Zu wenig spielerisch – Jugendliche über ihre religiöse Erziehung

In die Debatte um die religiöse Erziehung reden Politiker, Pädagogen, Theologen, Atheisten. Was aber sagen Jugendliche? Was bedeutet ihnen das Wissen über Religion? Was erwarten sie vom Schulstoff, was möchten sie über Rituale und heilige Schriften wissen? Sieben ehrliche Antworten.

Schüler singen im Religionsunterricht

Bildlegende: Welche Rolle der Religionsunterricht in der Schule spielen soll, ist umstritten, auch für die Schüler. Keystone

Engstirnig

Meine Eltern sind nicht religiös. Wir haben Weihnachten und Ostern und so schon gefeiert, jedoch nie mit einem religiösen Bezug. In der Schule hatte ich zwei Jahre Religionsunterricht. Ich habe aber bald gemerkt, dass es nicht mein Ding ist. Der Unterricht war viel zu engstirnig und nicht offen anderen Religionen gegenüber.
Spannend finde ich, mehr über Naturreligionen zu erfahren. Und dass man nicht nur die eigene Religion kennt. Wahrscheinlich habe ich zu viel über die Bibel und die christliche Religion gehört.
Jeder muss herausfinden, wie wichtig Religion für ihn selber ist und wie man damit umgehen möchte. Die Religion verbindet Menschen miteinander, genauso aber trennt sie auch. So viele Kriege sind aufgrund verschiedener Religionen entstanden, und das darf einfach nicht sein.

Moira, 18 Jahre

Zuwenig über asiatische Religionen und Sekten

Ich war getauft, ging zum Katecheseunterricht und in der Schule lernte ich im Fach «Biblische Geschichte» Teile aus dem Alten und Neuen Testament. Wirklich mit dem christlichen, meinem eigenen Glauben auseinandergesetzt habe ich mich im Gymnasium, als ich nach Rom gezogen war. Hier ist natürlich insbesondere die Römisch-katholische Kirche sehr präsent. Erst hier las ich aus eigenem Interesse verschiedene Texte aus der Bibel und ihre Auslegungen, beschäftigte mich mit dem Katechismus der Römisch-katholischen Kirche und der Geschichte des Christentums.

Über die Religionen aus Asien, etwa den Buddhismus, den Hinduismus oder Shinto, möchte ich mehr erfahren. Die monotheistischen Religionen ähneln sich sehr und sind daher auch für die meisten in Europa und der westlichen Welt nachvollziehbar. Der Buddhismus und Hinduismus hingegen sind völlig anders und kommen meiner Meinung nach in der Schule oftmals zu kurz. Und in Bezug auf Integration, die Ereignisse im Mittleren Osten und den Kopftuchstreit ist es meiner Ansicht nach wichtig, viel über den Islam zu lernen. Ich merke selbst immer wieder, wie wenig ich darüber weiss und wie viel missverstanden wird.

Auch das Thema Sekten sollte öfters aufgegriffen werden: Wie ist eine Sekte definiert? Was sind die Gefahren wie werben sie neue Mitglieder an?

Meines Erachtens ist religiöses Wissen sehr wichtig. Mit der Globalisierung treffen vermehrt verschiedene Kulturen, Weltanschauungen und Religionen aufeinander. Daher ist es wichtig, dass man über den anderen Bescheid weiss und ihn auch ein Stück weit verstehen kann. Dies dient besonders zur Vorbeugung von Vorurteilen, Diskriminierung und Mobbing. Es ist also wichtig, dass alle religiöses Wissen vermittelt bekommen – vor allem in der Schule. Damit Toleranz auf allen Seiten gefördert wird und ein friedliches Zusammenleben entstehen kann.

Juyani, 19 Jahre

Was steht wirklich in der Bibel?

Ich hatte nie richtigen Religionsunterricht. In der Schule habe ich dieses Fach zwar besucht, auch den reformierten «Unti», geblieben ist mir aber nichts. Wir haben Vieles besprochen, aber nicht so richtig, was in der Bibel steht oder was Gott sein soll. Zuhause feiern wir immer Weihnachten oder Ostern. Da geht es aber nicht primär um Gott oder Jesus, sondern das sind einfach grosse Familienfeste mit Onkel, Cousinen, Tanten und vielen Geschenken. Religion aber war zuhause kein Thema. Meine Grossmutter hatte mit uns gebetet und uns vom lieben Gott erzählt, das fand ich noch schön. Aber jetzt macht sie das auch nicht mehr.

Eigentlich möchte ich wissen, was wirklich in der Bibel steht. Wir haben nie darin gelesen, doch jetzt interessiert es mich ein wenig. Auch fände ich es spannend, mehr über die anderen grossen Religionen zu wissen.

Ich glaube nicht, dass Religion so wichtig ist. Oft macht sie Menschen nur radikal. Sie behaupten dann Sachen, die so nicht sein können. Ich möchte über alle Religionen etwas erfahren, nicht nur das Christentum.

Yannic, 16 Jahre

Wenig spielerisch

In der Schule sangen wir Lieder, Weihnachten und so. Mich interessieren die Feiertage und ihre religiösen Gründe wenig bis gar nicht. Was mich interessiert hätte: von der Bibel Sinnvolles für mein Leben zu erfahren. Weisheiten, Ratschläge oder Vorbereitung auf das Leben. Was wir aus der Bibel gelernt haben, habe ich schon wieder vergessen. Wahrscheinlich war der Inhalt oder die Unterrichtsform nicht interessant genug oder zu wenig spielerisch gestaltet. Ausserdem hatte es nichts mit meinem Leben zu tun. Ich habe nur gelernt, warum wir Ostern feiern, was für mich eine irrelevante Information ist.

Ausserdem sollten nicht nur Informationen aus der Bibel besprochen werden, sondern auch Texte aus anderen grossen Religionen. Somit würden sich auch jüdische und muslimische Kinder einbezogen fühlen und im Unterricht mitmachen, anstatt von ihren Eltern suspendiert zu werden.

Ich selber glaube nicht an Gott. Ich denke, dass man nicht unbedingt an Gott glauben muss, um die Weisheiten der Bibel zu verstehen. Jedoch hilft der Glaube vielen Leuten, Antworten auf Fragen zu finden, die sie selber nicht beantworten können. Leider weiss ich zuwenig von der Bibel, dass ihre Weisheiten mir helfen könnten. Vielleicht sollte ich einmal selber drin lesen.

Tibor, 17 Jahre

Gehört zur Identität

Ich bin Jüdin. Die wichtigsten religiösen Feiertage im Jahr werden bei uns zuhause gefeiert. An diesen Tagen gehen wir auch in die Synagoge. Jeden Freitag abend begehen wir Schabbat in der Familie, manchmal noch mit Verwandten. Die religiöse Bedeutung der Feiertage habe ich sowohl zu Hause als auch in der Schule gelernt. Ich besuchte die jüdische Primarschule Noam in Zürich. Dort lernte ich auch Hebräisch, was mir etwas zuviel war. Aber das Wissen, das ich dort und zuhause über unsere Religion und Kultur vermittelt bekam, fand ich interessant. Dieses Wissen ist mir sehr wichtig, weil es zu meiner jüdischen Identität gehört. Ich glaube, ich werde es mit meinen Kindern ähnlich machen.

Die letzten Schuljahre verbrachte ich in der Freien Evangelischen Schule Zürich. Dort beginnt jedes Schuljahr jeweils mit einer Eröffnungsfeier im Grossmünster. Der Schulrektor ist ausgebildeter evangelischer Pfarrer. Es war ein komisches Gefühl für mich, weil ich nicht richtig dazugehörte. Aber ich fand es interessant. Die Mitschüler und Lehrer waren sehr offen und neugierig meiner Religion gegenüber. Insgesamt war es für mich eine Bereicherung, eine nichtjüdische Schule zu besuchen.

Fiona, 21 Jahre

Was Gott sein soll, weiss ich nicht

Von Zuhause habe ich gar nichts mitbekommen. Nur von meiner Grossmutter: Als wir klein waren, hat sie uns am Abend immer von Gott erzählt und mit uns gebetet. Das war noch schön. Aber was Gott sein soll, das weiss ich nicht.
In der Schule besuchte ich den Religionsunterricht. Doch die Lehrerin war katastrophal und hat uns nur von ihrer kranken Tochter erzählt. Was genau das Christentum ist, was Jesus bedeutet und so, davon haben wir nicht viel erfahren. Geblieben ist mir eigentlich fast nichts.

Es ist kein grosses Thema für mich, aber manchmal frage ich mich schon, ob es so etwas wie Gott überhaupt gibt. Ich glaube, es gibt etwas, das über allem steht, aber was genau das sein soll, weiss ich nicht. Es beschäftigt mich aber nicht so stark.

Religion ist wichtig an gewissen Schnittstellen, wenn Du mit sehr religiösen Menschen reden möchtest oder mit dem Pfarrer. In Krisenzeiten kann es auch helfen, aber da denke ich oft, die höhere Macht soll denen helfen, denen es nicht so gut geht.

Laurent, 18 Jahre

Eigentlich möchte ich mehr wissen

Meine Mutter ist gläubig und wir besuchten den katholischen «Unti», das ist ein Religionsunterricht mit höchstens zehn Kindern. Dafür, dass ich den Unterricht zwei Jahre lang besuchte, weiss ich sehr wenig. Im Gymi gäbe es das Freifach Religion, da ging ich kurz hin, habe dann aber aufgehört. Viele SchülerInnen mussten es besuchen und waren nicht motiviert, störten den Unterricht und lernten nicht viel.
Wir besuchen mit unserer Mutter immer wieder Gottesdienste. Sie engagiert sich auch in der Kirche. Ich gehe einfach mit.

Ich möchte mehr über die eigene Religion wissen. In der Geschichte nahmen wir den Islam durch. Das war spannend und ich weiss jetzt echt viel. Aber über das Christentum weiss ich fast nichts. Ich möchte eigentlich viel mehr wissen, dann könnte ich auch besser entscheiden, ob ich die Firmung wirklich will und was das eigentlich bedeutet.

In der Kirche höre ich zu, aber oft weiss ich nicht so genau, wie ich reagieren soll. Der Pfarrer sagt etwas, meine Mutter und die Messebesucher antworten, aber ich weiss manchmal nicht, was ich sagen soll …

Ella, 13 Jahre

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