Woher kommt die plötzliche Sympathie gegenüber den Kurden?

Lange Zeit galten die Kurden als Problem – jetzt spielen sie eine Schlüsselrolle. Es gibt Kundgebungen zugunsten der Kurden in Europa und der Westen unterstützt die Kurden mit Waffen und Logistik. Woher dieser Wandel kommt, sagt der Historiker Hans-Lukas Kieser.

Ein älterer Mann hält eine kurdische Flagge an einer Beerdigung nahe der türkisch-syrischen Grenze.

Bildlegende: Türkische Kurden nahe der syrischen Grenze: drei kurdische Kämpfer, die im Krieg gegen den IS starben, werden beerdigt. Reuters

Es gibt viel Sympathie für die Kurden: an Demonstrationen und auch in den Medien, seit Kurden die Stadt Kobane gegen die Terrororganisation IS verteidigen. Hat Sie das überrascht, Hans-Lukas Kieser?

Nicht wirklich überrascht, weil wir in einer neuen Phase sind, die wir bisher so nicht gekannt haben. Wir haben eine Präsenz der Kurden, eine Sichtbarkeit der Kurden und tatsächlich auch eine Sympathie, sogar in der Diplomatie. Und die hatten wir bisher nie, über all die Zeit hinweg.

Deutschland liefert Waffen an die Kurden, die USA haben sich entschieden, logistisch auf der Seite der Kurden einzugreifen, eine breite Koalition fliegt Schläge gegen die Terrororganisation IS. Sind denn all die Jahre vergessen, als die Kurden vor allem mit der radikalen, manchmal auch gewalttätigen kurdischen Arbeiterpartei, der PKK, identifiziert wurden?

Ein Stück weit vergessen, ja. Aber vor allem hat sich die Makro-Konstellation im Nahen Osten verändert. Auch der Kalte Krieg, bei dem das Schicksal der Kurden gleichsam unter dem Deckel gehalten wurde, ist vorbei. Hinzu kommt, dass sich auch die PKK gewandelt hat – sie ist ja heute der Ansprechspartner für einen Friedensprozess in der Türkei. Insofern hat sich tatsächlich eine ganz neue Konstellation ergeben, in der die Kurden als neue, verheissungsvolle Akteure auftreten.

Nach dem Motto «Der Feind meines Feindes ist mein Freund»?

Nicht in dieser linearen Logik. Denn der Umstand, dass die Kurden neu wahrgenommen werden, ist auch den Kurden selber zuzuschreiben. Das ist das Erbe und der Ertrag eines jahrzehntelangen Kampfes, der lange nur als Terror betrachtet wurde. Die Kurden haben aber auch jahrzehntelang für ihre eigene Kultur gekämpft, Schriftsteller haben sich dafür eingesetzt, dass die kurdische Sprache weiter gepflegt wurde, dass Bücher übersetzt wurden. Das sind nur ein paar Elemente, die bestimmend waren.

Welche Rolle hat die Diaspora gespielt bei alledem, die vielen Kurdinnen und Kurden, die auch in der Schweiz leben?

Die Diaspora ist ein wichtiges Element, das ist ganz klar – nicht ganz so wichtig, wie in anderen Fällen, weil doch der grösste Teil der Kurden im Land geblieben ist. Aber es gab und gibt prominente Stimmen auch unter den ausgewanderten Kurden. Im Laufe der Jahre wurden im Ausland Institute für die kurdische Kultur gegründet, es gibt heute kurdische Forscher, die sich an der Spitze der Wissenschaft bewegen, und – nicht zuletzt – haben die Kurden bewiesen, dass sie auch das diplomatische Parkett gut beherrschen.

Bei alledem sind die Kurden sehr divers – über vier Länder verteilt, mit sehr unterschiedlichen politischen Ansichten, sehr militant auch. Was eint die Kurden denn?

Dass die Kurden so verschieden sind, das wurde ja während Jahrzehnten immer ausgenützt: Man hat die Kurden gespalten, getrennt. So, wie es heute aussieht, wird diese Schwäche nun erstmals zu einer Stärke, und die besteht in einem starken kulturellen Erbe. Ein Erbe, das zwar wiederum sehr heterogen ist, weil die Kurden ja drei verschiedene Sprachen sprechen. Es ist aber auch die Erinnerung an ein gemeinsam erlittenes Leid in diesem dunklen 20. Jahrhundert.

Zur Person

Hans-Lukas Kieser ist Professor für Geschichte an der Universität Zürich und Spezialist für türkische und kurdische Geschichte.

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