Beim mondänen Après-Ski trennt sich die Spreu vom Weizen

1966. Eine Unbekannte in Wasserstoffblond zieht das grosse Los. Sie gewinnt bei einem Schönheitswettbewerb in Südafrika. Der Preis: Zwei Wochen Andermatt. «Volltreffer. Einmal zur High Society gehören.» Aber die bleibt am liebsten unter sich.

Port Elizabeth in Südafrika hat einen eigenen Strand. Der heisst Humewood. Genau da gewinnt Ann Stuart beim lokalen Schönheitswettbewerb einen Strauss gelbe Tulpen aus den Niederlanden und einen Gutschein für zwei Wochen Ferien in Andermatt. Der Skiort schaltet damals Anzeigen mit Fotos. Man sieht lachende Menschen, die in einem – in Südafrika unbekannten – Suppentopf in der Mitte des Tisches rühren.

In der Schweiz ist was los

Und so kommt die südafrikanische Strand-Miss nach Andermatt, wird auf die Ski geschnallt und übt. Erstmal schrammt sie die Strasse runter. Nach wenigen Metern «zieht sie die Textilbremse», wie der Sprecher der Sendung «Rendez-Vous» das nennt: Sie landet auf dem Hosenboden.

Die Schweiz ist damals die Adresse für Wintersport: Skifahren, Skeletton, Schlittschuhlaufen und Polo auf gefrorenen Seen. Andermatt vermeldet im Januar 1966 Minus 28 Grad. Und Schnee, sicher.

Das Geschäft rennt. Hotels sind auf Monate ausgebucht. 150 Sonderzüge mit Skitouristen allein zwischen 22. Dezember und Heiligabend. Nach Weihnachten nochmal 90 Extrazüge. Potzdonner – in der Schweiz ist was los.

High High High Society

Für die Miss aus Südafrika ist es eine Reise in eine andere Welt. Die Schweiz ist ein Touristenparadies für Normalsterbliche ebenso wie für die High Society. Letztere bleibt am liebsten unter sich und reist mit dem Privatflugzeug an: Jet Set eben. Die Sendung «Rendez-Vous» filmt den steinreichen griechischen Reeder Niarchos, wie er gerade in Samaden landet.

Niarchos schickt seinen Flieger samt Mannschaft jeden Tag nach Paris, Zeitungen kaufen. Schlagfertige fragen da noch: «Hätts in Samaden kei Kiosk?» Die betuchten Herren dieser Zeit sind in ausnahmslos blonder Begleitung: Die wiederum trägt erlesene Körpermasse in Stiefeln, Pelz und Mini.

Männerhand auf Damenhintern in Pelz gehüllt

Bildlegende: Wenn sich die Spreu vom Weizen trennt... ist man unter sich. Keystone

Der Sprecher der Sendung «Rendez-Vous» weiss, in St. Moritz habe es «ebenso viele Millionäre wie Fremdarbeiter.» Und er weiss noch mehr: «Man sieht dem Wintersportler sein Bankkonto nicht an. Auch Reiche müssen am Skilift anstehen.»

Und wo tagsüber noch ausgleichende Gerechtigkeit herrscht, trennt sich abends die Spreu vom betuchten Weizen: beim Après-Ski. Hier wird der Klassenunterschied hergestellt. Unsere Miss aus Südafrika gehört nicht zur Crème de la Crème.

Die geschlossene Gesellschaft: Jacky, Grace und der Schah

Während die Miss Ann Stuart irgendwo isst, feiert die High Society in einem der Nobelhotels. Abstand wahren ist das Gebot der Upper Class. Wer garantiert unter Seinesgleichen sein will, feiert in einer privaten Villa. Da ist die Gesellschaft wirklich geschlossen. Und darauf kommt's an.

Fernsehmagazine der Zeit zeigen begehrte Aufnahmen. Das will man doch wissen, was die oberen Zehntausend so treiben: Gilbert Bécaud rührt mit Jacky Onassis in der Käsesuppe, David Niven trägt sein umwerfendes Lachen und Curd Jürgens Pelz. Grace Kelly schnallt Kinder auf Ski. Lino Ventura spielt Curling. Und legt die Gitanes weg, nur kurz.

Dekolletés auf Party in Davos

Bildlegende: Dekolletés in Davos Keystone

Alfred Hitchcock steht auf einer Party, umgeben von Backfischen mittleren Alters. Deren Dekolletées sind tief, sehr tief. Schlüssellochaufnahmen aus der besten Gesellschaft.

Man ist ausgelassen und unter sich. Gunter Sachs läuft mit Augenklappe herum. Blaues Auge! Keiner fragt. Ausser dem Reporter. Gunter erzählt was von «aus der Kurve geflogen.» Papperlappapp. Eine Faust war’s.

Die Schweiz ist diskret. Deshalb kommen die Berühmtheiten: weil man die Tür hinter sich zumachen kann. Rita Hayworth bringt hier ihr zweites Kind vom dritten Mann zur Welt. Die Schweiz als Promi-Destination ist ein Winter-Dauerbrenner: 1971 kommt der Schah, «ermüdet von den ewigen Ölpreisdiskussionen.» Jööööh! 1986 fährt Charles in Klosters zu Tal und Lady Di geht einkaufen.

Und heute?

Vieles ist heute anders. Der Schnee ist nicht mehr sicher. Lange geht man davon aus, dass Stil und Reichtum zusammen gehören. Auch das ist nicht sicher. In den 90er-Jahren kommen Reiche, deren Geld man zwar will, aber deren Benehmen nicht. Die ehemals geschlossene Gesellschaft wird verwässert, durch ein Klientel, das lärmt und protzt. Protzen geht gar nicht.

Menschen unter Palmen auf zugefrorenem See in St. Moritz

Bildlegende: Wenn alles geht, muss man sich etwas einfallen lassen. Keystone

Diskretion gehört dazu. Man bemüht sich, wieder Areale hinter Mauern aus Luxus zu errichten – für die geschlossene Gesellschaft des dritten Jahrtausends.

Paradoxerweise funktioniert die geschlossene Gesellschaft aber nur, wenn sie auch jemand sieht. Und so zeigt man dann doch schon mal was: Da werden dann frische Austern eingeflogen und unter Palmen auf zugefrorenen Seen kredenzt.

Oder man kreiert die Radikalvariante: Immobilien, verschwiegen, versteckt, in einem Resort. Den Immobilienkauf soll keiner mitkriegen: Diskretion und Reichtum. Kein Geprotze. Reichtum, der sich selbst genügt. Unsere Miss Humewood müsste hier wohl draussen bleiben.

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