1957: Das Jahr, in dem sich John und Paul das erste Mal treffen

1957 ist keine Jahreszahl, die aufhorchen lässt. Doch es war viel los in dem Jahr: In Liverpool treffen sich zwei junge Männer, die später die Popmusik auf den Kopf stellen. Die Fürstin von Monaco kriegt ein Kind, Atome werden gespalten und ein Hund ins All geschossen.

Der kleine Paul geht auf ein Fest. In Woolton, das liegt im Süden Liverpools. Die Attraktionen sind nicht verlockend, wenn man 15 ist: die Rosenkönigin wird gekrönt und Polizeihunde werden vorgeführt. Ganz Woolton ist auf den Beinen. Es gibt nichts Besseres, an diesem Samstag in Woolton. Halt, doch: Nachmittags spielt eine Band: «The Quarrymen». Der Sänger heisst John. Er singt Songs, deren Text er nicht kennt, er improvisiert. Paul ist begeistert.

Lennon / Mc Cartney mit Band

Bildlegende: Ein halbes Jahr nach dem Kennenlernen: sieht schon fast aus wie richtig. Keystone

Paul und der Sänger kommen ins Gespräch. Biere kommen. Biere gehen. Neue Biere kommen. Das ist einer dieser Tage, da ist die Unendlichkeit ganz nah. Wenn man sich plötzlich mit jemandem versteht, mit 15. Abends, so gegen acht, können beide kaum noch gerade stehen. Dafür klettern sie gemeinsam auf die Bühne. Sie spielen zusammen zum Tanz. Ein schöner Abend wird das. Geschichte beginnt hier. Popgeschichte.

Hinterher lässt John Lennon Paul McCartney anfragen, ob er einsteigen wolle. Die «Long and Winding Road» der grössten Band aller Zeiten beginnt: «The Beatles». Damals, an einem Samstag im Juli 1957, in einem Gemeindesaal, in einem Vorort Liverpools.

Die Schweiz geht ans Netz

Im gleichen Jahr, in der Schweiz: An der Eigernordwand verunglücken vier Alpinisten. Eine der grössten Rettungsaktionen startet. Nur einer kann lebend geborgen werden. In Unterbäch im Wallis dürfen Frauen zum ersten Mal an Gemeindewahlen teilnehmen. Ihre Stimmen gelten allerdings nicht. Fribourg feiert stolz 800 Jahre Bestehen und Basel wird 2000 Jahre alt. In Delemont wollen sich Separatisten abspalten, und in Würenlingen werden Atome gespalten: Der erste Reaktor geht ans Netz.

Der Sputnik schockt

Sputnik I: eine simple Metallkugel

Bildlegende: Sputnik I: eine simple Metallkugel löst einen Riesenwirbel aus. Keystone

1957 ist ein Jahr des Umbruchs. West und Ost formieren sich zu Blöcken. Die Russen schiessen im Oktober einen Satelliten in den Orbit. Der Westen ist geschockt. Die Russen sind technologisch voraus, der Westen hat die Zwei am Rücken. Eisenhower, der amerikanische Präsident, sagt in Richtung Russland: «Chruschtschow soll einen Schritt in Richtung Frieden statt Weltraum machen.» Es kommt noch dicker. Im November schicken die Russen Sputnik II ins All. Besetzt mit Laika. Einer Hündin aus Moskau.

Der Satellit hat keinen ausreichenden Wärmeschutz. Die Ingenieure sagen: «Keine Zeit für sowas.» Böse Zungen behaupten, sie hätten den Tod der Hündin in Kauf genommen, um möglichst plastische Messergebnisse zu bekommen. Im Klartext ist der Hund gegrillt worden, bei lebendigem Leib. Ein Schrei der Entrüstung: «Tierversuche» werden Thema. Laika hilft das nicht mehr.

Blick zurück im Zorn

Das britische Empire muss 1957 einsehen, dass der Kolonialismus sich dem Ende zuneigt: Die Kolonien Goldküste und Malaysia werden unabhängig. Das ist nur der Anfang. Die Zeichen des Zeitgeistes stehen auf Sturm. In England ist gerade ein Bühnenstück gelaufen, das beschreibt das Lebensgefühl einer ganzen Generation: «Look Back in Anger» von John Osborne. Das Stück wird zum Credo der «Angry Young Men».

Die Hauptfigur Jimmy sagt im Stück: «Alles, wofür sich zu sterben lohnt, haben unsere Väter erledigt.» Eine Welle von Zorn – gekoppelt mit einer «No Future»-Haltung – folgt. Der Soundtrack kommt postwendend: «Rock Around the Clock» stürmt die Hitparaden. Konzerthallen werden in die Einzelteile zerlegt. Genauer gesagt: das Gestühl.

Es knirscht im Gebälk

Die Schweiz kümmert sich unterdessen um Ungarnflüchtlinge. An der Zürcher Universität werden ungarische Studenten weiter ausgebildet. Man tut viel für die, «die das Leben betrogen hat», wie der Sprecher der «Schweizer Filmwochenschau» sagt. Die Swissair fliegt erstmals nach Fernost, auf dem Corvatsch werden nach einem waghalsigen Landemanöver Skifahrer auf über 3000 Metern mit dem Flugzeug abgesetzt, auch die Armee bekommt neue Flieger und ein neues Sturmgewehr.

Innenpolitisch knirscht es im Gebälk, wohin man auch schaut. Der DDR laufen die Fachkräfte davon, das Wort «Republikflucht» wird geboren. Amerika arbeitet an der Aufhebung der Rassendiskriminierung. Als in Little Rock, Arkansas, schwarze und weisse Kinder gemeinsam in eine Schule gehen sollen, muss die Nationalgarde aufmarschieren.

Rainier und Grace Kelly mit Kindern auf einem Davoser Schlitten.

Bildlegende: 1960 in der Schweiz. Der Adel fährt Davoser Schlitten. Caroline ist mittlerweile 3. Keystone

Toscanini stirbt. In Monaco bringt Fürstin Gracia Patricia ein Kind zur Welt. Es hört auf den Namen Caroline. Die stolze Mutter sitzt mit dem Säugling im Bett. Die «Wochenschau» spielt dazu: «Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein.» Auch das Schlaflied hat ein Genderproblem.

Und heute?

Von heute aus, popkulturell gesehen war es ein gutes Jahr. Der Grundstein für «Yesterday» und «Let It Be» wird gelegt, der Rock 'n' Roll sorgt für schweisstreibende Tuchfühlung. Elvis singt und dreht «Jailhouse Rock». Das ist filmisch kein Meilenstein, zeitgleich aber schreibt Akira Kurosawa Filmgeschichte: Er verfilmt mit «Das Schloss im Spinnwebwald» seine Version von «Macbeth». Der Existentialismus ist die Philosophie der Stunde, Camus bekommt den Nobelpreis.

Weltpolitisch wirkt 1957 wie ein Zwischenjahr. Die Würfel sind in der Luft, aber noch nicht gefallen. Der zweite Weltkrieg hallt einerseits nach. Andererseits zieht eine neue Konfrontation auf, verdeckt noch, aber die ersten Warner formulieren die Höllendimension der Atomkraft und warnen vor dem technologischen Wettlauf der Blöcke: Robert Jungks «Heller als tausend Sonnen» erscheint. Die Prophezeiung, dass der technologische Fortschritt nicht nur für friedliche Zwecke verwendet würde, wird eintreffen: Ost und West stehen sich fünf Jahre später in der Kubakrise gegenüber und die Welt für 13 Tage am Abgrund.

Seltsam, um wie viel deutlicher doch Vieles im Abstand der Jahre zu sehen ist. Was wird wohl in mehr als 50 Jahren über 2014 geschrieben? Was wird bleiben, was verschwinden, was hätte man bereits heute überdeutlich sehen können?

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