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Warum lohnt es sich, ein guter Mensch zu sein? Johannes Huber im Gespräch
Aus Kontext vom 18.03.2021.
abspielen. Laufzeit 45:46 Minuten.
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Mutig in die Zukunft Gut sein ist trainierbar

Es lohnt sich, ein guter Mensch zu sein. Warum das so ist – und wie wir noch «besser» werden können.

«Jeden Tag eine gute Tat» – das Motto der Pfadfinder klingt simpel und ist vielleicht gerade deshalb eine wichtige Grundlage fürs menschliche Miteinander. Mehr noch: Wer für andere etwas Gutes tut, fühlt sich auch selber besser.

eine Gruppe junger Pfadfinderinnen und Pfadfinder umarmt sich
Legende: Zusammen sind sie stark: Autor Johannes Huber ist überzeugt, dass man das Gutsein trainieren kann. KEYSTONE / Peter Klaunzer

Das zeigt der renommierte Wiener Gynäkologe und Theologe Johannes Huber in seinem neuen Buch «Das Gesetz des Ausgleichs. Warum wir besser gute Menschen sind».

Belohnung schon im Diesseits

Die meisten Religionen verheissen eine Belohnung erst im Jenseits. Johannes Huber sieht das anders: Gutsein zahlt sich gemäss seinen Forschungsergebnissen bereits im Diesseits aus. Denn es gibt einen medizinisch längst erforschten Zusammenhang zwischen Psyche und körperlicher Gesundheit: Innerlich ausgeglichene, psychisch stabile Menschen haben ein geringeres Risiko, körperlich zu erkranken.

Zur Person: Johannes Huber

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Johannes Huber (geb. 1946) studierte in Wien Medizin und Theologie und war von 1973 bis 1983 Sekretär von Kardinal Franz König.

Von 1992 bis 2011 war er Leiter der klinischen Abteilung für gynäkologische Endokrinologie im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Bis 2007 leitete er die Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt.

Als Buchautor schrieb er Bestseller wie «Das Ende des Alters. Bahnbrechende medizinische Möglichkeiten der Verjüngung» (2007), «Es existiert – die Wissenschaft entdeckt das Unsichtbare» (2016) und «Der holistische Mensch – wir sind mehr als die Summe unserer Organe» (2017).

Auf die Frage, was einen «guten Menschen» ausmache, sagt Huber: «Was böse und was gut ist, unterliegt in mancher Hinsicht immer auch dem Zeitgeist.» Eine Fähigkeit aber sei unabdingbar: sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Denn man solle anderen nicht antun, was man selbst nicht möchte.

Was es braucht fürs Gutsein

Doch wie wird man ein guter Mensch? Huber nennt fünf Voraussetzungen: genügend Schlaf, weil das Gehirn in der Nacht «wie die Müllabfuhr» arbeite. Emotionen entgiften, indem man sich einem anderen Menschen anvertraut und im Gespräch nach einer Lösung sucht. Kompromissbereit sein und manchmal sogar die andere Wange hinhalten.

Letzteres sei symbolisch gemeint und heisse nicht, dass man sich erschiessen lassen soll, erklärt Johannes Huber verschmitzt. «Man soll aus einer inneren Bereitschaft die Möglichkeit haben, dem anderen nicht sofort mit Gewalt entgegenzutreten.»

Und schliesslich zählt er auf die heilende Kraft der Natur. «Höre auf den Wald», heisst es im Buch. Das klingt esoterisch, ist aber trotzdem eine wichtige Grundlage fürs Wohlbefinden.

Aus seiner langjährigen Erfahrung als Gynäkologe berichtet Huber: «Wir wissen von Spitälern, in denen die Patientinnen und Patienten steril daliegen müssen und ein schwächeres Immunsystem haben, als wenn es zumindest Attrappen von Bäumen oder Wald gibt.»

Gutsein ist eine Kraftanstrengung

Hält man sich vor Augen, was es alles braucht fürs Gutsein, wird schnell klar: Das ist eine höchst anspruchsvolle Aufgabe. «Täglich mühen sich Menschen auf Ergometern ab, um ihre körperliche Fitness zu trainieren», sagt Huber. Genauso könne und müsse man das Gutsein wie einen Muskel trainieren. «Wichtig ist eine tägliche Qualitätskontrolle oder, anders ausgedrückt, die Gewissenserforschung.»

Die allermeisten Menschen wollen gute Menschen sein und scheitern doch immer wieder daran. Nach dem Grund gefragt, antwortet Huber lapidar: «Gutsein ist schwer, weil es eine Kraftanstrengung ist.»

Gleichwohl führe kein Weg an dieser täglichen Herausforderung vorbei – in seinem Buch schreibt er: «Die Corona-Krise und der Klimawandel zeigen, dass wir die grossen Aufgaben, die vor uns liegen, als Menschheit nur lösen können, wenn wir ‹gut› sind, gut zu unseren Mitmenschen, gut zu den anderen Wesen, die diesen Planeten bevölkern und gut zum Planeten selbst.»

eine Pflegerin hält die Hand einer Patientin
Legende: Dass wir uns um einander kümmern, uns trösten und gegenseitig aufmuntern, ist ein wichtiger Teil des Gutseins. Getty Images / FG Trade

Die zehn Gebote ins Heute übersetzt

Als katholischer Theologe hält Huber die zehn Gebote hoch und übersetzt sie ins Heute. «Du sollst nicht töten» beispielsweise heisst neu «Benimm dich gut im Internet». Die Art des Tötens verändert sich, ist Huber überzeugt. «In der Jetztzeit ist das Internet die digitale Version des elektrischen Stuhls.»

Die Gebote «Ehre Vater und Mutter» und «Du sollst nicht ehebrechen» münden im Buch in einen ungetrübten Lobgesang auf die Familie; sie sei «die ideale Lebensform».

zwei Mädchen sitzen draussen auf einer Wiese und umarmen sich
Legende: Ob für die Schwester, für Freunde oder Fremde: Wer für andere etwas Gutes tut, fühlt sich auch selber besser. Getty Images / Maskot

Das weckt Widerspruch, denn für viele Menschen ist Familie der blanke Horror. Im Gespräch relativiert Huber und sagt: Wichtig seien Beziehungen, die tragfähig sind. «Gerade die Corona-Krise zeigt, wie gross das Problem der Einsamkeit ist.»

Vorwurf der Esoterik

Auch wenn das Buch «Das Gesetz des Ausgleichs» in einzelnen Kapiteln zu plakativ formuliert ist, die Lektüre lohnt sich. Denn Johannes Huber untermauert seine Thesen mit medizinischen und theologischen Argumenten und verweist auf zahlreiche Studien. Seiner Meinung nach passen die beiden Disziplinen bestens zusammen. «Ein guter Arzt ist bis zu einem gewissen Grad auch so etwas wie ein Seelsorger», sagt Huber.

Buchhinweis

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Johannes Huber: «Das Gesetz des Ausgleichs. Warum wir besser gute Menschen sind.» Edition a, 2020.

Doch das Verknüpfen von Medizin und Theologie ruft regelmässig auch kritische Stimmen auf den Plan: Philosophinnen und Philosophen, die skeptisch gegenüber allem Transzendentalen sind, werfen Huber Esoterik vor. Er entgegnet: «Meine Auffassung ist es, dass es transzendentale Inhalte gibt und dass wir Teil eines grossen Gesamten sind. Und wenn man das als esoterisch bezeichnet, bin ich es gerne.»

Peter Sloterdijk schreibt im Nachwort, Johannes Huber plädiere für die «Konvergenz von Wissenschaft, Besinnung und Übung». Das trifft es auf den Punkt.

Mutig in die Zukunft: Die Schwerpunkt-Woche

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Zeichnung von zwei Frauen mit Maske, wobei eine Frau aus einem schwarzen Loch steigt.
Legende: srf

Die Coronakrise hat unser Leben verändert. Ein Jahr nach dem Shutdown startet SRF Kultur einen thematischen Schwerpunkt mit Geschichten, die Mut machen, die Welt von morgen zu gestalten. Ab Samstag, 13. März 2021, zeigt SRF den multimedialen Schwerpunkt im Fernsehen, Radio und online.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 19.03.2021, 9:03 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Rainer Fauser  (Rainer Fauser)
    Achtung, Ideologien waren noch nie gut.
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    1. Antwort von Joel Streiff  (El Padron)
      Viel zu generell deine Aussage. Natürlich gab es Ideologien die gutes brachten (Budismus zum Beispiel und nein dies ist keine Religion).
  • Kommentar von Javier López  (Javier López)
    Man kann wieder hin und her palavern. Zu nörgeln wird man genug finden.
    Tatsache ist, vom Grundsatz "Jeden Tag eine gute Tat bzw. einen Gefallen" ist bis heute noch keiner krank geworden.
    Es reichen schon banale Dinge: Türe offen halten, Sitzplatz anbieten, Vortritt gewähren, etc..
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  • Kommentar von Alex Hanselmann  (kinkiri)
    Vor 25 Jahren versuchte ich fähigen, behinderten Kollegen einen Mitleiterstatus in der Pfadibewegung Schweiz zu verschaffen. Bei uns waren sie Mitleiter, doch mein Projekt wurde von allen Hierarchiestufen über mir bekämpft. Die Frau im Rollstuhl mit einen offenen Rücken sollte keine PBS Ausbildung abschliessen, der Mann mit einer angeboren Muskelschwäche nicht und auch die Frau mit einer Schädelverletzung nicht. Ich weiss nicht, ob das Motto "Jeden Tag eine gute Tat" heute noch verstanden wird.
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    1. Antwort von Lukas Löffler  (ll_basel)
      So wie ich die Pfadibewegung heute kenne, ist sie mittlerweile sehr viel offener. Ich kenne einige Mitglieder (auch in Leiungsfunktionen), ja sogar ranghohe Mitarbeitende auf Bundesebene mit einer Beeinträchtigung. Ich glaube, da hat sich viel getan, Stichwort Diversität & Inklusion, Pfadi trotz allem etc.