Alfred Rasser: «I ha my Lääbe lang nie gfolgt»

Am 26.10.1962 sendet das Schweizer Fernsehen ein Interview mit einer Kunstfigur, dem HD Läppli. Dargestellt vom Kabarettisten Alfred Rasser. Der spielt seit Jahren diese schweizerische Version des braven Soldaten Schwejk. Was wie eine Erfolgsgeschichte aussieht, verdeckt eine Tragödie.

1962. Alfred Rasser soll ein Interview geben. Aber nicht Rasser gibt es, sondern Theophil Läppli – seine Kunstfigur. Für die damalige Zeit schlicht neu. Das ist «Stand Up Comedy», 50 Jahre bevor es dieses Wort überhaupt gibt. Vieles ist geprobt, einiges improvisiert: Beste Realsatire. Wie er innerhalb kürzester Zeit von «Zurück zur Natur» zu einer Definition von dem was «Wahnsinn und dem was normal ist», kommt, im fliegenden Galopp, das ist gross!

sw-Portrait des Soldaten Läppli.

Bildlegende: Die Kunstfigur Läppli war über Jahrzehnte nicht aus der Kabarettlandschaft wegzudenken. SRF

Läppli und der brave Soldat Schwejk

Rasser begründet in den 1930er-Jahren das Cabaret Cornichon mit. Zusammen mit Heinrich Gretler, Emil Hegetschweiler und Ruedi Walter zählt er zu den beliebtesten Volksschauspielern.

Sein Läppli ist eine Knallschote von Soldat. In den 40er-Jahren ist Rasser damit auf Tournee, die Presse ist anfänglich begeistert.

Ein deutscher Filmregisseur sieht eine Vorstellung in Konstanz: Rasser soll in der Verfilmung des Schwejk die Hauptrolle spielen. Der Produzent sagt ihm fest zu, engagiert später jedoch Heinz Rühmann. Rasser prozessiert, es kostet ihn Jahre und endlos Geld.

1954. Kalter Krieg. Rasser dreht in der Schweiz seinen ersten «Läppli am Zoll».

Die China-Reise verändert Rassers Leben

17. September bis 20. Oktober 1954. Rasser folgt einer Einladung: Mit einer Delegation, bestehend aus Politikern – auch Sozialisten – und Industriellen reist er nach China. Rasser betont, er sei kein Kommunist und hält den Fall damit für erledigt. Erste Freunde beginnen sich zu distanzieren. Der Läppli-Film sei gefährdet, sagt man ihm. Rasser fährt nach China.

Als er zurückkommt, geht «ein Wutgeheul durch die Presse». Franz Rueb schreibt in seinem Buch über Alfred Rasser, das nur noch antiquarisch erhältlich ist: «Die Hetze galt vor allem, ja fast ausschliesslich Rasser.» Rueb schreibt von «journalistischem Müll» und «oft druckten Dutzende von kleinen Blättern vom Bodensee bis nach Freiburg den gleichen Text, was auf eine zentral geführte Kampagne schliessen lässt.»

Die Schweizerische Offiziersgesellschaft schreibt: «Vor allem Herr Rasser wäre besser in China geblieben. Er hat bisher den Wolf im Schafspelz gespielt, aber dieses Spiel ist jetzt aus. Rasser hat sich jede moralische Rechtfertigung für sein Auftreten verscherzt.»

Leberwurst aus der Tube und Nationalrat

Das Eidgenössische Militärdepartement sieht sich in Rassers Film, der noch immer nicht angelaufen ist, verulkt: Eine Szene, in der sich Läppli die Nägel mit dem Bajonett putzt, wird indiziert und muss herausgeschnitten werden. Beim Publikum wird der Film ein Renner, der grösste Kassenerfolg eines Filmes bis dahin. Allein in Zürich: 400 ausverkaufte Vorstellungen. Die Pressekommentare sind bissig: «Kategorie primitives Theater», schreibt die NZZ.

Theaterverträge platzen, niemand will Rasser mehr beschäftigen. Sein Sohn Roland sagt vor wenigen Tagen im Interview: «Das hat meinen Vater schier umgebracht.» Rasser findet keine Arbeit mehr. Der Sohn Roland sagt: «Es gab monatelang Leberwurst aus der Tube und Brot.»

Um sich über Wasser zu halten, spielt Rasser den Läppli rauf und runter. Das ist auch der Hintergrund, auf den der Läppli im eingangs erwähnten Interview anspielt, der Rasser habe ihm verboten etwas zu sagen, sonst würden die Zeitungen wieder schreiben.

Alfred Rasser (links im Bild) mit Max Bill am 4.12.1967 im Nationalrat in Bern.

Bildlegende: Alfred Rasser (links im Bild) mit Max Bill am 4.12.1967 im Nationalrat in Bern. Keystone

Und heute?

Von heute aus gesehen, wendet Rasser den Trick der Realsatire durchgehend an: Was ist schon Realität und was Satire? Eine Frage, die man auch heute immer wieder stellen kann. Als er 1967 für den Landesring der Unabhängigen in den Nationalrat gewählt wird, gibt er der Sendung Rendez-vous ein Interview. Rasser kommt zwar, aber er bringt auch den Läppli mit. Wer gibt jetzt das Interview, Person oder Kunstfigur? Rasser nimmt vorweg, woran wir uns heute, im Zeitalter der inszenierten Realität, gewöhnt haben: Bei vielen, die in der Öffentlickeit stehen, sind die Grenzen zwischen Person und Rolle nicht mehr auszumachen. Und wo wir schon bei der Grenzverwischung sind, mit einer satirischen Frage ist er sehr heutig: Gibt es einen Unterschied zwischen Kabarett und Politik?

Selbst wenn der Läppli Schnee von gestern sein sollte, es ist verdammt guter.

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