«Wort zum Sonntag»: Der unauffällige Dauerbrenner wird 60

Das «Wort zum Sonntag» gehört zum Urgestein des Fernsehens. Seit 60 Jahren kommentieren hier Kirchenleute gesellschaftliche Entwicklungen. Es war nie ein telegenes Format, widersteht aber bis heute medialen Moden und Umbrüchen. Ein besonderes Jubiläum.

Die Schweiz war für die WM gerüstet: 1954 war sie Gastgeberland. Aber nicht nur das war speziell: Zum ersten Mal wurde eine Fussballweltmeisterschaft zum internationalen Fernsehereignis. Das Schweizer Fernsehen, gerade einmal ein Jahr alt, übertrug die Spiele in alle TV-erschlossenen Länder.

Zu diesem Zeitpunkt war eine andere Sendung bereits zum zweiten Mal über den Bildschirm geflimmert: «Zum heutigen Sonntag» hiess das 10-minütige Format, das in den Anfangsjahren noch am Sonntagabend ausgestrahlt wurde. Am 6. Juni 1954 sprach es zum ersten Mal Kurt Naef, Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Wildegg. Eine Woche später kam mit Dr. Arnold Huwyler die römisch-katholische Kirche zu Wort.

Diese Sendung hält sich beharrlich

Heute, 60 Jahre später, ist beim Fernsehen vieles ganz anders. Das klassische Fernsehen mit festen Programmzeiten und gemeinschaftlichen Erlebnissen wird immer mehr in Frage gestellt.

Pfarrer Ernst Sieber auf Stelzen im Studio.

Bildlegende: Ein waghalsiger Auftritt: Pfarrer Ernst Sieber 1982. SRF

Das «Wort zum Sonntag» hält sich in diesem Umfeld aber beharrlich. Erstaunlich für eine Sendung, die von Anfang an alles andere als telegen war. Die Produktion ist einfach gestrickt: Vorspann, Kamera läuft, ein Mensch spricht, Abspann. Das Wort steht im Vordergrund. Schöne Bilder gibt es bei den gelegentlichen Aussenproduktionen dazu. Sie sind aber die Ausnahme.

Diese Sendung polarisiert

Als «christlicher Kommentar zum Zeitgeschehen» ist das «Wort zum Sonntag» eine der wenigen expliziten Meinungssendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Es steht entsprechend häufig in der Kritik und erntet zahlreiche Publikumsreaktionen und Beanstandungen.

Wen wundert‘s, soll die Sendung ja keine Kurzpredigt sein oder erbauliche Harmlosigkeiten verbreiten. Theologinnen und Theologen aus den drei Landeskirchen (evangelisch-reformiert, römisch-katholisch und christkatholisch) äussern sich zu gesellschaftlichen, politischen oder kirchenpolitischen Themen von A wie Atomkraft über H wie Homosexualität bis zu Z wie Zölibat.

Nicht alle, links wie rechts, wollen so etwas hören. Und auch die Frage, ob sich eine Religion zu bester Sendezeit öffentlich äussern darf, ist nicht neu, wird aber aufgrund des gesellschaftlichen Wandels der letzten 60 Jahre immer wieder neu gestellt.

Populär unpopulär: «Wort zum Bierholen»

Der Sendeplatz zwischen der samstäglichen Hauptausgabe der «Tagesschau» und der folgenden Unterhaltungssendung ist prominent. In wie vielen Haushalten es wirklich als «Wort zum Bierholen» genutzt wird, ist nicht erhoben.

Dennoch erfreut sich das TV-Urgestein mit durchschnittlich rund 30 Prozent Einschaltquote – so die Quote 2013 – dauernder Beliebtheit. Trotz seiner eigentlich unpopulären und recht unmedialen Erscheinungsform wird es angeschaut. Zuschauerinnen und Zuschauer kommentieren und teilen es über soziale Medien. Eine widerständige Sendung, der gerne Langeweile unterschoben wird, die aber doch immer wieder überrascht.

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