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Aus Sternstunde Religion vom 14.03.2021.
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Philosophie und Krise Was meinen Sie: Können Krisen eine Chance sein?

Von Seneca bis Freud: Was eine Krise für die Menschen bedeutet, beschäftigt Denker seit jeher. Aber nicht alle Philosophen kommen zum gleichen Schluss. Lesen Sie hier, welchem grossen Geist Sie am ehesten zustimmen würden.

Sind Krisen gut für unser Leben?

Bildmontage von zwei Philosophen
Legende: Lebe gemächlich oder lebe gefährlich? Seneca und Nietzsche wären sich wohl nicht einig gewesen. Seneca: IMAGO / Design Pics, Friedrich Wilhelm Nietzsche: KEYSTONE / akg-images, Hintergrundbild: Getty Images / David Henderson (Bildmontage SRF)

Ja!

Vom deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche stammt der berühmte Satz: «Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.» Nietzsche zufolge gehören Krisen zu einem gelingenden Leben dazu. Sie bringen uns weiter, indem sie uns herausfordern.

Nur wer die Komfortzone verlässt, findet seinen Weg. Nur wer sich neu erfindet, bleibt sich treu. Das wahre Glück besteht nach Nietzsche in der Selbstüberwindung.

Seine Empfehlung lautet daher: Lebe gefährlich und intensiv, gehe durch die Hölle, überwinde Widerstände und werde stärker. Er schrieb: «Was ist Glück? – Das Gefühl davon, dass die Macht wächst, dass ein Widerstand überwunden wird.»

Nein!

Der römische Philosoph Seneca war ein Vertreter der Schule der Stoa und plädierte für stoische Gelassenheit und Gemütsruhe im Umgang mit Krisen.

Im Leben komme es darauf an, ruhig zu bleiben, egal was passiert, so Seneca. Indem wir uns in Selbstgenügsamkeit üben, lernen wir, Schicksalsschläge gelassen hinzunehmen. Wir sollten unser Glück nicht von Dingen abhängig machen, die wir jederzeit verlieren können.

Dazu gehört der materielle Besitz, aber auch lieb gewonnene Gewohnheiten, Freunde oder die eigene Gesundheit. Krisen gehören zwar zum Leben, aber wir sollten ihnen begegnen wie ein Fels in der Brandung.

Dabei kann eine stoische Übung helfen: Mache dir bewusst, was alles schiefgehen kann in deinem Leben. Dann bist du für kommende Krisen gewappnet.

Erkennen wir in Krisen unser wahres Ich?

Bildmontage von Philosophen
Legende: Erst in der Grenzerfahrung zeigt sich, wer wir wirklich sind, sagte der deutsche Philosoph Karl Jaspers (links). Erst in der Ruhe zeigt sich das wahre Ich, meinte hingegen Epikur. Karl Jaspers: KEYSTONE / PHOTOPRESS-ARCHIV, Epikur: Getty Images / David Henderson, Hintergrundbild: Getty Images / Westend61 (Bildmontage SRF)

Ja!

Der deutsche Philosoph Karl Jaspers gilt als Vertreter der Existenzphilosophie. Jaspers zufolge werfen existenzielle Krisen ein klärendes Licht auf die Welt und uns selbst. Er spricht von «Existenzerhellung».

Erst in sogenannten Grenzerfahrungen zeige sich, wer wir wirklich sind und worum es im Leben eigentlich geht. So macht uns die Krankheit den Wert der Gesundheit bewusst. Und der Verlust eines geliebten Menschen macht uns klar, dass der Tod zum Leben dazugehört, auch zu unserem eigenen.

In Krisen erfahren wir unsere Schwäche und unsere Abhängigkeit von etwas Grösserem, das uns übersteigt. Jaspers spricht von «Transzendenz», vom «Umgreifenden». Erst die Krise rückt die Dinge ins rechte Licht und zeigt, wer wir als Menschen sind.

Nein!

Der griechische Philosoph Epikur gilt als Begründer des Hedonismus: der Lehre von der Lust. Epikur predigte aber keineswegs «Sex, Drugs and Rock’n’Roll». Wahre Lust ist nach Epikur dauerhaft und basiert auf Verzicht und Genügsamkeit. Sie gleicht mehr der Zufriedenheit als dem kurzen Glücksrausch.

Die Epikureer strebten nach einem zurückgezogenen, unaufgeregten und anspruchslosen Leben in Seelenruhe. Krisen aber bringen uns aus dieser ersehnten Ruhe und führen zu Unlust. Sie wecken starke Ängste, Sorgen, Wünsche und Hoffnungen.

Wenn solche Gefühle uns im Griff haben, dann verlieren wir uns selbst aus dem Blick. Wir brauchen Ruhe, um zu uns selbst zu kommen, meinte Epikur.

Machen uns Krisen kreativ?

Bildmontage mit zwei Philosophen
Legende: Machen uns Krisen kreativ? Ja, meint Sigmund Freud (rechts). Immanuel Kant fand die Kraft hingegen in der Ordnung. Immanuel Kant: Getty Images / Grafissimo, Sigmund Freud: IMAGO / Leemage, Hintergrundbild: Getty Images / Anna Blazhuk (Bildmontage SRF)

Ja!

Der österreichische Arzt, Psychologe und Erfinder der Psychoanalyse Sigmund Freud glaubte, nur die Unlust stachle uns zu kreativen Höchstleistungen an: «Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind Triebkräfte der Phantasien», schrieb er.

Für Freud selbst galt das auch, wie er in einem Brief an Ernest Jones mitteilte: «Ich bin seither faul gewesen, weil sich das zur intensiven Arbeit nötige Mittelelend nicht einstellen will». Kunst, Kultur und Kreativität basieren nach Freud also auf Leid, auf der Unterdrückung von Trieben und Aggressionen. Sie sind so etwas wie Ersatzbefriedigungen.

Freud selbst spricht in seinem Werk «Das Unbehagen in der Kultur» von «Sublimierung», einer verfeinerten Form der Triebbefriedigung in der schöpferischen Tätigkeit. Die gequälte Seele ist Quelle der Schaffenskraft. Gute Ideen sind umgemünztes Leid.

Audio
Mutig in die Zukunft: Was Krisen bringen
46:25 min, aus Kontext vom 14.03.2021.
abspielen. Laufzeit 46:25 Minuten.

Nein!

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant war ein Revolutionär im Denken. Sein Leben aber war unaufgeregt, heiter und pedantisch geregelt.

Kants Tagesverlauf sah immer gleich aus: Um 4.55 Uhr wird er von seinem Diener geweckt mit den Worten «Es ist Zeit». Um 5 Uhr folgen zwei Tassen Tee und eine Pfeife Tabak. Um 7 Uhr kommen die Vorlesungen, danach schreibt er bis um 13 Uhr. Auf das gemeinsame Mahl mit Freunden folgt ein Spaziergang – angeblich so pünktlich, dass die Bewohner seiner Heimatstadt Königsberg die Uhren danach stellen.

Kant hat Königsberg in seinen 80 Lebensjahren kaum verlassen. Er brauchte Struktur, Ordnung, Musse und Heiterkeit im Leben, um im Denken neue und gewagte Wege zu gehen. Der spiessbürgerliche Kant revolutionierte das Weltbild der damaligen Zeit und legte die Grundlagen der Aufklärung. Ein Revolutionär des Geistes, der unruhig wird, wenn sein Zimmer nicht ordentlich aufgeräumt ist.

Mutig in die Zukunft: Die Schwerpunkt-Woche

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Zeichnung von zwei Frauen mit Maske, wobei eine Frau aus einem schwarzen Loch steigt.
Legende: srf

Die Coronakrise hat unser Leben verändert. Ein Jahr nach dem Shutdown startet SRF Kultur einen thematischen Schwerpunkt mit Geschichten, die Mut machen, die Welt von morgen zu gestalten. Ab Samstag, 13. März 2021, zeigt SRF den multimedialen Schwerpunkt im Fernsehen, Radio und online.

SRF 1, Sternstunde Religion, 14.03.2021, 10 Uhr

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29 Kommentare

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  • Kommentar von Gerhard Mersmann  (Gerhard Mersmann)
    "In jeder Krise liegt eine Chance." - Warum ist das so?
    Jede(r) macht im Leben die Erfahrung, dass er sich weiterentwickeln kann:
    Fähigkeiten entwickeln, etwas Neues herausfinden, Beziehungen eingehen usw.
    Dabei treten Probleme ("Krisen") auf, die es zu überwinden gilt.
    Und es gibt verschiedene Strategien dafür: Gelassenheit (Seneca), Mut und
    Unbefangenheit (Nietzsche) oder "Aussitzen" bzw. Geduld (z.B. viele Politiker).
    Erfolg oder Musserfolg - gelernt hat man/frau in jedem Fall.
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  • Kommentar von Monika Mitulla  (momi)
    Wenn der Mensch Bestimmungen erlässt, die Millionen verarmen lassen, dann kann nicht von einer Krise im eigentlichen Sinn gesprochen werden. Es sind gewisse Kreise von Menschen, die einfach ihre Interessen verfolgen. Das geht besser, wenn allen anderen genug Angst eingejagt wird.
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  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Waren der Erste und der Zweite Weltkrieg eine Change. Ich denke nicht. Der Virus ist keine wirkliche Krise, das was sich an den Finanzmärkten anbahnt das ist keine Krise, es ist eine Katastrophe weil es über 90 %:falsch einschätzen. Eine Hyperinflation wie sie in den USA losgehen wird und auch auf die EU zukommt ist keine Krise, sonder eine Riesen Aneinanderreihung von Unwissen. Das was danach kommt ist keine Chance sonder die einzige Möglichkeit, ganz unten wieder anfangen, ein Zwangsaufstehen
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