Die Nackten und die Roten vom Monte Verità

13. Juli 1962. Das «Freitagsmagazin» berichtet aus Ascona. Gleich unter dem Ortseinfahrtsschild steht gross: «Silencio». Mit der Stille ist es aber dahin, wie der Bericht zeigt. Denn in Ascona ist Hochsaison, und in Ascona tobt der Krieg der Kulturen.

Das «Freitagsmagazin» nimmt das Silencio buchstäblich: Es beginnt stumm. Kein Ton, nichts, «Silencio» halt, der Ton kommt erst mit der Grossaufnahme eines Auspuffs. Da hat man es schon vor Ohren geführt bekommen, wie genervt die Tessiner vom Touristenlärm und Gestank sein müssen.

Ascona sei «ein kleines Fischerdorf gewesen, jenseits von Gut und Böse», erzählt der Sprecher. Kein öffentlicher Verkehr habe lange dorthin geführt, das sei jetzt anders. Anfang der 60er-Jahre ergiesst sich die Blechlawine, Einheimische werden von ihren Apéro-Tischen vertrieben.

Deutsche grölen schunkelnd in der Osteria, Touristinnen mit Hotpants aus Frottee, Ballerinas und Bubikopf treffen auf alte schwarzestrumpfte Tessinerinnen mit Rosenkranz und Kopftuch. Kulturen knallen aufeinander.

Laban mit einer Gruppe Ausdruckstänzer auf der «Parsifal-Wiese»

Bildlegende: Laban mit einer Gruppe Ausdruckstänzer auf der «Parsifal-Wiese» Keystone

Hippie-Kommune auf dem Monte Verità

Angefangen habe das alles gut 60 Jahre vorher, weiss das «Freitagsmagazin». Da verirrten sich ein paar Langhaarige: «Vegetarier, Edelkommunisten, Nudisten, Literaten, Künstler und Pseudowissenschaftler», fasst der Sprecher die illustre Schar zusammen.

Die ersten Aussteiger, die mit Rousseau «zurück zur Natur» wollen. Die kaufen Land auf dem Monte. Sie bauen einfache Hütten, leben kommun, Laban begründet den Ausdruckstanz, den tanzen sie auf der «Parsifal-Wiese», manchmal in wallendem Gewande, manchmal wallend nackt.

Nackter Mann mit Spaten bei der Gartenarbeit

Bildlegende: Nudismus und vegetarische Selbstversorgung. Keystone

Die «Roten und die Nackten» sind angekommen: Freikörperkultur und Kommunismus light, vegetarische Selbstversorgung und psychoanalytischer Überbau, unten im Tal – Katholizismus und Risotto mit Coniglio. Gegensätzlicher können gesellschaftliche Entwürfe nicht sein. Das kleine Fischerdorf hat jetzt die Intelligentia auf dem Berg.

Da sind bekannte Namen drunter: Erich Mühsam war da, Hesse auch, Martin Buber gibt einen Workshop, der Monte Verità wird ein Hot Spot jedweder Avantgarde. Daran erinnert man sich gerne bis in die 2000er-Jahre.

Ein Deutscher kauft den Berg und verschenkt ihn wieder

1926 wird der deutsche Bankier Eduard von der Heydt auf den Berg geführt, von einer überzeugenden russischen Freundin. Von der Heydt ist hin und weg, vom Berg, der Russin und kauft den Berg für 160'000 Franken, provisionsfrei, wie der deutsche Banker erstaunt feststellt. Ein Hotel soll her. Von der Heydt tritt 1933 der NSDAP bei, bringt seine umfangreiche Kunstsammlung auf dem Monte unter. Der Zweite Weltkrieg kommt.

Von der Heydt schleust zig Millionen Reichsmark der Nazis über Locarneser Konten, Geld zur Finanzierung von Spionage. Nach dem Krieg wird er angeklagt wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeit und freigesprochen, schenkt sein Land und Hotel dem Kanton, worüber sich die «Wochenschau» heftig freut.

Von der Heydt macht allerdings die Auflage, daraus einen kulturellen Begegnungsort zu machen. Das gerät etwas in Vergessenheit, bis Harald Szeemann in den 80er-Jahren mit seiner fulminanten Ausstellung daran erinnert.

Und heute?

Heute ist auf dem Monte Verità ein Tagungs- und Kulturzentrum. Der Berg ist magisch. War er schon immer. Bestätigen alle, die mal da waren. Selbst hart gesottene Materialisten kriecht es an. Was es genau ist, ist schwer zu sagen. Es hat zu tun mit dem Licht, dem Lago, wenn er – friedlich glatt – wie Perlmutt schimmert.

Es sind die Geschichten vom Berg. Es gibt diese Orte, wo man dem Himmel näher ist. Wo jeder Augenblick ein Vorgeschmack der Ewigkeit ist. Vielleicht ist es etwas Spirituelles, vielleicht auch nur der Schöpfung Schönheit.

Die Ideale der Avantgarde sind entweder längst Mainstream oder untergegangen. Der Entwurf vom «anderen Leben, abseits von Geld und Geschäft», wie sie das damals postulierten, geistert immer noch in den Köpfen all derer, die sich nach dem grossen Sinn fragen.

Der Monte Verità steht heute eher für ein «inter»: interdisziplinär, interkulturell, international. Heute, in einer Zeit, die einzig gültigen Wahrheiten gegenüber skeptisch geworden ist, steckt die Wahrheit vielleicht in diesem «Zwischen», im «von beidem etwas», nicht im «Entweder-oder» sondern im «Sowohl-als-auch». Diese Wahrheit wäre mehr-deutig.

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