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Der Archivar Abgeschossen von der neutralen Schweiz

7. September 1945, die Filmwochenschau berichtet: Amerikanische Bomber starten von Dübendorf aus. Sie seien repariert und flögen nun heim. Alles scheint in Ordnung, sieht aus wie ein Fest. Doch dahinter verbirgt sich ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte.

Der Titel der Wochenschau redet von Internierten. Zu sehen kriegt man die nicht. Sie zeigt nur, wie 60 amerikanische Flugzeuge repariert werden, da wird viel geölt und geschweisst. Schmissige Filmmusik. «Die kranken Vögel fliegen heim und erobern friedliche Länder.» Da steht so viel zwischen den Zeilen, irgendetwas scheint faul.

Wie kommen amerikanische Bomber überhaupt nach Dübendorf? Kein Wort dazu. Vor 20 Jahren hat einer über dieses Thema gearbeitet: Peter Kamber, Historiker und Schriftsteller. Sein Buch von damals steht online, Link öffnet in einem neuen Fenster. Das Buch ist eine einzigartige Trouvaille: Er hat damals Zeitzeugen befragt, sowohl aus dem Aktivdienst auf Schweizer Seite als auch Piloten.

Kamber zeigt auf, worüber geschwiegen wurde

Was in der Wochenschau nach einem Fest aussieht, war keins, legt Kamber offen. Ab 1943 schiesst die Schweiz scharf: Amerikanische und britische Maschinen werden abgeschossen. Sechs durch Fliegertruppen und neun durch Flab. 36 Tote. Kamber ist schockiert, denn zu dem Zeitpunkt ist klar, dass die Alliierten den Krieg gewinnen werden.

Seit Kriegseintritt der Alliierten gibt es immer wieder Überflüge. Es gibt auch immer wieder Beschuss. Aber keine nennenswerten Treffer. Kamber sagt, das hiess damals «Diplomatenfeuer». Deutschland verlangte von der Schweiz, Alliierte zu beschiessen. So wird zwar geschossen, aber es trifft keiner. Aber die deutschen «Diplomaten» in Bern sind beruhigt, deshalb «Diplomatenfeuer».

Flab
Legende: Ab 1943 schiesst die Schweiz scharf auf überfliegende Alliierte. SRF

Warum wurde ab 1943 geschossen?

9. Juli 1943: Die Alliierten landen in Sizilien. Deutschland befürchtet, die Schweiz könne zum Brückenkopf werden. Der Druck auf die Schweiz steigt Alliierte aufzuhalten.

Die Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1944: Gewitter. Britische Bomber fliegen tief. Zwei Maschinen werden von der Schweizer Flab getroffen und stürzen im Wallis ab.

Am 1. Oktober 1943 wird der erste amerikanische Bomber bei Bad Ragaz abgeschossen: Nur drei Mann überleben.

Neben Abschüssen und Abstürzen gibt es 137 Notlandungen. Die Offiziere werden in Davos interniert, die unteren Chargen in Adelboden. Der Vertreter des US-Militärgeheimdienstes in Bern, US-Militärattaché Barnwell Legge, lässt die Mannschaften anweisen, nicht zu fliehen. Die Mehrheit hält das für einen diplomatischen Witz.

Wer erwischt wird, kommt ins Wauwilermoos

Wenn sie erwischt werden, kommen sie ins Lager Wauwilermoos bei Luzern. Befehligt wird das Lager von André Beguin. «Ein Schandfleck für die Schweiz», sagt Kamber. Béguin ist schon mal aus der Armee geworfen worden, er hat eine braune Vergangenheit in der Schweiz. Jahrelang arbeitet er daraufhin in München für nazi-nahe Organisationen. Unterschreibt mit «Heil Hitler».

Er wird auf eigenen Antrag reaktiviert, bewirbt sich für das Wauwilermoos, «kein Karriereoffizier wollte da hin», sagt Kamber. Die sanitären Einrichtungen sind katastrophal. Béguin nimmt den Insassen die Essenspakete weg, schikaniert sie.

Der amerikanische Soldat Dan Culler wird im Lager von Internierten aus Osteuropa vergewaltigt. Er meldet das Béguin. Der lacht und schickt ihn zurück. Die Vergewaltigungen gehen weiter. «Ich blutete überall», wird Culler später sagen. Culler erkrankt schwer. Wird ins Spital verlegt. Als die Kräfte zurückkehren, flieht er. Schlägt sich nach Genf durch, verkleidet. Trifft drei amerikanische Flieger. Mit ihnen flüchtet er über die Grenze nach Frankreich, wird beschossen. «Ohne Vorwarnung», sagt er.

Und heute?

Aufgearbeitet ist diese Geschichte nicht. Es gibt seit Jahren Versuche, sich der ganzen Wahrheit anzunähern:

  • 1993 beleuchtet ein Schweizer Dokumentarfilm das Kapitel Schweizer Geschichte: «Helden vom Himmel».
  • 1995. Kaspar Villiger empfängt Dan Culler. Villiger entschuldigt sich offiziell.
  • Der amerikanische Offizier Dwight Mears promoviert 2012 mit einer Arbeit über die amerikanischen Internierten in der Schweiz. Dan Culler ist sein Grossvater.

Ironie der Geschichte: Die Gefangenen der neutralen Schweiz gelten nicht als Kriegsgefangene. Eine Anerkennung erhalten sie nie. Bis 2013. Der amerikanische Senat ehrt 157 Piloten und Crewmitglieder. Eine späte Anerkennung. Fast 70 Jahre später.

Der Schweizer Dokumentarfilmer Daniel Wyss hat die Geschichte aktuell recherchiert: Sein Film «Erzwungene Landung» ist der aktuelle Versuch, sich der ganzen Wahrheit anzunähern. Es ist an der Zeit.

Sendehinweis: Der Film «Erzwungene Landung» von Daniel Wyss läuft am 28. Oktober 2015 um 22.55 Uhr auf SRF1.

Buchhinweis

Buchhinweis
  • Peter Kamber: Geheime Agentin, Berlin 2010

Archivperlen

Das Archiv von SRF ist ein fulminanter Fundus, ein audiovisuelles Gedächtnis, in Schwarz-weiss oder Farbe, analog oder digital. Wichtiges und Unwichtiges, Überholtes und allzeit Gültiges, Alltag und grosse Weltgeschichte.

Im Player von SRF sind eine Vielzahl von «Perlen», die Ihnen online zugänglich sind sowie im Archivkanal auf Youtube.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Jäger, 8800 Thalwil
    Bombardierung durch alliierte Kampfbomber vom 22. Februar 1945 Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Dorf Vals von alliierten Kampfbombern bombardiert. Mehrere Dorfbewohner wurden getötet oder verletzt. Ob es sich um ein Versehen handelte, ist ungeklärt. Das Bombardement wird im Landesmuseum anlässlich der Carigiet-Ausstellung eindrücklich geschildert. Diese und ähnliche Vorkommnisse dürfen nicht ausser Acht gelassen werden und müssen in die Gesamtbetrachtung einfliessen.
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  • Kommentar von B.Meier, Bern
    Für mich grefit der Autor hier zu kurz. Die einseitige Darstellung, die Schweiz (damals wie heute "bewaffnete Neutralität) habe nur auf Druck von Nazideutschland hin Alliierte Beschossen ist schlichtwegs falsch. Zweite auslassung/Fehlinformation. Scharf wurde seit Anfang Krieg geschossen und bis Kriegsende wurden auch immer wieder Deutsche Flieger abgeschossen. Die Archive(die meisten zugänglich) hätten auch dem Autor zur Verfügung gestanden. Sich nur auf Zeugenaussagen zu berufen ist sehr vage!
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    1. Antwort von Charles Dupond, Vivis
      @Bingo! Einmal mehr wird ebenso tendenzioes wie selektiv Geschichte geklittert. Vor allem mit Auslassungen. Wie Sie richtig bemerken wurden auch deutsche Flieger abgeschossen, wenn auch wie bei den Amis mit der diplomatischen Lage angepasstem "Fleiss". Weiters wurden fast alle in der Schweiz mit mehr oder weniger Not gelandeten allierten Flugzeuge ueber Deutschland von den Nazis angeschossen. Noch nicht aufgearbeitet ist, wie eigene Soldaten im Aktivdienst fuer Bagatellen aufs brutalste schikan
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    2. Antwort von SRF Kultur
      Besten Dank für Ihren Kommentar. Sie haben natürlich recht: Scharf geschossen wurde seit Beginn des Krieges. Zum Beispiel bei den Luftgefechten über dem Jura 1940 auf deutsche Flieger. Im Fall der alliierten Maschinen: Auch hier wurde scharf geschossen, nur wurde keine Maschine getroffen. Das meint der Begriff «Diplomatenfeuer». Erst ab 1943 kam es nach unserer Quellenlage zu Abschüssen alliierter Maschinen durch die Schweizerische Flugabwehr.
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    3. Antwort von B.Meier, Bern
      Ich kritisierre, dass in meinen Augen dargelegte Zerrbild. Die Schweiz hat grundsätzlich jedes Flugzeug angegriffen, dass den Luftraum verletzte. Die Ursache, dass vor allem ab 1943 vermehrt, nebst deutschen Maschinen, Alliierte abgeschossen wurden, hat mit der Änderung des Bombenkrieges zu tun (Verlagerung von Nacht auf Tagangriffe, Ziele in Süddeutschland und Österreich, etc.). Mir ist schleierhaft, wie der Autor diese Zusammenhänge nicht in Betracht ziehen kann.
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