Charlie Chaplin fährt einmal in die Schweiz und bleibt für immer

5. Dezember 1952: Die «Filmwochenschau» meldet: «Charlie Chaplin kommt in Genf an.» Er wolle bis Weihnachten bleiben, sagt er. Amerika droht, er werde verhaftet, sollte er zurückkehren. Das erleichtert den Entschluss, in der Schweiz zu bleiben. Weitere Gründe werden folgen.

Als Chaplin 1952 in der Schweiz ankommt, ahnt er nichts Böses. Dabei hätte er es besser wissen können.

Jahre zuvor im Zweiten Weltkrieg. Chaplin setzt sich in Amerika, wo er lebt, für deutsche Immigranten ein: Bert Brecht, Hanns Eisler, Arnold Schönberg.

1949. Ein Gespenst geht um in Amerika: Senator McCarthy und sein «Ausschuss für unamerikanische Umtriebe» machen Jagd. Auf Kommunisten. Oder das, was sie dafür halten. Chaplin ist aufgefallen. Und denunziert worden. Er habe sich geäussert: «Kommunisten sind Menschen wie andere auch.» Das reicht. McCarthy lässt ihn 1949 vorladen. Mehrmals. Chaplin erscheint nicht. Er schickt stattdessen ein Telegramm. Inhalt: «Ich bin kein Kommunist ... Ich bin das, was man einen Friedenshetzer nennt. Ich hoffe, das stört sie nicht.»

Als er sich in der Schweiz aufhält, schlägt McCarthy zu. Die Bundesbehörden informieren Chaplin, er werde interniert, sollte er zurückkehren. Er, der «mit seinen Filmen seit einem halben Jahrhundert die amerikanische Moral untergräbt».

Charlie Chaplin verliebt sich – in die Schweiz

Chaplins Domizil über Vevey am Genfersee

Bildlegende: «Little White House», nennen es Nachbarn. Chaplins Domizil über Vevey am Genfersee. Keystone

Chaplin mietet sich in Vevey ein. Er hält Ausschau nach einem Haus für seine Familie. Findet eines. Das Manoir de Ban in Corsier ist riesig. Nachbarn werden es später «Little White House» nennen.

Er lässt Gewächshäuser bauen, einen Pool anlegen und einen Tennisplatz. Er ist für den Rest seines Lebens berauscht vom Blick auf den Genfersee, auf die Alpen und Weinberge.

Einzigartig die Dämmerung, wenn das Licht schwindet, der See daliegt, als stünde die Zeit still. Keine Farbe ist dann zu sehen, nur ein silberner Streif, wie ein Spiegel, in grau-metallic.

Chaplin bekommt eine Fiche

Selbst in der Schweiz wird er überwacht. Eine Fiche wird angelegt. Ein Herr Meyer ist ihm immer dicht auf den Fersen, findet aber nichts. Feste gibt es bei den Chaplins, Gäste kommen, zuhauf. Aber Herr Meyer findet keine Verdächtigen. Die Gäste heissen: Georges Simenon, David Niven, Noel Coward, Truman Capote. Oder der Optiker aus Vevey kommt – verkleidet zwar. Aber der macht jedes Jahr bei den Chaplins nur den Weihnachtsmann. Auch eher unverdächtig.

Chaplin heult vor Glück

Die Fête des Vignerons bezeichnet Chaplin als «das Schönste, was ich in Europa sah». Augenzeugen sagen, er habe fast geheult vor Rührung. Er wird regelmässiger Besucher des Zirkus Knie. Chaplin, das Kind von Varietékünstlern. Der Vater säuft sich zu Tode. Die Mutter verliert den Verstand. Buchstäblich. Er schlägt sich mit seinem Bruder allein gelassen durchs Leben, von der Londoner Gosse, aus der er kommt, bis in den Glamour Hollywoods und dann in die Schweiz.

Chaplin kommt von ganz unten. Hunger ist ihm bekannt. Die Weltsicht behält er, trotz allem Erfolg und Wohlstand. Als er 1973 die Ehrendoktorwürde in Oxford erhält, spendet er das damit verbundene Geld an Abbé Pierre. Als der sich bedanken will, sagt Chaplin, das müsse er nicht: «Ich gebe Ihnen nur zurück, was Ihnen gehört.»

1975 wird Chaplin von der Queen geadelt. Was jetzt passiere, wird er von der BBC gefragt. Die Antwort: «I get drunk.»

Chaplin besucht eine Nachbarin – nicht irgend eine, nein

Chaplin bleibt immer Brite und wird doch ein halber Schweizer, zumindest was seine Liebe zu diesem Land mit seinen Menschen angeht. Einmal besucht er eine Nachbarin, eine Schauspielerin, die lebt ein paar Dörfer weiter, in Perroy. Da wohnt sie, gleich unten am See, neben der Badeanstalt, in die sie geht, wann immer sie kann: Liselotte Pulver. Im Archiv findet sich Rohmaterial. Ungesendet, übersehen bis heute.

Chaplin auf Besuch bei den Dreharbeiten zu «Ueli der Pächter», mit Liselotte Pulver und Hannes Schmidhauser, gedreht 1955.

Bildlegende: Chaplin auf Besuch bei den Dreharbeiten zu «Ueli der Pächter», mit Liselotte Pulver und Hannes Schmidhauser. SRF

Chaplin besucht Pulver bei den Dreharbeiten zu «Ueli der Pächter». Da steht die Pulver, eingerahmt von Hannes Schmidhauser und Chaplin. Sie lacht. Ihr typisches Lachen.

Zu hören ist nichts. Der Ton ging verloren. Aber man hört sie trotzdem. Mit dem geistigen Ohr hört man sie. Das Filmmaterial ist keine Trouvaille. Es ist mehr: eine Preziose.

Die Wendung «strahlend schön» muss erfunden worden sein für Liselotte Pulver an diesem Tag.

Am 25. Dezember 1977 stirbt Charlie Chaplin. Tage später wird sein Leichnam ausgegraben und geraubt. Erpresser wollen Geld für die Rückgabe. Sie werden erwischt und Chaplin zum zweiten Mal beerdigt. Der Tramp kommt zur Ruhe. Im zweiten Anlauf.

Und heute?

Chaplin hat «das Kino zur Kunstform» erhoben, heisst es, als er den Ehrenoscar erhält. Er ist Zeit seines Lebens politisch engagiert, jedoch nicht parteipolitisch. Er dreht Filme über arme Schweine, die nichts haben ausser sich selbst und die nie aufgeben. Er weiss, wovon er spricht. Die Filme sind ein Massstab, unerreicht. Sie haben einen unverwechselbaren Stil. Sie haben eine Art von Komik begründet.

Fellini sagt bei Chaplins Tod, der sei wie Adam: «Wir stammen alle von ihm ab.» Chaplin hat ein Filmstudio mitbegründet, war Produzent, Regisseur, Schauspieler, hat Musik komponiert. Ein Song ist ein Welthit. Bis heute: «Smile». Darin heisst es:

Light up your face with gladness,
 / Hide every trace of sadness.

Although a tear may be ever so near / That's the time you must keep on trying
 Smile, what's the use of crying.
 / You'll find that life is still worthwhile-

If you just smile.

Neben allem anderen bleibt von Chaplin eine Weltsicht, eine Haltung. Man sagt, die Hoffnung sterbe zuletzt. Mag sein. Bei Chaplin kommt nach der Hoffnung noch das Lächeln. Das stirbt zuletzt.

Archivperlen

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