Zwischen Matterhorn und Moschee

In der Schweiz leben 400'000 Menschen islamischen Glaubens. Ein Drittel davon sind Jugendliche, und sie sind in rund 80 Gruppen organisiert. Bislang fehlten Erhebungen über die Generation, die in Zukunft das Gesicht des Islams in der Schweiz prägen wird. Die Uni Luzern schliesst nun diese Lücke.

Eine Gruppe Mädchen mit Kopftuch läuft nebeneinander durch eine Einkausstrasse.

Bildlegende: Muslimische Frauen in der Genfer Innenstadt. Keystone

Über die jungen Musliminnen und Muslime, die in der Schweiz aufgewachsen sind, ist wenig bekannt. Was ihre Perspektiven auf die Gesellschaft sind, wie sie sich zu ihrer Religion verhalten und inwiefern ihr Engagement in einer religiösen Vereinigung für die Integration förderlich beziehungsweise hinderlich ist – mit diesen Fragen stiess das Forschungsprojekt der Universität Luzern auf Neuland. Ziel der Studie war, die religiösen, kulturellen und sozialen Aktivitäten von muslimischen Jugendgruppen zu untersuchen.

«Es war ein längerer Prozess, die muslimischen Jugendorganisationen in der Schweiz erst einmal ausfindig zu machen und Vertrauen herzustellen», berichtet Andreas Tunger. Er ist Koordinator am Zentrum für Religionswissenschaften der Universität Luzern und Teil des vierköpfigen Forschungsteams, das die Studie geleitet hat.

Selbstbewusst und integriert

Die rund 80 muslimischen Jugendorganisationen bestehen überwiegend aus jungen Menschen, die fest mit der Schweiz verwurzelt sind. Wie etwa die Zürcherin Rima Gerber, die mit einer Berner Mutter, einem syrischen Vater und zwei Brüdern in der Schweiz aufgewachsen ist. Sie hat eine Berufslehre gemacht und ist heute als Buchhalterin für ein internationales Unternehmen tätig. Rima Gerber engagiert sich bei Al Hoda, der ans Islamische Zentrum Zürich angeschlossenen Jugendorganisation. Sie hat ihren Religions- und ihren Arbeitsalltag in Einklang gebracht und unterrichtet in der Freizeit Kinder in Arabisch und Religion.

Ein entspanntes Verhältnis zu Religion

Seit ihrem 18. Lebensjahr trägt sie das Kopftuch. «Mir wurde immer gesagt, dass ich eine eigenständige Person bin. Also habe ich die Religion gewählt, mit der ich mich wohl fühle und die meine Fragen ans Leben beantwortet.» Rima Gerber scheint ein entspanntes Verhältnis zum Islam zu haben. Wenn sie im Tram neben einer Ordensschwester zu sitzen kommt, müsse sie immer lachen. «Wir tragen beide eine Kopfbedeckung und sehen von hinten genau gleich aus», sagt die 22-Jährige.

Typisch Jugend

Musliminnen und Muslime stehen in der Gesellschaft unter permanentem Rechtfertigungszwang. Längst nicht alle der 120'000 muslimischen Jugendlichen in der Schweiz sind jedoch religiös aktiv. Wie in anderen kirchlich ausgerichteten Jugendverbänden geht es auch bei den muslimischen Jugendgruppen in erster Linie um den Zusammenhalt. Gemeinsame Aktivitäten fördern den Austausch, man pflegt die Herkunftskultur und die Freundschaften. Das Studium der Religionsschriften, wie etwa die Regeln im Alltag korrekt angewendet und wie das Wissen darüber weitergegeben wird, all das ist fester Bestandteil der obligatorischen Treffen, wie sie zum Beispiel die Jugendorganisation Al Hoda einmal wöchentlich abhält.

Schnelllebigkeit der Verbände

Die meisten muslimischen Jugendgruppen unternehmen überdies gemeinsame Ausflüge, gehen zusammen ins Kino oder organisieren Sportanlässe. Einige Gruppen suchen den Austausch mit der nichtmuslimischen Umgebung, veranstalten Standaktionen oder beteiligen sich an Wohltätigkeitsanlässen. Ein Merkmal, das muslimische Jugendverbände mit jenen anderer Religionen verbindet, ist eine gewisse Schnelllebigkeit. Wie aktiv und wie attraktiv ein Jugendverband ist, das hänge oft von der Zugkraft einzelner Leiterinnen und Leiter ab, sagt Andreas Tunger.

Ein Bild der Normalität

Insgesamt gibt die Studie ein Bild der Normalität wieder. «Bei den muslimischen Jugendlichen handelt es sich um ganz normale Jugendliche, die hier zur Schule gehen, eine Lehre machen, integriert sind und sich mit der Schweiz als Lebensraum identifizieren», betont Andreas Tunger und ergänzt, wie wichtig diese an sich banale Erkenntnis sei. Denn es ist diese junge Generation von Musliminnen und Muslimen, die das Gesicht des Islams jetzt mitzugestalten beginnt und die ihre Rolle in der Gesellschaft in der Schweiz wird spielen können.

Dass das tendenziell schlechte Image des Islam in der Öffentlichkeit korrigiert und durch ein positives ersetzt werden muss, ist Rima Gerber bewusst. «Wir wollen mit dieser Gesellschaft, in der die Mehrheit Christen sind, umgehen und wir wollen hier leben», sagt sie mit Nachdruck. Es sei für sie ein Glück, beides zu kennen – den Islam durch ihren Vater und die christliche Kultur durch ihre Mutter. «Ich kann von beidem nehmen und geben.»

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