«Big Brother is Watching You» an der Limmat

Welche Parallelität: Am 8. Juni 1949 erscheint George Orwells Utopie «1984». Zeitgleich dreht Kurt Früh gerade in Zürich seinen Kurzfilm «Demokratie in Gefahr». Ein futuristischer Film, gewagt für seine Zeit. Er beschreibt eine Schweiz unter totalitärer Herrschaft: «1984» an der Limmat.

Orwell und Früh arbeiten zeitgleich am gleichen Thema. Kurt Frühs Film wirkt phasenweise wie die filmische Umsetzung von Orwells literarischer Utopie. Das wirklich Frappante am Ganzen ist: Sie wussten beim damaligen Stand der Recherche nichts voneinander.

Während sich Orwell zwischen 1946 und 1948 zum Schreiben auf eine Insel zurückzieht, realisiert Kurt Früh in Zürich seinen Film. Er ist als eine Episode eines grösseren Projektes geplant.

Portrait Orwell

Bildlegende: George Orwell schrieb «1984» schwerkrank auf einer schottischen Insel in einem Haus ohne Wasser und Strom. Keystone

Frappante Ähnlichkeiten

Frappant ist die Analyse beider und die Ähnlichkeit inhaltlicher Motive. Beide beschreiben aus den Erfahrungen mit Hitlers totalitärem Faschismus die Vermassung des Individuums. Bei Kurt Früh heisst das: «Achtung! Das Auge des Staates wacht über dich!» und bei Orwell «Big Brother is Watching You».

Während bei Früh der «Chef des Bundesamtes für Propaganda» das Anhören ausländischer Sender untersagt, ist das bei Orwell das «Propagandaministerium». In beiden Negativ-Utopien gibt es nur noch eine Einheitspartei, gegen die man nichts sagen darf. Schweigen ist angesagt. Schon der kritische Gedanke ist strafbar, bei Orwell heisst das «Gedankenverbrechen». Der Einheitspartei bei Früh geht es um die Wahrheit, bei Orwell erledigt das das «Wahrheitsministerium».

Das zwischenmenschliche Klima ist in beiden Entwürfen ein von Paranoia zersetztes. Jeder überwacht jeden, jeder kann jeden verraten: Was in Frühs Film der Blockwart Durand darstellt, ist in «1984» der Zimmerwirt, der zwei verliebte Gedankenverbrecher verrät.

1949: Was für ein Jahr!

Früh erfindet als visuelle Umsetzung für dieses Klima der Paranoia eine Kamera, die aus dem Lot geraten ist. Fast alle Einstellungen sind schräg. Traumatische Verfolgungen bei Nacht: expressionistisch geleuchtet und durch Zerrspiegel verfremdet aufgenommen. Stilistisch bewegt er sich zwischen «Metropolis» von Fritz Lang und Carol Reeds «Der dritte Mann». Reed drehte seinen Film zeitgleich zu Früh in Wien – alles 1949. Was für ein Jahr!

Standfoto, Mann wird bei Nacht in dunkler Gasse verfolgt.

Bildlegende: Kurt Früh arbeitet mit Unschärfen, expressionistischem Licht und verfremdeten Aufnahmen durch Spiegel. SRF

Bei Früh ist die Utopie Orwells nur der Traum der Hauptfigur Rüegg. Der Mann erwacht schweissgebadet und stellt erlöst fest, dass eben alles nur ein Traum war. Bei Orwell ist das düsterer. Die Überwachung ist total. Der «Televisor» ist kein One-Way-Fernsehgerät. Durch dieses technische Monstrum überwacht der Staat seine Bürger. Aus ihm kommt irgendwann der Satz, der das Todesurteil für die Verliebten bedeutet: «You are the dead.»

Wer ein Gedankenverbrechen begeht, wird einer Gehirnwäsche unterzogen. Gedanken werden gereinigt, die Sprache folgt. Die staatlich verordnete Sprachregelung hat einen Namen, sie heisst «Neusprech». Orwell erzählt die Geschichte der Verliebten bis zu dem Punkt, an dem das Regime sie gebrochen hat. Am Ende des Buches besteht die schöne neue Welt aus lebenden Toten. Seelenlos. Gefühllos.

Abrechnung mit linkem und rechtem Totalitarismus

Mann steht vor Plakatwand mit nur einer Wahlliste.

Bildlegende: Bei der Wahl gibt`s keine Wahl: Einheitsliste. Die Schweiz ist in Kurt Frühs Film ein totalitärer Staat. SRF

Kurt Frühs Film ist optimistischer – kein Wunder: Die letzten vier Minuten bejubeln die Leistungen und Vorzüge der Demokratie. Der Antifaschist Früh rechnete hier nicht nur mit seinen Erfahrungen durch Hitler-Deutschland ab, wie er in seinen Erinnerungen «Rückblenden» schreibt, sondern auch mit dem Totalitarismus der Stalin Ära.

«1984» fehlt das Versöhnliche. Es ist eine Prophezeiung, eine Warnung. Welche Generation auch immer dieses Buch lesen mag, es wird immer schreckliche Zukunftsmusik sein. Mal weiter entfernt, mal näher.

Und heute?

«1984» ist zur Chiffre geworden. Zum geflügelten Schlagwort. «Big Brother» ist ein Slogan und musste schon mal als Titel einer Sendung herhalten oder als Kommentar, wenn eine westliche Regierung schnüffeln lässt.

«1984» ist die Konsens-Keule schlechthin. Wann immer totalitäre Strukturen in Demokratien gewittert werden, sagt jemand das Zauberwort «1984» und alle nicken. Das funktioniert von den Fichen über die Stasi bis zur NSA.

Das mag auch am kulturell viralen Eigenleben des Mythos «1984» liegen. Der wurde lebendig gehalten: Radiohead, Bad Religion oder The Clash bedienten sich bei Textzitaten, David Bowie widmete Orwell ein ganzes Konzeptalbum: «Diamond Dogs». Dem Album «Resistance» von Muse verdanken Fans die siegessichere Widerstandshymne «Uprising». Verfilmungen taten das Übrige. Das Substrat aus «1984» ist ein thematischer Dauerbrenner.

Früh ging zu Unrecht vergessen

Kurt Frühs Kurzfilm ist ein experimentierfreudiger beizeiten komischer Kurzfilm, der eine Bildsprache an den Tag legt, die grosses Kino war. «Demokratie in Gefahr» ist ein Werbespot für Demokratie. Und ging fast vergessen. Zu Unrecht. Nächstes Jahr wäre Kurt Früh 100 geworden. Eine gute Gelegenheit den unbekannten Regisseur zu entdecken, denn da ist noch mehr.

Buchhinweise

Kurt Früh: «Rückblenden», Zürich 1975

George Orwell: «1984», München 2001

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