Astrid Lindgren hat die Lizenz zum Glück, der Rest ist tabu

Am 14. November 1907 wird sie geboren. Sie schreibt Kinderparadiese: Bullerbü, Saltkrokan. Da ist das Glück endlos und satt. Da wird nur gespielt. Das Licht ist aus Gold und die Dämmerung ewig. Hinter all dem geschriebenen Glück ist Astrid Lindgren jemand, der Abgründe aus der Nähe kennt.

Der Filmausschnitt ist nur wenige Sekunden lang. Aufgenommen 1990. Lindgren sitzt in ihrem Garten. Auf dem Schoss wohl einen Urenkel. Der Ausschnitt ist «Agenturmaterial». Ein Bruchstück, um einen Bericht zu illustrieren. Ein privates Ornament. Zu Beginn noch zugedudelt mit Musik. Dann hört man sie singen. Ein Kinderlied – die Melodie fröhlich. Das Gesicht voll Trauer, Verlorenheit und Versunkenheit. Zwischen Melodie und Ausdruck liegen Welten.

Der Ausschnitt entspricht so gar nicht dem Klischee der Lindgren: gutgelaunt, zuvorkommend, immer eine glückliche Kindheit im Rücken. Die literarische Welt der Astrid Lindgren besteht aus Kindern. Erwachsene sind weit weg oder Knallköpfe. Die wissen zwar Vieles aber nur Unnützes. Von dem, was zählt im Leben, haben sie keine Ahnung: Sie wissen nichts von Freundschaft.

Die Lizenz zum Glück

Lindgren kennt jeder. Sie entwirft nicht nur Geschichten, sondern schon sehr früh ein Bild von sich selbst, das lange halten soll: Sie hat die Lizenz zum Glück. Das vermittelt sie. Und das stimmt wohl. Auch. Aber es gibt weisse Flecken in ihrer Biografie, Zeiten, die weggeblendet sind. Spricht man mit Birgit Dankert, dann ändert sich das schnell. Sie hat eine Biografie über Lindgren veröffentlicht und eine Datenbank über sie angelegt mit allen Texten von und über Lindgren.

Dankert sagt: «Lindgren kommt aus einer gefestigten, wohlhabenden bäuerlichen Gesellschaft. Da ist sie aufgewachsen und war, heute würde man sagen, ein ‹aufmüpfiger Teenager›.» Ihr Leben verlaufe normal, so wie man damals auf einem schwedischen Bauerndorf halt aufwachse. Dann kommt ein erster weisser Fleck: Der Chefredakteur der lokalen Zeitung, Reinhold Blomberg, bietet ihr einen Job an. Wie das?

Dankert lacht, das komme nicht von ungefähr: «Lindgren hat ein Verhältnis mit Blomberg. Sie wird von ihm schwanger. Er ist aber verheiratet. Und viel älter. Lindgren ist mit seinen Kindern in die Schule gegangen.» Blombergs Frau wittert seit Längerem, dass da was im Busch ist. Kann aber nichts beweisen.

Das Schuldprinzip

Damals gilt in Schweden das Schuldprinzip. Wäre es zur Scheidung gekommen, hätte der Mann Unsummen zahlen müssen. Und die Schwangerschaft wäre genau der Beweis, der Frau Blomberg fehlt. In diesen Wirbel will wohl auch Lindgrens Familie nicht geraten.

Lindgrens Familienrat tagt, vermutet Dankert: «Lindgren soll nach Stockholm.» Da gibt es ein diskretes Krankenhaus, das entbindet und fragt nicht nach dem Namen des Vaters. «Sie bekommt auch ein gutes Zeugnis vom Chefredakteur! Das Kind soll zu einer Pflegefamilie. Ihre Eltern würden es gerne nehmen und Lindgren ihnen auch sicher gerne geben. Aber das Kind kann ja nicht zuhause im Dorf mit dem Gesicht des Vaters herumlaufen!»

Einfach wegschweigen

So wird's gemacht. Lindgren bekommt das Kind, einen Sohn, Lasse, und gibt ihn zu einer Pflegefamilie. Jahre später muss sie Lasse holen, die Pflegemutter ist schwer erkrankt. Sie gibt ihn doch noch zu ihren Eltern. Und lernt einen neuen Mann kennen: Sture Lindgren. Die beiden heiraten. «Eine Vernunftehe», sagt Dankert. Er ist geschieden, hat eigene Kinder. Lindgren nimmt Lasse zu sich.

Sie spricht öffentlich nie über dieses Kapitel. Dankert hat dafür ein Wort: «Beschweigen.» 50 Jahre lang kein Wort öffentlich. Ein schlechtes Gewissen plagt sie. Als erwachsener Mann läuft es Lasse nicht rund. Dankert sagt, sie könne das nicht belegen durch Notizen oder dergleichen, aber Lindgren mache sich Sorgen, sie ist schliesslich eine Mutter und denke: «Oh Gott, der ist so geworden, weil ich ihn weggeben habe.»

Und heute?

Astrid Lindgren am 7. November 1984 in der Kantonsschule Hottingen.

Bildlegende: Astrid Lindgren am 7. November 1984 in der Kantonsschule Hottingen. Keystone

Dankert schätzt Lindgren hoch: «Sie hat sprachlich geniale Geschichten geschrieben. Sie betreibt sehr früh so etwas wie Marketing, verkauft Produkte und wird zur Drehbuch-Autorin mit der Beteiligung an Filmrechten. Sie ist halt Geschäftsfrau. Schreiben ist materielle Notwendigkeit und kein Spass. Ihre Freundlichkeit konnte sie ein- und ausschalten. Das ging ratzfatz.»

Dankert sagt, sie sei professionell und «keine liebe Märchentante. Sie hat eine dunkle Seite. Man könnte die als depressiv bezeichnen. Der Familie gefällt diese Formulierung nicht. Sie spricht von ‹melancholisch› oder ‹sie hatte schlimme Phasen›.» Die dunkle Seite der Astrid Lindgren wird bis heute diskret umschifft. Das ist wohl in ihrem Sinne.

Dankert weiss davon, dass Ingmar Bergman, der grosse schwedische Regisseur, der jede Familie zur Hölle auf Erden werden lassen kann, Lindgrens Geschichten damals verfilmen will. Das lehnt sie ab.

In Lindgrens Notizen stehe irgendwo, sie finde die Vorstellung entsetzlich, wenn die helle Bullerbü-Welt von diesem düsteren Bergman verfilmt werde. Dankert vermutet hinter der Absage noch etwas anderes: «Vielleicht hatte sie Angst, erkannt zu werden.»

Archivperlen

Das Archiv von SRF ist ein fulminanter Fundus, ein audiovisuelles Gedächtnis, in Schwarz-weiss oder Farbe, analog oder digital. Wichtiges und Unwichtiges, Überholtes und allzeit Gültiges, Alltag und grosse Weltgeschichte.

Im Player von SRF sind eine Vielzahl von «Perlen», die Ihnen online zugänglich sind sowie im Archivkanal auf Youtube.

Buchhinweis

Portrait Birgit Dankert

Birgit Dankert: «Astrid Lindgren. Eine lebenslange Kindheit», Lambert Schneider, 2013.