Woher der Stress kommt

Viele fühlen sich überfordert, viele sagen von sich «ich bin im Stress» – der Stress ist überall, und doch ist er ein relativ neues Phänomen. Der Historiker Patrick Kury geht in seinem Buch «Der überforderte Mensch» der Geschichte des Stress und des Burnouts nach.

Collage, Mann im Anzug in sechs verschiedenen Arbeitssituationen eines Büroalltags.

Bildlegende: Stress und Burnout – Folgen unserer modernen Lebensweise. Regina Hügli / 13 Photo

Die Geschichte des Stress ist, wie viele Phänomene unserer Zeit, komplex und vielschichtig. Sowohl Stress wie auch der Burnout sind an sich schon, wie der Historiker Patrick Kury in seiner Einleitung schreibt, «schwer fassbar». Denn beim Stress wie auch beim Burnout spielen medizinische, soziale und kulturelle Faktoren mit hinein. Beide Krankheitsbilder haben, mehr als viele andere, eine individuelle wie auch eine gesellschaftliche Seite.

Historischer Blick auf Phänomen der Moderne

Patrick Kury hat in seiner historischen Aufarbeitung beides im Blick. Er versteht den Stress insbesondere als ein Phänomen der Moderne, als eine Folge von Beschleunigung, Arbeitsteilung und Leistungsdruck. Aber der Stress ist auch eine medizinische Diagnose, und in dieser liegt – wie immer, wenn Instanzen über Dinge urteilen – auch so etwas wie Macht.

Alles begann um die 1880er Jahre herum mit einer Krankheit, die vor allem in Deutschland und in Österreich oft diagnostiziert wurde: mit der Neurasthenie. Neurastheniker waren Menschen, deren Nerven durch die Lebensumstände der Moderne angegriffen waren, die mit der Geschwindigkeit und der Hektik des Lebens nicht zurechtkamen. Die Diagnose ähnelte derjenigen des Stress, doch sie setzte sich nicht durch.

Nach 1918 verschwand die Neurasthenie aus den medizinischen Debatten. Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gab es kaum grössere Forschungsvorhaben zum Thema – eine erstaunliche Feststellung; denn immerhin hatte der amerikanische Physiologe Walter B. Cannon just in dieser Zeit erstmals den Begriff «stress» verwendet.

Durchbruch nach dem Zweiten Weltkrieg

Doch es dauerte bis nach dem Zweiten Weltkrieg, bis die Diagnose Stress einen Durchbruch erlebte. Wie bei anderen Krankheitssymptomen auch war es ein einzelner Forscher, der hier die schlüssigen Ideen lieferte: Hans Seyle, ungarischer Abstammung, lehrte an der Universität in Montreal. Er griff in seinen Forschungen auf den grössten Verursacher von Stress zurück, auf den Krieg. Im Krieg, wo die Moderne ihre Exzesse feierte, fand Hans Seyle das Material für seine Forschungen.

Patrick Kury zeigt auf, wie die Diagnose Stress erst zu einer medizinischen Diagnose für das Befinden der modernen Menschen der 1950er und 1960er Jahre wurde. Später erreichte sie auch die populärwissenschaftlichen Debatten und wurde dann zu einem Allgemeinplatz in der Alltagssprache. Dann kam die Diagnose Burnout dazu – Burnout als der Kollaps vor dem Stress.

Stressmanagement als Problem

Doch mit dem Stress kamen auch all die Techniken zur Bewältigung von Stress in die Welt. Millionen Menschen üben sich täglich darin, den Stress abzubauen, mit Yoga und anderen Entspannungsübungen. Man versucht, den krankmachenden Einflüssen am Arbeitsplatz und im Leben allgemein mit individuellem Stressmanagement zu begegnen.

Patrick Kury schreibt, dass diese individuelle Bewältigung von Stress nicht nur irgendwann mal an ihre Grenzen stösst. Er weist auch darauf hin, dass dieser individualisierte Versuch, mit dem Stress klarzukommen, vielleicht der falsche Weg ist, und dass es besser wäre, den Stress als ein gesellschaftliches Phänomen zu betrachten.

Buchhinweis

Patrick Kury: «Der überforderte Mensch. Eine Wissensgeschichte vom Stress zum Burnout.» Campus Verlag, 2012.