Bildbetrachtung kann eine existentielle Entdeckungsreise sein

Am 13. September 1971 sendet das Schweizer Fernsehen die «Schule des Sehens». Ein Erklärstück über Bildbetrachtung. Seitdem ist viel passiert. Andres Stirnemann hat im Laufe seiner 40 Jahre Lehrtätigkeit zusammen mit 4000 Studenten Bilder betrachtet und erstaunliche Erfahrungen gemacht.

Frau betrachtet Bild und spiegelt sich im Glas

Bildlegende: Wir schauen auf ein Bild und sehen uns selbst. Barry Bland / Getty Images

Der Beitrag «Schule des Sehens» erklärt die verschiedenen Gestaltungsmittel der Malerei: Linie, Licht, Farbe.

Mit wenigen technischen Effekten verblüfft der Beitrag zwar mehrmals. Implizit versucht der Beitrag aber auch, den einzig richtigen Weg der Bildbetrachtung zu vermitteln.

Gestaltungsmittel in der Malerei

    • 1.
      «Linie»
      Das Gestaltungsmittel «Linie» wird erklärt am Beispiel von Herri Matisse «Drei Frauen».
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      «Linie» (aus: «Schule des Sehens», 13.9.1971)

      2:51 min, vom 10.9.2016

    • 2.
      «Licht»
      Das Gestaltungsmittel «Licht» wird am Beispiel von Gemälden Javob van Loos, da Vincis und Rembrandts erklärt.
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      «Licht» (aus: «Schule des Sehens», 13.9.1971)

      6:41 min, vom 10.9.2016

    • 3.
      «Farbe»
      Das Gestaltungsmittel «Farbe» wird an zwei Gemälden erklärt: «Die Verkündigung an Maria», vom oberrheinischer Meister um 1420 und am Beispiel von Paul Gauguin «Nafea faa Ipoipo».
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      «Farbe» (aus: «Schule des Sehens», 13.9.1971)

      4:29 min, vom 10.9.2016

Und heute?

Andres Stirnemann hat insgesamt 40 Jahre Lehrerfahrung. Er sieht manches anders als der Beitrag. Dezidiert anders: Das beginnt schon beim Begriff «Bildsprache». Den findet er denkbar unglücklich, denn der Begriff beinhalte, dass man quasi Bildvokabeln lernen könne, um «das Bild dann zu lesen». Genau das gebe es so nicht.

Bildnerische Kräfte funktionierten nicht linear. Wie er denn auch die Formulierung «über Bilder zu sprechen» problematisch findet. Es gehe da um ein Nebeneinander, ein Hinführen mit Sprache zum Bild.

Für Stirnemann ist wichtig, immer die Situation zu beachten, in der ein Bild betrachtet wird: «Wer betrachtet ein Bild? Ist die Person geübt? Ist sie alleine oder zusammen mit anderen? Original oder Repro? Display oder im Museum? All das hat einen Einfluss.»

Man könne das Scrollen auf einem Smartphone mit dem Dasitzen im Museum nicht vergleichen. Man müsse das auch nicht bewerten: «Das sind unterschiedliche Qualitäten.»

Menschengruppen im Museum

Bildlegende: Zu Mehreren ist's am Spannendsten. Johannes Simon / Getty Images

«Gucken, zuhören, entdecken, verbinden»

Bilder sind für Stirnemann eine Möglichkeit, «andere Welten zu eröffnen». Dies brauche Zeit. Er habe oft versucht, das Vertrauen zu stärken, was die Betrachtenden selber sehen und erst später habe man mit Hintergrundwissen Verbindungen hergestellt.

Besonders geschätzt habe er die Situation, mit seinen Studierenden im Museum ein Bild zu betrachten: «Verbindungen und Verhältnisse zu entdecken von Beobachtetem, Formalem, Abgebildetem, Thematischem, Zeitlichem. All das kommt zusammen, wenn man davor steht. Es gibt die Radikalthese, ein Kunstwerk entstehe erst durch die Betrachtung.» Das würde Stirnemann so nicht unterschreiben.

Aber er halte es mit dem Begriff des «offenen Kunstwerks» von Umberto Eco. Beim Austausch vor dem Bild sei direkt erfahrbar, was ein Kunstwerk auslösen könne. Das seien andere Möglichkeiten als die des Filmbeitrags, der implizit einzelne Aspekte erkläre.

Was einer sieht, erstaunt den anderen

Um die einzig richtige «Lesart» kann es aus Stirnemanns Erfahrung nicht gehen, sondern darum, dass besonders die Bildbetrachtung mit mehreren Personen in einem Museum eine «Modellierung, eine kollektive Annäherung ist. Bildbetrachtung ist eine Vernetzung zwischen allem Möglichen.» Zwischen Formalem, konstruktivistisch Interpretiertem, zwischen einer Vielzahl von Kontexten.

Insofern sei Bildbetrachtung vielfach dialogisch: zwischen Werk und mehreren Betrachtern und die wieder untereinander. «Die sehen Unterschiedliches. Was wird in einem Bild von Rothko gesehen? Unter Umständen auch Erinnerungen der realen Welt. Da steht ein anderer staunend daneben, weil er ganz woanders hin vernetzt.»

Bildbetrachtung ist ein Dialog auch zwischen unterschiedlichen historischen Kontexten, dem des Betrachtenden und dem des Werkes: Der Kontext des Werkes darf nicht vergessen gehen, sonst wiederholt sich, was Facebook gerade passiert ist, als das Netzwerk die Differenz zwischen einem Kriegsfoto und Kinderpornografie nicht erkannte. Egal ob dies durch Algorithmen oder Menschen geschah.

Neuland betreten

Für Stirnemann selbst waren die Augenblicke wertvoll, in denen er in einem Bild durch den Dialog mit Studierenden etwas bis dahin Unvorhergesehenes entdeckte. Glückliche Momente seien die gewesen, wo man gemeinsam etwas bildete und kollektiv Neuland betrat. Insofern ist Bildbetrachtung eine Reise.

Bilder können uns näher oder fremder sein. Durch die Betrachtung kann eine Annäherung, aber auch das Gegenteil geschehen: Eine Entfernung oder grössere Rätselhaftigkeit.

Manchmal entdecken wir in einem Bild ein unbekanntes Stück von uns selbst.

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«Schule des Sehens» (13.9.1971)

32 min, vom 6.9.2016

Zur Person

Andres Stirnemann ist Künstler. Er hat zuletzt 25 Jahre als Dozent in der Praxis des Kunstprofils der Art Education an der ZHdK unterrichtet.

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