Bertolt Brecht und die Schweiz: Das war anders geplant

Vor 40 Jahren sendete das Monatsmagazin einen Beitrag über Bertolt Brecht, den Theaterrevoluzzer, der sich zweimal in der Schweiz aufhielt. Ein Beitrag mit einer raren Tonaufnahme Brechts, einem einzigartigen Interview alter Weggefährten und einem von Max Frisch gesprochenen Text – eine Trouvaille.

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Brecht in der Schweiz (Das Monatsmagazin, vom 18.8.1976)

12 min, vom 18.7.2016

Das «Monatsmagazin» ist einerseits eine Archivperle erster Güte. Andererseits fehlen für die ganze Geschichte des B.B. wichtige Informationen, die den Beitrag Jahre später in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Aber bleiben wir beim Monatsmagazin: Das beginnt mit einer Überflugaufnahme der Schweiz. Ländlermusik. Aus dem Off rezitiert ein Sprecher aus Brechts «Flüchtlingsgesprächen»:

«  Hier sind Sie frei, aber Sie müssen Tourist sein. »
Fritz Gaugler, Bertolt Brecht und Helene Weigel 1948 in Chur bei einer Bühnenprobe.

Bildlegende: Hans Gaugler, Bertolt Brecht und Helene Weigel 1948 in Chur bei einer Bühnenprobe. SRF

Was sich nach Spott anhört, wird sich Jahre später als menschliche Tragödie herausstellen.

Brecht kommt zweimal in die Schweiz. Einmal für wenige Wochen im Jahr 1933. Dann, nachdem er in Amerika nicht bleiben konnte, nochmals von 1947 bis 1949.

Die erste Modellinszenierung überhaupt

Der Beitrag dokumentiert Brechts Zeit in Chur, seine berühmte «Antigone», die als «erste Modellinszenierung» gilt. Helene Weigel spielt die Antigone. Ihr schreibt Brecht bei der Premiere am 15.2.1948 ein Gedicht, darin heisst es:

«Wie du den Tod gefürchtet hast, aber / Mehr noch fürchtetst du / Unwürdig leben.»

Das fasst in drei Versen zusammen, warum er, die Weigel und die vielen Anderen Nazideutschland verlassen hatten.

«  Bei mir spielt, wer was kann. »

Das Monatsmagazin hat zwei gefunden, die in dieser berühmten Aufführung mitspielten: Olga Gloor und Hans Gaugler. Letzterer spielte den Kreon.

Gaugler erzählt, wie die Leute Brecht fragten, ob das gehe, ein so junger Mann neben der Weigel. Brecht habe gesagt: «Bei mir spielt, wer was kann.»

Von Ettore Cella bis Max Frisch

Ettore Cella besitzt eine einzigartige Tonaufnahme, auf der man Brecht sagen hört: «Auf den Bergen ist die Freiheit, auf den Bergen ist es schön.»

Brecht, der sich hinter Spott zu verstecken wusste, ist fasziniert von der Schweiz.

Heimat und Freiheit sind die Themen, die ihn umtreiben.

«  Auf den Bergen ist die Freiheit, auf den Bergen ist es schön. »

Der Beitrag endet mit der Männerfreundschaft zwischen Brecht und Max Frisch, der einen Text über Brecht gleich selber spricht. Ein paar Zeilen, die den Menschen Brecht fassen: « ... ein Dichter ohne Weihrauch ...»

Freiheit und Fremdenpolizei

Ende der 80er-Jahre entsteht so ein bruchstückhaftes Bild, es fehlen wichtige Unterlagen. Die tauchen 2002 auf, als Werner Wüthrich auf dem Estrich von Brechts Wohnung in Feldmeilen auf ein paar Kisten trifft.

Unveröffentlichtes, eine Sensation: Eine unbekannte Fassung des «Kleinen Organons», Herr Keuner Geschichten, unbekannte Fotos und eine Filmaufzeichnung. Aber nicht nur das!

Wüthrich entdeckt, wie gerne Brecht in der Schweiz geblieben wäre, welche menschliche Tragödie sich abspielte, wie der staatenlose Brecht verzweifelt versuchte, einen Schweizer Pass zu erhalten, was daran scheiterte, dass die Amerikaner ihn als Kommunisten bei den Schweizer Behörden denunziert hatten. Brecht wurde überwacht, sein Einbürgerungsantrag abgelehnt.

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Bertolt Brecht und die Schweiz (kulturzeit, 29.4.2004)

6:07 min, vom 19.7.2016

Und heute?

Von heute aus gesehen kann man sagen: Das Kapitel Brecht und die Schweiz hätte anders verlaufen können.

Er wäre gern geblieben. Vieles, was im Monatsmagazin spöttisch klingt, war doch nichts als Sehnsucht.

Er hatte Angst, rausgeschmissen zu werden. Als er erkennt, dass er in der Schweiz keine Heimat finden wird, kehrt er nach Deutschland zurück. Notgedrungen.

Brecht wird heute noch gespielt. Seltener als früher. Die unvermeidliche «Dreigroschenoper», «Mahagonny». Brecht wurde, was er nie sein wollte: ein Klassiker.

«  Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral. »

Sein episches Theater hat sich durchgesetzt. Bis in den Film «Dogville» von Lars von Trier. Brecht taucht auch an unerwarteten Stellen auf.

Auf Transparenten der Occupy-Bewegung war Brechts Satz zu lesen: «Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral.» Das hätte ihm gefallen.

Manche Stücke funktionieren noch. Songs haben längst Einzug in die Popkultur gehalten. Manches Gedicht ist gespenstisch heutig. Die könnte man (wieder-) entdecken.

Eines, das in der Schweiz entstand, kurz bevor er das Land verliess und nicht wiederkehrte:

«  Ausser diesem Stern, dachte ich, ist nichts und er
Ist so verwüstet.
Er allein ist unsere Zuflucht und die
Sieht so aus. »

Archivperlen

Das Archiv von SRF ist ein fulminanter Fundus, ein audiovisuelles Gedächtnis, in Schwarz-weiss oder Farbe, analog oder digital. Wichtiges und Unwichtiges, Überholtes und allzeit Gültiges, Alltag und grosse Weltgeschichte.

Im Player von SRF sind eine Vielzahl von «Perlen», die Ihnen online zugänglich sind sowie im Archivkanal auf Youtube.

Buchhinweis

Werner Wüthrich: «Bertolt Brecht und die Schweiz», Chronos Verlag 2003

Versionen von Brecht-Songs