Beim Filmfest in Locarno kracht es mächtig hinter den Kulissen

Im August 1985 eröffnet das Filmfestival Locarno zum 38. Mal. Der Schweizer Film ist fulminant vertreten und wird am Schluss auch als Sieger durch das Ziel gehen. Die Piazza ist pumpenvoll. Das sieht nach einem grossen Fest aus. Ist es auch, aber nicht nur.

  • 1985 steckt das Filmfestival Locarno in der «Wachstumskrise».
  • Hinter den Kulissen streiten sich Filmkritiker über gepflegte Berichterstattung.
  • Fredi M. Murer gewinnt den Festival-Hauptpreis für «Höhenfeuer». Den Preis der ökumenischen Jury lehnt er jedoch ab, er wolle sich nicht instrumentalisieren lassen.

Das Filmfestival Locarno verkündete 1985 eine neue Devise: «das kleinste der grossen Festivals.» Die NZZ vom 23. August kommentiert das so: «… die einem findigen Werbetexterhirn entsprungene und auf eintausend Plakaten in die ganze Schweiz hinausgetragene Selbstdefinition der Veranstaltung von Locarno wendet geschickt Selbstbescheidung in einen Superlativ.»

(v.l.n.r.) Marcel Gisler, Fredi M. Murer, Steff Gruber.

Bildlegende: (v.l.n.r.) Marcel Gisler, Fredi M. Murer, Steff Gruber: Selten war der Schweizer Film so erfolgreich wie 1985. Keystone

Fakt ist, das Festival steckt 1985 in einer «Wachstumskrise». Das Festival werde grösser, man habe dafür aber zu wenig Geld. So versucht man, aus der Kleinheit einen Vorteil zu schlagen. 1985 gab es ein «buntes» Festival: «Höhenfeuer» von Fredi M. Murer läuft, und wird schlussendlich den Hauptpreis erhalten, Felix Tissy ist da und Steff Gruber mit «Fetish and Dreams». Marcel Gisler zeigt seinen Erstling. Auf der Piazza sorgen verschärfte Einlasskontrollen und rote Stühle für geladene Gäste für Unmut.

Das bunte Programm und die Klimaanlage

Das Programm wird so kontrovers diskutiert wie jedes Jahr. Das Spektrum reicht von Emir Kusturicas «Papa ist auf Ferien», von «Desparately Seeking Susan» mit Madonna über «Heimat» von Edgar Reitz bis hin zu «Mishima» von Paul Schrader. Ein Film muss unterbrochen werden wegen Gewitter. Die NZZ schreibt: «Die für den Grossteil der Zuschauer damit verbundene Dislokation erwies, neben den Unannehmlichkeiten des Transports, erneut die nur bedingte Eignung des grossen Saals. Da vermag die Klimaanlage die emittierte Körperwärme nicht mehr zu neutralisieren.»

Der Streit um die rechte Filmkritik

Hinter den Kulissen streiten Filmkritiker. Das Magazin des Schweizer Fernsehens wird nach der ersten Sendung am 11. August kritisiert: Einer der Macher habe ein Intro zu einem Beitrag gedreht, das als «Spielerei» kritisiert wird – gemeint ist eine Zeitraffer-Sequenz. Man solle so etwas lassen und gepflegt berichten. Einer der Kritiker des Schweizer Fernsehens gibt zu, einen früheren Film eines Regisseurs nicht gesehen zu haben, was «als berufliche Lücke» bezeichnet wird und im Resümee gipfelt: «Mangel an Kenntnis, Mangel an historischem Bewusstsein.» Ein Interview mit Bundesrätin Elisabeth Kopp sei nichtssagend. Dabei sagt die, von heute aus gesehen, kluges Zeug über die Relevanz des Mediums Film gerade für die jüngere Generation. Eine Woche später sei alles viel besser, besonders das Interview mit Fredi Murer, wird da gelobt.

Fredi Murer lehnt einen Preis ab

Regisseur Fredi Murer bekommt nicht nur den Hauptpreis für «Höhenfeuer», er erhält auch den Preis der ökumenischen Jury. «Höhenfeuer» ist Murers internationaler Durchbruch, schreibt die Süddeutsche, der Film über eine Geschwisterliebe. Ein Film, der vielen wie eine Gräte im Hals stecken bleibt. Manche rührt er zu Tränen, sagt Murer im Interview, andere «haben eine Wut».

Murer sagt im Vorfeld, wenn er den Preis der ökumenischen Jury erhalte, dann habe er etwas falsch gemacht. Und prompt kriegt er ihn, liest man anfänglich unter «Vermischtes» in der Zeitung, eingeklemmt zwischen den Meldungen über einen Weinskandal und «Fleischkonsum leicht zurückgegangen». Murer lehnt den Preis ab, weil er die Inhalte seines Films instrumentalisiert sieht. Das zieht heftige Diskussionen nach sich.

Und heute?

Heute ist Locarno noch immer ein kleines Festival unter den Grossen. Der Abstand hat sich noch vergrössert. Cannes, Berlin, San Sebastian sind uneinholbar überlegen. Seit ein paar Jahren kommt das Zürich Filmfest als Konkurrent hinzu und droht, Locarno den Rang abzulaufen. Locarno bleibt Locarno: Unschlagbar scheint die Atmosphäre. Vieles ist beim Alten: Programm und Juryentscheidungen geben jedes Jahr zu reden. Das ist bei jedem Festival so.

Locarno hat sich in den letzten 30 Jahren professionalisiert, hier baut kein Direktor mehr einen Beamer auf. Locarno ist das Festival zwischen zeitgemässer Professionalität und notgedrungener Improvisation. Wie lange die Improvisation aber noch ihren Charme behält, ist die grosse Frage.

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