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Leben im Dazwischenland: Eine Reise in den Aargau
Aus Kontext vom 14.09.2020.
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Leben in der Post-Corona-City In der Stadt der Zukunft funktioniert alles zu Fuss

Wie wird Covid-19 unsere Städte verändern? Architekten und Städteplanerinnen stehen vor neuen Herausforderungen, sagt Architekturtheoretiker Sascha Roesler: Unsere Städte müssen flexibler werden – und unsere Wohnungen.

Sascha Roesler

Sascha Roesler

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Prof. Dr. Sascha Roesler ist Architekt und Architekturtheoretiker. Aktuell hat er eine SNF-Förderprofessur für Architekturtheorie an der Accademia di Architettura in Mendrisio inne.

Website Sascha Roesler, Link öffnet in einem neuen Fenster

SRF: Wie haben Sie den Lockdown erlebt?

Sascha Roesler: Als Flaneur und Stadtbeobachter fand ich es interessant zu sehen, wie sich das städtische Leben verlangsamt, und wie übernutzte Orte plötzlich verwaist sind. Für Architektinnen und Stadtplaner war es ein guter Moment, um auf ihren Untersuchungsgegenstand zu schauen.

Verkehrsleere Strasse
Legende: Plötzlich so viel Platz: Das Limmatquai am 17. April 2020. KEYSTONE/Christian Beutler

Wie muss eine Stadt beschaffen sein, damit man den nächsten Lockdown gut übersteht?

In Siedlungen und Stadtquartieren sollten die Aussenräume so gestaltet sein, dass man dort die Freizeit verbringen, aber auch arbeiten kann, sogar das ganze Jahr hindurch. Mit unterschiedlich nutzbaren, wandelbaren Lebensräumen könnte man Städte resistent gegen Krisen machen.

Wir lösen uns langsam von der Vorstellung, dass ein Grossteil der Menschen morgens in ein Büro zur Arbeit geht.

Das Gleiche gilt für Wohnungen: Am besten sind Räume, die nicht monofunktional, sondern flexibel nutzbar sind. Eine Wohnung sollte verschiedene Austauschgelegenheiten und Treffpunkte bieten und über unterschiedliche Zonen verfügen – Zonen für Begegnung und Arbeit und solche für Rückzug. Die Bewohner sollten sich an unterschiedlich gestalteten Orten aufhalten können.

Finden solche Gedanken zur Post-Corona-Stadt schon Niederschlag?

Noch hat niemand eine klare Vorstellung einer Post-Corona-Stadt, ausser vielleicht der italienische Architekt Stefano Boeri: Er hat für die albanische Hauptstadt Tirana ein Projekt entworfen, in das Überlegungen wie die eben genannten eingeflossen sind.

Rendering einer Wohnanlage. Davor ein Garten mit Menschen, Kühen und Pferden.
Legende: Gärten, Essensautomaten, Gesundheitszentren: In der «Tirana Riverside»-Siedlung soll alles zu Fuss erreichbar sein, um unnötiges Reisen zu verhindern. Stefano Boeri Architetti , Link öffnet in einem neuen Fenster

Gefordert sind jetzt aber die Unternehmen, sich aktiv Gedanken zu machen. Corona hat nämlich gezeigt, dass man gut von zu Hause aus arbeiten kann.

Novartis etwa hat sich aufgrund von Mitarbeiterrückmeldungen entschlossen, Homeoffice permanent anzubieten. Auf dem Novartis-Campus wird in Zukunft ein Drittel der Arbeitsplätze nicht mehr benötigt. Dadurch werden neue Nutzungen möglich.

Homeoffice, hybride Bereiche, mehr Gemeinschaftsräume: Jetzt braucht es eine intensive Diskussion in der Architektur, wie man sich das vorstellen soll.

Zeitgenössische Architektur, davor ein Park.
Legende: Novartis-Campus in Basel: Wie können die Büroflächen genutzt werden, die durch Corona plötzlich leerstehen? Flickr/Brad P. , Link öffnet in einem neuen Fenster

Eigentlich ist das nichts Neues: Homeoffice und Leerstand von Büroräumen gab es schon vor Corona.

Das ist richtig, ich sehe die Corona-Krise auch nicht unbedingt als Zäsur. Gewisse Entwicklungen haben sich bereits vorher abgezeichnet. Corona ist ein Beschleuniger.

Pandemien haben die Stadtplanung schon immer beeinflusst.

Wird es in einigen Jahren keine Bürohäuser mehr geben?

So schnell wird sich unsere Arbeitswelt wohl nicht ändern. Aber es kann durchaus sein, dass wir an einem Wendepunkt sind.

Wir lösen uns langsam von der Vorstellung, dass ein Grossteil der Menschen morgens in ein Büro zur Arbeit geht. Es lohnt sich jetzt, über neue Arbeitsformen nachzudenken.

Sind diese Trends unumkehrbar?

Ich denke schon, dass dies eine längerfristige Entwicklung ist. Pandemien halten nun in unserem Bewusstsein Einzug – und das prägt. Man kann nicht einfach zum vorherigen Status zurück. Insbesondere, da Pandemien schon immer die Stadtplanung beeinflusst haben.

Video
Seuchen waren eine Katastrophe – haben aber auch Fortschritte gebracht
Aus Kultur Webvideos vom 26.04.2020.
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Inwiefern?

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand das wissenschaftliche Verständnis, wie man Infektionskrankheiten bekämpfen kann. Ein wichtiger Schritt waren Hygiene-Technologien, etwa der Einbau der Kanalisation.

Hygiene war Anfang des 20. Jahrhunderts das dominierende Thema, vergleichbar etwa mit dem Thema der Ökologie oder des Klimawandels heute. Auch Städtebau und Architektur standen damals unter dem Vorzeichen der Hygiene.

Die europäischen Städte waren damals dicht bebaut, die Menschen lebten in unglaublich engen Verhältnissen zusammen. In den 1920er-Jahren begann man, Städte anders zu konzipieren. Man achtete auf grössere Abstände zwischen den Häusern, auf geringe Belegungsdichte in den Wohnungen und auf eine Funktionsteilung zwischen den einzelnen Stadtteilen.

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Aus dem Archiv: Ist die Stadt der Zukunft autofrei?
Aus Kulturplatz vom 27.11.2019.
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Funktionsteilung heisst, die Städte sind aufgeteilt in Zonen, in denen vornehmlich gearbeitet und eingekauft wird, und in Quartiere, in denen gewohnt wird?

Genau. Bald wurden allerdings die Schwachstellen dieses Modells sichtbar: Diese Städte basieren auf dem Pendler- und Autoverkehr.

Heute versucht man, die Städte so zu gestalten, dass die Funktionen wieder nahe beieinander liegen. Idealerweise in Fussdistanz, sodass Wohnen, Arbeiten und Einkaufen einfach, schnell und möglichst ohne Auto realisierbar sind. Es zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab, der durch die Corona-Krise umso dringlicher wird.

Das Gespräch führte Meili Dschen.

SRF 2 Kultur, Kontext, 14.09.20, 18:00 Uhr;

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26 Kommentare

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  • Kommentar von tom rosen  (tom rosen)
    Willkommenskultur vs. Bahnkollaps, Expat-Personalpolitik vs. Wohnraumverknappung, heimische Lebensmittel vs. Wolf und Bär. Dä Foifer unds Weggli tönt gut, geht aber nicht. 10 Mio. Menschen in Ballungsräume stecken, führt zu Zuständen, wie in Singapore: Polizeistaat mit totalitärer Reglementierung aller Lebensbereiche, Ausnutzung von Minderheiten und Abschottung von Eliten. Wer wissen will, wie dann die Freizeit in der Natur ausschaut, muss sich an einem FR-Abd. in den Zug in die Berge setzen.
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    1. Antwort von René Baron  (René Baron)
      @Rosen:
      Sie scheinen gegenüber Singapur viele Vorurteile zu haben, die zum Teil stimmen, aber wenn man den Trend anschaut, von woher Singapur kommt und was gerade bez. Wohlstand und Menschenrechten erreicht wurde und noch erreicht werden wird, dann habe ich mehr Hoffnung dass diesbezüglich Singapur der Schweiz den Rang ablaufen wird, als dass die Schweiz beibehalten kann, wovon Schweizer immer noch glaubt, dass es auch ohne Innovation auf diesem Niveau noch beibehalten werden kann.
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  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    In Singapur ist diese neue Realität schon längst angekommen. Es wohnt sich wunderbar in diesen begrünten, licht- und menschendurchlässigen Hochhäusern wo man arbeitet, wohnt, einkauft und die Freizeit verbringt: alles im durchgestylten, durchdachten Wohndorf wo man nur noch fürs Meer nach draussen muss. Selten so entspannt, multi-kulturell und friedlich gelebt wie da mit der Millionenstadt ums Eck (für diejenigen die nicht ohne können). Die Schweiz aber ist diesbezüglich ein Entwicklungsland!
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  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    Interessant ist, wie gegenläufig teilweise die Ideen und Forderungen sind. Führt man z.B. bei der Bekämpfung der Zersiedelung ins Feld, dass der Einzelne nicht so viel Raum beanspruchen dürfe, schreien die Ideen des künftigen Home Office mit Rückzugsort lauthals nach noch mehr Wohnraum pro Person. Gelichzeitig vergrössere ich die Industriebrachen in Form von leerstehenden Bürokomplexen.
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    1. Antwort von Philippe Sauter  (PhilS)
      Man kann durchaus nähere und grössere Erholungsgebiete haben und die Zersiedelung stoppen.
      Man kann zum Beispiel ein bisschen höher bauen aber dafür in Quartieren wie grössere Innenhöfen bauen. So hat man mehr Fläche vor dem Haus als man mit einem kleinen Balkon hat aber man kann trotzdem dichtere Städte bauen. Dichter heisst hier nicht zwingend weniger Garten wenn man bereit ist ein wenig in die Höhe zu bauen (ich rede von 4-5 Stöcken, nicht 100).
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