Zürich brachte jüdischen Bücherschatz vor den Nazis in Sicherheit

Die jüdische Bibliothek in Zürich ist einmalig. In ihr werden Hunderte Bücher, Manuskripte und Briefe aufbewahrt, die vor den Bücherverbrennungen von 1933 verschont blieben. Nun feiert sie ihr 75-Jahr-Jubiläum mit einem Buch, das die Geschichte des Bestandes und die ihrer Stammkunden zeigt.

Auf einer schwarz-weissen Fotografie stehen Männer in Uniformen und mit Fahnen um einen brennenden Haufen.

Bildlegende: Bücherverbrennung Deutschland, 1933: Bücher jüdischer oder politisch oppositioneller Schriftsteller wurden vernichtet. Keystone

Wie gestaltet man ein Buch über eine Bibliothek? Die Bibliothekarinnen Yvonne Domhardt und Kerstin Paul haben die Aufgabe grandios gelöst. In «Quelle lebender Bücher» baten sie prominente Stammgäste der Gemeindebibliothek der ICZ (Israelitische Cultusgemeinde Zürich) um persönliche Lese-Lebensgeschichten. Das Buch erscheint zum 75-Jahr-Jubiläum.

Jiddische Frauenliteratur, Krimis, Familienlexika

Fassade der ICZ

Bildlegende: Gemeindebibliothek und intellektueller Treffpunkt: die ICZ in Zürich. Wikimedia/Rolandzh

Die Autorin Vivianne Berg etwa beschreibt ihre Entdeckung der jiddischen Frauenliteratur, die als «wertlos» bezeichnet wurde. Die ICZ-Bibliothek jedoch hat ihr die «Frauenbibel» ans Herz gelegt. Der Architekt und Synagogenforscher Ron Epstein bekennt, dass er sein Judentum von a-z in dieser Bibliothek kennengelernt hat. Judith Stofers Interesse an Jerusalem wurde durch die Krimis von Batya Gur noch befeuert, und Bettina Spoerri findet ihr Vokabular in Nathalia Ginzburgs «Familienlexikon».

Das ist das Besondere der ICZ-Bibiliothek: Sie ist einerseits eine Gemeindebibliothek von einer Märchenecke für die Kleinsten bis zur Krimiabteilung für die Grossen. Sie ist aber auch intellektueller Treffpunkt für Forscherinnen und Forscher. Sie ist Archiv für nie veröffentlichte Manuskripte und Briefwechsel, besonders aus der bedrückenden Nazizeit. Und schliesslich beherbergt sie auch noch einen Bücherschatz aus Breslau.

Einzigartige Zeugnisse des deutsch-jüdischen Geisteslebens

Rabbiner Michael Schmelzer zittern die Hände, als er das Buch «Lied der Dankbarkeit» hier findet. Dieses Werk ist über 400 Jahre alt. Es entkam nur knapp der Zerstörung des Rabbinerseminars in Breslau durch die Deutschen 1938. Schmelzer stammt selbst aus Oberschlesien. Dass er dieses Buch hier in Zürich wiederfindet, erfüllt ihn mit Trauer und Dankbarkeit zugleich.

Hannah Ahrendt war es, die bei den Siegermächten dafür eintrat, dass ein Grossteil des wertvollen Buchbestandes aus Breslau nach Zürich emigrieren durfte. So hortet die ICZ heute einzigartige Zeugnisse des deutsch-jüdischen Geisteslebens, das im Holocaust grösstenteils vernichtet wurde.

Ein Kulturgut nationaler Bedeutung

Dies alles macht diese Bücherei zur «Quelle lebender Bücher». Sie ist von der Schweiz als Kulturgut nationaler Bedeutung anerkannt. Charles Lewinsky und andere engagieren sich in einem eigens gegründeten Kulturverein für den Erhalt dieser einzigartigen Bibliothek. Das Jubiläumsbuch selbst kann man dort auch ausleihen. Es steht nun im Regal der öffentlichen ICZ-Bibliothek an der Lavaterstrasse und trägt die Signatur D 39750.

Buchhinweis

Yvonne Domhardt und Kerstin Paul (Hrsg.): «Quelle lebender Bücher. 75 Jahre Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich». Edition Clandestin, 2014.

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