Woher kommt der Drang nach Höchstleistungen?

Der ehemalige «Guardian»-Chefredaktor Alan Rusbridger ist einer von vielen Topmanagern, die auch in der Freizeit nach Höchstleistungen streben. Der Arbeitspsychologe Theo Wehner erklärt, woher dieser Drang kommt, sich auch in der Freizeit hohe Ziele zu stecken und nicht einfach mal zu entspannen.

Ein Mann im Büro macht einen Spagat, telefoniert dabei und tippt am Computer.

Bildlegende: «Sensation Seeking», die Suche nach und Aufrechterhaltung von Spannungsreizen, bestimmt heute Arbeit und Freizeit. Getty Images

Alan Rusbridger beschreibt in seinem Buch «Play it again» ein aussergewöhnliches Jahr für ihn als Chef vom «Guardian»: 2010 war das Jahr von WikiLeaks. Er war also beruflich stark gefordert, gleichzeitig steckte er sich auch in seiner Freizeit hohe Ziele: Rusbridger lernte eines der schwierigsten Klavierstücke überhaupt. Woher kommt dieser Drang, auch in der Freizeit Höchstleistungen zu erbringen?

Theo Wehner: Manager werden im Beruf mit hohen Leistungsanforderungen und Aufgaben konfrontiert, die sie nie alleine und vollständig selbst abschliessen können. Die Aufgaben sind zu komplex: eine Fusion, der Zukauf einer Firma, der Wiederverkauf dieser Firma und so weiter.

Managerielles Handeln ist also ein kontinuierliches Entscheiden unter Unsicherheit, was für viele andere Berufe selbstverständlich auch gilt. Folglich erlebt der Manager tendenziell eine kontinuierliche, persönliche Leistungsschwäche und bleibt hinter den Anforderungen der Aufgaben und sicher auch hinter seinem Anspruch zurück. Im Hobbykeller der Freizeit, unter eigener Regie und am eigenen Leib kann, er viel besser erleben, dass er leistungsfähig ist. Man trainiert auf einen Marathon, um ihn dann auch zu absolvieren – möglichst über die Ziellinie hinaus.

Aber der Manager könnte doch auch einfach ein ganzes Buch lesen – dann hat er auch etwas abgeschlossen.

Ja, das könnte er. Gesucht wird aber eher eine spannende, auch gern körperliche Herausforderung. In der Psychologie nennen wir das auch «Sensation Seeking» und bezeichnen damit ein Persönlichkeitsmerkmal: die Suche und Aufrechterhaltung von weiteren Spannungsreizen.

Wir beobachten auch, dass es leichter ist, das Leistungsniveau zu erhalten, womöglich zu steigern, als zur Ruhe zu kommen. Wenn die Höchstleistung im Beruf nicht zu dem führt, was wir als «erfüllte Müdigkeit» bezeichnen – dass man nach getaner Arbeit redlich müde war – muss man annehmen, dass das Aufschlagen eines Buches eher bedrohlich für die Seele ist. Weil dadurch womöglich ein Entspannungsniveau erreicht wird, das mich daran erinnert, was ich im Beruf nicht abzuschliessen vermochte.

Diese Situation bezeichnet man als eine «Krise durch Musse», der man leichter entgeht, indem man gerade in der freien Zeit schweisstreibende Aktivitäten aufnimmt und sich extremen Herausforderungen stellt.

Das Hobby als Flucht also und je extremer, desto leichter kann man den beruflichen Alltag vergessen?

«Die Furcht vor der Freiheit» lautete ein Buchtitel von Erich Fromm. Er beschrieb bereits vor 70 Jahren jene Fluchttendenzen des «modernen» Menschen, die wir heute massenhaft beobachten können. Fromm führte sie schon damals auf gesellschaftliche Verhältnisse zurück und nicht auf Störungen des Einzelnen.

In der Zwischenzeit hat die Individualisierung, die Selbstverwirklichungssucht eher zugenommen, und wir sehen die Auswirkungen des «erschöpften Selbst» in den depressiven Verstimmungen und getriebenen Fluchttendenzen massenhaft.

Sind diese extremen Hobbys ein Produkt unserer heutigen Leistungsgesellschaft?

Leistung wurde früher durch die Konventionen der Gesellschaft definiert und war von Nützlichkeitserwägungen für den Einzelnen und für die Gesellschaft geprägt. Heute definieren viele von uns den Leistungsanspruch und die Leistungsbereitschaft individuell: Man macht sich durch die Leistungen, die man im Beruf erbringt, fit für noch grössere Leistungen in der Freizeit, um dort wiederum seine Leistungsbereitschaft für weitere berufliche Herausforderungen zu steigern: ein Teufelskreis!

Hinzu kommt: Früher erzählte man, welche Leistungen man in der Arbeit und damit auch für andere Mitglieder der Gesellschaft erbracht hat. Heute sind die Leistungen in der Freizeit sehr viel stärker zum Gesprächsthema geworden: «Den letzten Marathon habe ich gut absolviert und trainiere nun für den Iron Man.»

Buchhinweis

Alan Rusbridger will in zwölf Monaten eines der schwierigsten Stücke der Klavierliteratur lernen, Chopins Ballade No.1. Dabei offenbart er Schwächen und Zweifel, die ihm in seinem beruflichen Leben fremd sind. Und ganz nebenbei zeigt sich, welche Kraft Musik hat.

Alan Rusbridger: «Play it again». Secession Verlag, Zürich 2015.

Theo Wehner

Theo Wehner

SRF

Theo Wehner ist emeritierter Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie und ehemaliger Leiter des ETH-Zentrums für Organisations- und Arbeitswissenschaften. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die psychologische Fehlerforschung, das Verhältnis von Erfahrung und Wissen, kooperatives Handeln und psychologische Sicherheitsforschung.

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