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Klamotten aus Kenia «Männer sollten sich mehr trauen»

Ein schwarzer Mann im Anzug vor gelbem Hintergrund, tanzend.
Legende: Will die Farbe wieder in den Vordergrund rücken: Modemacher Sam Jairo Omindo. Tenza Gonzanga Gonza

Mut zum Muster, verspielt und farbig: Sam Jairo Omindo aus Nairobi will das modische Erbe seiner Heimat Kenia wiederentdecken – ohne die Kolonialzeit zu vergessen. Sein Markenzeichen: die Vermählung afrikanischer Extravaganz mit britischer Eleganz. Wie geht das zusammen? Der Modemacher im Gespräch über Kolonialismus, Krawatten und die Kleiderkultur der Nomaden.

Sam Jairo Omindo

Sam Jairo Omindo

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Sam Jairo Omindo (25) wuchs mit drei Geschwistern in einem Arbeiterviertel in Kenias Hauptstadt Nairobi auf: aufstrebende Mittelschicht, Afternoon Tea, Faszination für Elefanten und Giraffen. Nach dem Abitur studierte Omindo Wirtschaft an der Strathmore Business School. Seine Ausbildung finanzierte er sich zum Teil durch den Handel mit Vintage-Krawatten. 2016 gründete er das Anzuglabel Genteel, Link öffnet in einem neuen Fenster.

SRF: Sie haben eine eigene Vorstellung davon entwickelt, wie Männer in Kenia gekleidet sein sollten. Worauf kommt es Ihnen an?

Sam Jairo Omindo: Die Männer sollten sich mehr trauen. Die Farben dunkelblau und grau passen gut zur Landschaft in Grossbritannien. Wir aber leben in einem tropischen Land – unsere Vorfahren trugen bunte Stoffe und auffällige Accessoires.

Heute gilt es in Kenia als unseriös, in einem roten Anzug vor Gericht zu erscheinen. Aber man kann Sakkos in gedeckten Farben aufpeppen, indem man sie zum Beispiel mit afrikanischem Print füttert.

Beschreiben Sie Ihren Stil!

Ich will einen anglo-kenianischen Look kreieren, der sich aus den Wurzeln und der Geschichte meines Landes speist – ein Stil, der die Eleganz des britischen Chic der ehemaligen Kolonialherren mit der Lust an Extravaganz und Farben unserer Vorfahren variiert.

Ein junger Schwarzer in einem bunten Jackett sitzt auf einem Sofa.
Legende: Für Männer mit Mut zu Mustern und Farben: Sam Jairo Omindos anglo-kenianischer Look. Tenza Gonzanga Gonza

Kenia besteht aus mindestens 44 Kulturen. Es ist Zeit, ihnen auf den Grund zu gehen und etwas Neues zu entwickeln.

Sie sind durchs Land gereist, um mehr über die Modetraditionen einiger dieser Kulturen zu erfahren. Was hat sie dabei überrascht?

Die Samburu! Ein besonders stolzes Nomadenvolk aus dem Norden Kenias, das sich bis heute weigert, globalen Trends zu folgen. Wenn ein neuer Chef bestimmt wird, färben die Männer ihre Haare ockerrot – um ihre Männlichkeit zu betonen.

Die Kolonialisierung hat das Modeverständnis in ganz Afrika verändert.

Heute denken wir, dass Farben den Frauen vorbehalten sind. Ich versuche, meine Kunden für rote oder gemusterte Stoffe zu begeistern, ohne ihnen das Gefühl zu geben, darin fraulich zu wirken. Ich arbeite zum Beispiel mit farbigen Details wie eingefassten Knopflöchern oder Einstecktüchern.

Warum sind kräftige Farben für Männer in Kenia heute nicht mehr in?

Das hängt mit der Kolonialisierung zusammen. Sie hat das Modeverständnis in ganz Afrika verändert. 1896 traten die Einheimischen zum ersten Mal in Kontakt mit den Kolonialherren, als die Eisenbahn zwischen Mombasa und Kisumu gebaut wurde.

Die Briten in ihren Khakis und Safari-Jacken gaben ihnen das Gefühl, sie seien primitiv gekleidet. Um ihr Selbstbewusstsein zu wahren, tauschten die Einheimischen bunte bedruckte Stoffe und Bast gegen Chinohosen und Hemden ein.

Schauen Sie sich die Fotos der Entdecker an, die durch Kenia reisten, begleitet von europäisch gekleideten Einheimischen, die ihr Gepäck trugen.

Nach mehreren Reisen hatte ich das Bedürfnis, selbst Kleidung zu entwerfen.

Je weiter die Kolonialisierung fortschritt, desto mehr Menschen mussten sich an die neue Kleiderordnung anpassen. Nur die Nomadenvölker – die Samburu und die Massai – bewahrten ihre Kultur. Weil sie einfach weiterzogen, wenn eine Gemeinde den Kolonialherren unterworfen wurde.

Wie ging es weiter nach der Unabhängigkeit Kenias 1963?

Als die Briten Kenia verliessen, folgte die Phase der Industrialisierung. Davon profitierte die Stoffproduktion enorm. Hunderte von Baumwollspinnereien und Stoffmanufakturen entstanden im ganzen Land und exportierten in die Nachbarländer.

Aber viele Spinnereien wurden schlecht geführt und gingen pleite. Heute gibt es nur noch 14 – und die konzentrieren sich auf hochwertige Baumwolle für die weltweite Luxusmode-Industrie.

Das liegt auch daran, dass die Regierung 1994 den Markt für Second-Hand-Kleidung aus Europa öffnete, die zuvor nur kostenlos an die Ärmsten verteilt wurde. Daraus ist heute ein 20-Millionen-Franken-Geschäft geworden, das die lokale Kleiderindustrie zerstört.

Unter diesen Umständen eine Modefirma aufzumachen klingt ziemlich riskant.

Ich sehe darin eine Chance. 130'000 Textilarbeiter und Schneiderinnen in Kenia haben keinen Job. Mit nur 25 Prozent dieser Arbeitskräfte könnte man einen Markt schaffen, der in die ganze Welt exportiert.

Noch dazu hat die Regierung angekündigt, den Import von jährlich 100'000 Tonnen gebrauchter Klamotten bis 2019 zu stoppen.

Kamen Sie deshalb auf die Idee, eine Modemarke für Männer zu gründen?

Nicht nur. Ich habe mich schon in der Schule für Mode interessiert und auf einem Markt in Nairobi meine erste Krawatte gekauft: gestrickt aus senffarbener Baumwolle.

Meine Kommilitonen waren begeistert. Sie baten mich, ihnen welche mitzubringen, und ich entwickelte daraus ein richtiges Geschäft: Ich habe mir zig Krawatten besorgt, sie gereinigt, gebügelt, verpackt und in der Schule verkauft.

Ein Mann vor einer bunten Vogelttapete mit Pfauenfedern.
Legende: Bunter Vogel, weisses T-Shirt: Sam Jairo Omindo mag's auch gern dezent. Tenza Gonzanga Gonza

Später bekam ich von meinen Kommilitonen sogar ein Darlehen von 100 Dollar, um in die damalige Fashion-Hauptstadt Istanbul zu reisen. Von dort brachte ich Hemden und Hosen mit. Ich war fasziniert davon, wie sehr die Menschen in Istanbul ihr kulturelles Erbe pflegen und wie treu sie sich auch in der Mode sind.

Nach mehreren Reisen hatte ich das Bedürfnis, selbst Kleidung zu entwerfen, die von unserer Kultur inspiriert ist und lokal produziert wird.

Warum konzentrieren Sie sich gerade auf Anzüge?

Jeder Berufstätige hat mindestens zwei Anzüge von Zara oder Armani im Kleiderschrank hängen. Aber die wurden allesamt für europäische oder amerikanische Körper entworfen – nach Grössentabellen, in die afrikanische Körper nicht passen.

Es ist gerade weltweit im Trend, sich auf seine Herkunft zurückzubesinnen – denken Sie an die Rückkehr der Lederhosen und der Dirndl.

Das sieht man den Anzügen an: Bei vielen Männern spannen sie an den Schultern oder die Ärmel schlabbern über die Hände. Meine Kunden sind daran gewohnt, viel zu grosse Anzüge zu tragen. Ich muss sie intensiv beraten.

Wie tragen Ihre Kunden die Sakkos und Hosen am liebsten?

Sie bevorzugen klassische Anzüge in zurückhaltenden Farben, etwa in navyblau oder grau. Wenn sie Muster oder rote Stoffe wünschen, dann nur im Futter, wo sie verborgen sind.

In zehn Jahren werden die Menschen mutiger sein.

Die Expats hingegen lieben bunte Stoffe aus afrikanischem Print. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass sie Mode in Afrika mit leuchtenden Farben und gewagten Accessoires assoziieren und sich dementsprechend kleiden, um kulturell akzeptiert zu werden.

Aber Nairobi ist eine Metropole. Die Einheimischen ziehen dasselbe an wie die Expats in Europa. Erst jetzt beginnen die Kenianer allmählich, ihre kulturellen Wurzeln zu betonen.

Und in zehn Jahren?

In zehn Jahren werden die Menschen mutiger sein. Gerade ist es weltweit im Trend, sich auf seine Herkunft zurückzubesinnen – denken Sie an die Rückkehr der Lederhosen und der Dirndl.

Der Science-Fiction-Blockbuster «Black Panther» und seine afrikanischen Superhelden waren hierzulande ein riesiger Erfolg. Sie haben vielen Menschen in ganz Afrika gezeigt, was unsere Vorfahren trugen – und dass sie dabei richtig gut aussahen.

Das Gespräch führte Julia Amberger.

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