenlasten schützen.

Dr. Sara Galle

Dr. Sara Galle

Historikerin

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Galle Sara, Dr. phil., ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Sie forschte zur Geschichte der Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen und zur Heimerziehung in der Schweiz im 20. Jahrhundert. Seit Januar 2016 ist sie als Forschungsleiterin für die Unabhängige Expertenkommission zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgungen mandatiert. 2016 erschien ihr Buch «Kindswegnahmen. Das ‹Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse› der Pro Juventute im Kontext der schweizerischen Jugendfürsorge» im Chronos Verlag.

Also ging es primär ums Geld?

So einfach ist es natürlich nicht. Aber ja, viele Gemeinden waren überfordert mit den Armenlasten. Dieses Problem wurde erst spät gelöst.

Ein Gruppe von etwas verwahrlosten Kindern sitzt lachend auf der Strasse.
Legende: Kinder von Jenischen auf einer Dorfstrasse in der Schweiz, aufgenommen um das Jahr 1950. Keystone

Aber wieso gerade die Jenischen? Waren sie so «leichte Opfer»?

Die Vorurteile gegenüber den Fahrenden sind tief in der Gesellschaft verankert. Es waren dieselben Vorurteile, die teilweise auch heute noch kursieren: Sie stehlen, sind schmutzig und haben eine liederliche Lebensweise.

Die Fahrenden gefährdeten in der damaligen Vorstellung nicht nur die Kinder, sondern bildeten auch eine Gefahr für die Gesellschaft. Tatsächlich machten sie aber kaum ein Prozent der Bevölkerung aus. Sie wurden vielmehr zu Sündenböcken für eine verfehlte Sozialpolitik.

Was sagt Pro Juventute dazu?

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«Das Leid, welches Betroffene und deren Familien erlitten haben, ist mit nichts wiedergutzumachen. Was geschehen ist, gehört untrennbar zur Geschichte von Pro Juventute. Die Stiftung hat sich mehrmals bei den Jenischen entschuldigt und den Betroffenen ihr tiefes Bedauern ausgedrückt. Pro Juventute setzte sich auch für die Aufarbeitung der Vergangenheit ein und unterstützte die Bestrebungen des Bundes zur Wiedergutmachung. Pro Juventute finanziert bis heute das Beratungstelefon der Stiftung Naschet Jenische., Link öffnet in einem neuen Fenster»

Aber nur wegen ein paar Vorurteilen kann man doch nicht ungehindert Familien zerstören.

Dass die fahrende Lebensweise eine Gefahr für die Kinder darstellte, darüber waren sich Behörden und Fachleute einig. Vermeintliche Belege für die angeblich negativen Eigenschaften der Jenischen lieferte die Wissenschaft. Diese spielte bei der Diskriminierung der Jenischen eine entscheidende Rolle.

Die Medien verbreiteten die Vorstellung, es handle sich bei den Jenischen um minderwertige Menschen. Das erklärt auch, warum sich lange Zeit eine Mehrheit der Bevölkerung am Vorgehen der Pro Juventute nicht störte.

Also ging es dem Hilfswerk um das Kindeswohl?

Gesellschaftliche Interessen wurden dem Kindeswohl übergeordnet. Das Ziel war, die Kinder zu sesshaften und arbeitsamen Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen, die vor allem nicht dem Staat auf der Tasche liegen sollten.

Ein Gruppenfoto von Kindern und Nonnen.
Legende: Das Kinderheim St. Johann im aargauischen Klingnau wurde wie die meisten Heime von katholischen Schwestern geführt. Hier waren über 23 «Kinder der Landstrasse» untergebracht. Louis Dreyer, Clingenowe

Man wollte den Kindern also nicht wirklich helfen – erklärt das, warum die Kinder der Landstrasse unter widrigsten Bedingungen aufwuchsen?

Man war überzeugt, etwas Gutes zu tun. Tatsache ist, dass die Fremdplatzierungen keine Verbesserung brachten. Im Gegenteil. Die meisten Kinder wuchsen in Heimen und Anstalten auf, wo sie Gewalt erfuhren und als Arbeitskräfte missbraucht wurden. Viele erhielten keine ordentliche Schulbildung und gerieten später in existenzielle Nöte.

Aber die Konsequenz war nicht, die Arbeit des Hilfswerks zu stoppen?

Nein – fatalerweise nicht. Fehlende Erziehungserfolge wurden vorschnell auf die angebliche erbliche Belastung zurückgeführt. Das entband die Verantwortlichen, ihr Tun kritisch zu hinterfragen.

Ein Teufelskreis.

Exakt. Bedenklich aus heutiger Sicht ist, dass es keine übergeordnete Instanz gab, welche die Entscheide der Gemeindebehörden korrigierte. Das hängt neben den gesellschaftlichen Wertvorstellungen auch mit den damaligen Verfahren zusammen.

Inwiefern?

Die Rekurse der Eltern gegen die Wegnahme der Kinder und den Entzug des Sorgerechts wurden fast ausnahmslos abgewiesen. Der Grund dafür: Die Rekursinstanzen entschieden aufgrund der Akten und nahmen in der Regel keine eigenen Abklärungen vor.

Häufig prüften sie auch nur, ob das Verfahren korrekt eingehalten wurde. Also zum Beispiel, ob die Eltern angehört wurden, aber nicht, wie die Wegnahmen begründet waren. Stossend ist zudem, dass keine Instanz, auch das Bundesgericht nicht, die systematische Wegnahme von Kindern aus fahrenden Familien kritisierte.

In keinem anderen Land gab es eine vergleichbare Organisation wie das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse. Und es dauerte erstaunlich lange, bis es aufgelöst wurde. Was war daran so «typisch» Schweizerisch?

Sicher spielt die föderale Struktur der Schweiz eine wichtige Rolle: Die Gemeinden, also die unterste Ebene, hatten lange Zeit die alleinige Verantwortung für die Armenfürsorge – und waren damit oft überfordert. Zudem war der Rechtsschutz schwach ausgebaut. Auch hatten nicht alle die gleichen Rechte. Benachteiligt waren insbesondere die Frauen. In der Schweiz dominierte eine hierarchisch-patriarchale Gesellschaftsordnung.

Hinzu kommt, dass privaten Organisationen wie der Pro Juventute eine wichtige Aufgabe zukam. Die Pro Juventute war die damals grösste und einflussreichste Jugendschutzorganisation. Im Stiftungsrat sassen angesehene Vertreterinnen und Vertreter aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Das grosse Renommee der Stiftung trug auch dazu bei, dass Kritik lange Zeit wirkungslos blieb.

Manche haben Angst, dass sie im Alter wieder in ein Heim eingewiesen werden.

1973 wurde das Hilfswerk aufgelöst – erst 1986 entschuldigte sich der Schweizerische Bundesrat offiziell. Warum so spät?

Betroffene gelangten bereits in den 1940er-Jahren an die Medien. Doch erst durch den gesellschaftlichen Wandel und die zunehmende Kritik an den Heimen und Anstalten wurde das Hilfswerk zum Skandal. In Bern stand das «Hilfswerk» schliesslich auf der Agenda, weil die Pro Juventute Subventionen vom Bund erhalten hatte.

Die Entschuldigung war wichtig, weil mit ihr das Unrecht anerkannt und eine «Wiedergutmachung» möglich wurde. Diese umfasste neben einer Aufarbeitung auch eine finanzielle Entschädigung. Sie war jedoch symbolischer Art. Wiedergutmachen lässt sich das den Eltern und Kindern zugefügte Leid und Unrecht nicht.

Wohnwagen und eine Gruppe von Männern stehen neben Gleisen.
Legende: Zürich, 1958: Am Stadtrand haben Fahrende einen Standplatz neben den Bahngeleisen. Keystone

Pro Juventute entschuldigte sich, nachdem sich der Bundesrat entschuldigt hatte. Man hat heute den Eindruck: Pro Juventute entschuldigte sich erst, als sie nicht mehr anders konnte.

Die Pro Juventute tat sich lange schwer mit der Aufarbeitung und Entschuldigung. Für viele Betroffene war und ist es teilweise noch heute schwierig zu verstehen, warum die Pro Juventute nicht aufgelöst wurde.

Für die Betroffenen ist die Vergangenheit nicht einfach Geschichte, sondern Teil ihres Lebens. Die Folgen wirken bis heute nach. Nicht wenige sind bedürftig. Manche haben Angst, dass sie im Alter wieder in ein Heim eingewiesen werden. Viele wünschen sich, dass nicht vergessen geht, was ihnen angetan wurde. Das Hilfswerk soll in den Geschichtsbüchern und in den Schulen thematisiert werden.

Wichtig ist aber auch die Forderung, nicht nur rückwärts zu schauen, sondern die Verbundenheit der Jenischen mit der Schweiz zu sehen und ihre kulturellen Eigenheiten zu fördern.

Das Gespräch führte Kathi Lambrecht.

«Kinder der Landstrasse»: Fakten und Zahlen

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  • 1926: Pro Juventute gründet das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse». Leiter wird Dr. Alfred Siegfried.
  • Das Ziel: Die jenischen Kindern zu «brauchbaren Gliedern» der Gesellschaft zu erziehen.
  • 586 Kindswegnahmen sind dokumentiert. Fast 90 Prozent der Kinder stammen aus vier Kantonen: Graubünden, Tessin, St. Gallen und Schwyz.
  • Drei Viertel der Kinder wachsen in Heimen und Anstalten auf. Die meisten Kinder können keine ordentliche Schulbildung absolvieren, noch weniger eine Berufsbildung machen.

  • 1972: Die Zeitschrift «Der Schweizerische Beobachter» veröffentlicht erstmals einen kritischen Bericht über die Wegnahmen der Kinder aus fahrenden Familien und löst eine öffentliche Debatte aus.
  • 1973: Öffentlicher Druck veranlasst Pro Juventute, das «Hilfswerk» aufzulösen.
  • 1986: Bundespräsident Dr. Alphons Egli entschuldigt sich am 3. Juni 1986 bei den Betroffenen.

13 Kommentare

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  • Kommentar von Lucas Kunz (L'art pour l'art)
    Die Kinder wurden zu Verdingkindern, also Sklaven gemacht ... und der Chef der wählerstärksten Partei hatte dies gutgeheissen und jegliche Entschädigung strikt abgelehnt, ... und das sind nun die "Schweizer Werte", die dieser, sein menschenverachtende Verein auf seine Standarten schreibt!
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Das ist bis heute so geblieben leider. Die Junge SVP des Kanton Bern hat mit dem rassistischen Wahlplakat «JSVP-Kandidaten wählen – Transitplätze für Zigeuner verhindern» versucht auf Stimmenfang zu gehen diesen Frühling. Sie haben richtiger Weise eine Anzeige kassiert.
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    2. Antwort von Reto Meisser (Reto Meisser)
      Gute gesagt menschenverachtend nenn das eher kopiert von unseren Nachbarn! Und nebenbei verkaufen sie die Schweiz als sauber und menschenfreundlich. Einen Schande ist das immer noch. Kein Mut für das gerade zu stehen. Geld bekommen andere anstatt die es nötig hatten.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Gut sind diese düsteren Zeiten vorbei. Wenn man das nicht selber erlebt hat, kann man sich eine Schweiz die so brutal gehandelt hat gar nicht vorstellen. Pro Juventute und Gemeinden haben in der damaligen Zeit viel Schuld auf sich geladen. Schändlich! Die meisten Kinder wuchsen in Heimen und Anstalten auf, obwohl sie Eltern hatten, wo sie Gewalt erfuhren und als Arbeitskräfte missbraucht wurden. Für die Bedürftigen jener Zeit muss heute gesorgt werden für ein Alter in Würde und Selbstbestimmung.
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    1. Antwort von Margrit Holzhammer (Margrit Holzhammer)
      A. Keller: Heute nennt man solche Institutionen Abteilung Soziales und Gesellschaft, Sozialbehörde oder KESB!
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  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    Schlimm ist, dass noch heute mit denselben Argumenten den Fahrenden Standplätze verwehrt werden, obwohl sie einen gesetzlichen Anspruch hätten. Die Geschichte wiederholt sich und alle schauen weg. Es hilft den Betroffenen nicht, wenn man ihnen heute ein paar Fränkli in die Hand drückt als "Entschuldigung" für die Vergangenheit, aber nichts ändert an der Haltung der Gemeinden und damit der Zukunft.
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