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#vergewaltigt – aber kein Opfer!
Aus Reporter vom 16.02.2020.
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Sexuelle Gewalt «Ich bin ein Opfer – und selbstbewusst»

Vor über 10 Jahren wurde Sophie Opfer eines sexuellen Übergriffs. Es hat lange gedauert, bis sie sagen konnte: «Ich bin ein Opfer». Wie viele andere Betroffene tut sie sich dennoch schwer mit dem Begriff.

Es dauerte Jahre, bis Sophie realisierte: Ich bin ein Opfer. Heute sagt sie: «Ich habe eingesehen, dass ich Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde.»

Gleichzeitig habe sie Mühe mit dem Begriff, weil er mit so vielen Vorurteilen verbunden sei. Etwa, dass Opfer schwach und passiv seien. «Das passt nicht zu mir», findet die selbstbewusste Sophie.

Bett mit weissem Bezug und weissen Vorhängen vor dem Fenster
Legende: Ein Freund der Familie hat Sophie genötigt. Sie hat lange gebraucht, um das anerkennen zu können. Getty Images / Felix Bucher / EyeEm

Sophie ist Mitte Dreissig. Es ist nicht ihr richtiger Name: Auch wenn sie offen über das Erlebte spricht, möchte sie lieber anonym bleiben. Nicht aus Scham, erklärt sie mir beim ersten Treffen, sondern «weil es nicht um mich geht. Unterdessen weiss ich, dass viele Frauen solche oder ähnliche Geschichten erlebt haben. Darüber reden ist aber für viele schwierig. Vielleicht hilft mein Erzählen anderen, ebenfalls Worte und die eigene Stimme zu finden.»

Ich treffe Sophie mehrere Male zum Gespräch, draussen im Park. Mit grossen, sicheren Schritten kommt sie jeweils auf mich zu. Ihr Blick ist offen und gerade, beim Reden macht sie ausladende Gesten. Oft lacht sie. Dann ist sie wieder ernst, sucht nach den richtigen Worten.

Frau in einem sonnigen Park
Legende: Bei Treffen im Park erzählt Sophie ihre Geschichte. Ihr Aussehen und ihren richtigen Namen möchte sie aber nicht preisgeben. Getty Images / Oscar Wong

Täter sind oft mit dem Opfer bekannt

Vor mehr als zehn Jahren passierte es: Sophie macht Ferien bei einem Freund der Familie. Dieser nötigt sie zu sexuellen Handlungen. Im ersten Moment ist sie geschockt, will sich unsichtbar machen: «Ich lag einfach still da und versuchte, keinen Mucks von mir zu geben».

Sophies Erzählung ist in mindestens zweierlei Hinsicht exemplarisch: Gemäss Opferberatungsstellen wie der Frauenberatung sexuelle Gewalt in Zürich oder der Schweizerischen Kriminalprävention SKP, Link öffnet in einem neuen Fenster finden viele Übergriffe durch Bekannte oder Familienmitglieder statt.

Die Frauenberatung sexuelle Gewalt etwa hält in ihrer Jahresstatistik für 2019 fest, dass rund 80 Prozent der Frauen die Täter vor der Tat bereits kannten. Rund 30 Prozent der bekannten Täter waren Ehepartner oder Partner des Opfers.

Muss sich ein Opfer wehren?

Zudem berichten viele Opfer sexueller Gewalt von der Schockstarre. Neuere Studien, etwa aus Schweden, zeigen, dass diese Schockstarre viel häufiger vorkommt als zuvor angenommen.

Sie kann Opfern im Nachhinein zum Verhängnis werden: Wenn ein Fall juristisch verfolgt wird, muss das Opfer in der Schweiz beweisen, dass es sich zur Wehr gesetzt hat. Am Schweizer Sexualstrafrecht wird deshalb immer wieder Kritik laut.

Sophie hat sich während der Tat verbal gewehrt: «Ich sagte ihm, dass ich das nicht wolle und dass er aufhören soll.» Ihr «Nein» musste sie mehrmals wiederholen, bis der Bekannte aufhörte.

Was in den Tagen danach passierte, weiss Sophie nicht mehr. Sie erinnert sich noch an die Tat und an die Erleichterung, als sie nach ein paar Tagen endlich im Zug heimwärts sass. Zuhause sprach sie mit niemandem über die Tat. «Vielleicht aus Selbstschutz, aber sicher auch aus Scham und Schuldgefühlen», sagt sie heute.

Nur wenige erstatten Anzeige

Auch da ist Sophies Fall exemplarisch: Gemäss einer repräsentativen Umfrage des Forschungsinstituts gfs.bern, Link öffnet in einem neuen Fenster im Auftrag von Amnesty International , Link öffnet in einem neuen Fensterbehalten rund die Hälfte der betroffenen Frauen einen Übergriff für sich. Bloss acht Prozent erstatten bei der Polizei Anzeige.

Dass Opfer nur selten Anzeige erstatten, beobachtet auch Lelia Hunziker von der Fachstelle für Frauenmigration und Frauenhandel Zürich (FIZ). Sie arbeitet mit Opfern von Menschenhandel, die FIZ berät insbesondere Migrantinnen und Sexarbeiterinnen.

«Es ist oft ein langer und schmerzvoller Prozess, in dem die Betroffenen das eigene Opfersein realisieren und anerkennen», berichtet Lelia Hunziker. Sie spricht lieber von Betroffenen als von Opfern, «weil das Opfersein nicht die ganze Identität einer Frau umfasst. Wenn ich die Menschen direkt vor mir habe, sind sie immer auch Mütter oder Schwestern, Frühaufsteherinnen oder Sportliebhaberinnen. Ich möchte sie nicht auf das Opfer reduzieren.»

Frau mit rosa Pullover verschränkt die Hände
Legende: Das Sprechen über ihre Erfahrungen fällt vielen Betroffenen schwer. Getty Images / PeopleImages

Stereotype aufbrechen

Lelia Hunziker spricht damit auch die Vorurteile an, die in der Gesellschaft und auch bei Fachpersonen nach wie vor verbreitet seien: dass Opfer schwach und hilflos seien, gebrochen und traurig. «Aber vielleicht sind sie auch laut, fordernd und stecken die Gewalt relativ gut weg», erklärt die Fachfrau.

«Viele Verhaltensweisen entsprechen nicht den Vorstellungen, die wir von einem Opfer haben». Das könne für Betroffenen zum Problem werden, sagt Lelia Hunziker: «Weil sie dann als Opfer nicht ernst genommen und sogar als Täterinnen dargestellt werden.»

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Ich erzähle Sophie von den Stereotypen, die Lelia Hunziker und die FIZ aufzubrechen versuchen. Sie hört aufmerksam zu und sagt dann: «Ja genau, damit habe ich Mühe: Dass ich als Opfer schwach und hilflos sein muss, irgendwie passiv.»

Natürlich sei ihr etwas widerfahren, das sie so nicht wollte und sie im ersten Moment hilflos machte. «Aber ich möchte mich von diesem Moment emanzipieren können und nicht ständig auf die Rolle des Opfers reduziert werden», gibt Sophie zu bedenken.

Ihr sei wichtig zu sagen, dass sie nur aus ihrer eigenen Perspektive und über ihre Erlebnisse sprechen könne. «Sicher passt der Opferbegriff für andere Menschen, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Ich möchte sie deswegen nicht verurteilen.»

Gewalterfahrungen anerkennen

Am Opferbegriff festhalten will Mario Erdheim. Der renommierte Psychoanalytiker findet es wichtig, auf diese Weise körperliche oder psychische Gewalt anzuerkennen: «Egal welche Form von Gewalt jemand erlebt hat, es bleibt immer eine Verletzung zurück. Erst wenn ich anerkenne, dass ich vergewaltigt, beraubt, verfolgt oder gejagt worden bin, kann ich mich zu wehren beginnen.»

Schatten eines gewaltsamen Konflikts
Legende: Das Widerfahrene anzuerkennen ist für Psychoanalytiker Mario Erdheim Voraussetzung für die Verarbeitung. Keystone / DPA / Maurizio Gambarini

Wer eine Gewalterfahrung verleugne, laufe später Gefahr, das Erlittene weiterzugeben. Davon ist Mario Erdheim überzeugt. Wer also als Kind geschlagen werde und diese Gewalterfahrung verdränge, laufe Gefahr, später die eigenen Kinder ebenfalls zu schlagen.

«Erst mit der Anerkennung, dass ich geschlagen worden bin und meine Eltern fürchterlich waren, kann ich mich von ihnen abgrenzen und es anders machen», erklärt der Psychoanalytiker.

Das Tabu brechen

Selbst als mit der #MeToo-Debatte öffentlich intensiv über sexuelle Gewalt diskutiert wurde, gelang es Sophie nicht, den sexuellen Übergriff als solchen anzuerkennen. Das geschah erst vor rund einem Jahr.

Bis dahin hatte sie ihren Eltern hatte nicht vom Übergriff erzählt. «Irgendwie war es mir peinlich und ich hatte Angst, dass sie mir nicht glauben würden», versucht sich Sophie das jahrelange Schweigen zu erklären.

Bei einem Besuch konnte Sophie dann plötzlich darüber sprechen: «Ich hatte mir das nicht vorgenommen, es passierte einfach.» Zu ihrer Erleichterung glaubten ihr die Eltern sofort. Sie waren empört, traurig und wütend – und verstanden plötzlich, warum der Kontakt zu jenem Freund in den letzten Jahren abgebrochen sei.

«Sie machten sich auch Vorwürfe – dass sie zu naiv waren und mich nicht genug geschützt haben», erzählt Sophie. «Aber ich glaube, Eltern können ihre Kinder nicht vor allem bewahren. Ich mache ihnen jedenfalls keinen Vorwurf.»

Die Reaktion ihrer Eltern habe viel eher geholfen, das Erlebte anzuerkennen: «Danach fühlte sich die Aussage ‹ich bin Opfer› plötzlich richtig an.» Aber sie erkannte auch: «Es gehört zu meiner Biografie. Ich muss mich dafür nicht schämen.»

Opfer ist nicht gleich Opfer

Kulturgeschichtlich ist unser Opferbegriff von der jüdisch-christlichen Tradition geprägt: Früher opferte man Tiere, um sich mit Gott zu versöhnen. Später opferte sich sogar Jesus dafür. Sein Kreuzestod wurde zumindest lange Zeit so interpretiert. Heute haben viele Menschen Mühe mit dieser Vorstellung, selbst Pfarrerinnen und Theologen.

Im Englischen gibt es für die verschiedenen Arten von Opfern unterschiedliche Begriffe: «Victim» steht für Kriegs-, Erdbeben- oder Mordopfer. Ein Opfer, das als Geschenk oder Gabe gemeint ist, nennt man «sacrifice».

Daneben spricht man im Englischen auch von «survivors», also von Hinterbliebenen oder Überlebenden. Für Psychoanalytiker Mario Erdheim ist es ein wichtiger Begriff, weil er auf die Leistung der Psyche aufmerksam mache, schlimme Erlebnisse verarbeiten zu können: «Wenn jemand sexuelle Gewalt erlebt hat und später eine intime und gute Beziehung pflegen kann, ist das doch bemerkenswert und eine grosse Leistung.»

Strafanzeige erstatten?

Vor ein paar Monaten hat Sophie einen weiteren Schritt unternommen, um sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen: Sie ging zu einer Beratungsstelle für Opfer sexueller Gewalt. Dort erzählte sie erstmals einer Fachperson vom Übergriff.

Sie kontaktierte zudem eine Anwältin, weil sie den Freund der Familie anzeigen wollte: «Nach all den Jahren fühlte ich mich bereit dazu. Ich war auch bereit, die Geschichte der Polizei und dann möglicherweise nochmals der Staatsanwaltschaft erzählen zu müssen.»

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Dazu wird es allerdings nicht kommen: Der Fall ist wohl verjährt. «Die Anwältin sprach von sexueller Nötigung als Tatbestand. Da gilt eine Verjährungsfrist von 15 Jahren. Aber wahrscheinlich ist es 16 oder 17 Jahre her», erzählt Sophie nüchtern.

Zu ihrem eigenen Erstaunen kann sie nicht mehr sagen, in welchem Jahr der Übergriff passierte. Auch ihre Eltern haben versucht, das Ganze zu rekonstruieren. Ohne Erfolg.

Grenzüberschreitungen erkennen

«Gleichwohl haben mir die Gespräche mit der Beratungsstelle und der Anwältin geholfen», betont Sophie. Sie habe zum Beispiel gemerkt, dass sie auch in anderen intimen Begegnungen und Beziehungen Grenzüberschreitungen erlebt hat.

«Nichts davon kommt an das heran, was ich damals in den Ferien beim Freund meiner Eltern erlebt habe», sagt Sophie und ergänzt: «Aber ich habe bei vielen Dingen mitgemacht, die ich eigentlich nicht wollte.»

Schatten im Sonnen Gegenlicht einer Frau auf einem Balkon
Legende: Sophie hat sich von ihrer Vergangenheit ein Stück weit befreit. Sie weiss, dass das nicht allen Betroffenen gelingt. Photocase / CoBe

Als Sophie das erzählt, verschlägt es ihr für einen Moment die Stimme. Dann sagt sie: «Dass ich nicht für mich eingestanden bin, schmerzt mich heute am meisten. Mit dem anderen komme ich irgendwie klar.» Und sie fragt rhetorisch: «Wie klein muss mein Selbstwertgefühl damals gewesen sein?»

Seit ein paar Jahren lebt Sophie nun in einer festen Beziehung. Mit ihrem Partner hat sie viel über das Erlebte gesprochen. Das habe ihr geholfen. Auch dabei, in dieser Beziehung besser Nein sagen zu können. «Es braucht manchmal immer noch Mut – egal ob in sexuellen Belangen oder in anderen.»

Ein Stück weit befreit

Zum Schluss will ich von Sophie wissen, als was sie sich heute sieht: als Opfer? Oder eher als Überlebende? «Ich bin beides: Ich wurde Opfer sexueller Gewalt, habe es physisch und psychisch überlebt und mich ein Stück weit davon befreien können. Ich weiss aber, dass es anderen ganz anders ergeht.»

Dann hält Sophie kurz inne und fügt an, das solle nicht das letzte Wort sein. Sie lacht und sagt dann: «Schreib lieber: Ich bin Opfer – und selbstbewusst.»

Anlaufstellen für Betroffene

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Hier finden von Gewalt Betroffene Hilfe:

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Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 31.03.2021, 09:02 Uhr

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