Die Schweizer Nationalmannschaft zeigt Flagge – darf sie das?

6. September 1995. Göteborg. EM-Qualifikation. Schweiz gegen Schweden. Die Mannschaften betreten den Rasen. Alle am Mittelkreis. Dann passiert's: Die Schweizer Nati entrollt ein Transparent. Ist das eine politische Demonstration? Falls ja, dürfen Sportler das? Das Echo: gewaltig, weltweit.

Die Live-Reportage von Beni Thurnheer und Günther Netzer spricht Bände, heute noch. Weder Thurnheer noch Netzer neigten je zu Gesprächspausen. Hier verschlägt es ihnen die Sprache. Stille. Netzer sagt: «Hymnen». Man denkt: «Merci, hör ich selber.» Ein Moment der bleibt – Gleichzeitigkeit von Gänsehaut und Geschichte.

Der Anlass der Aktion

Frankreich hat auf dem Mururoa-Atoll Atomtests wieder aufgenommen. Die Grande Nation verstrahlt ein Stück Erde. Weit ab vom Schuss. Von Paris aus gesehen. Da manche Fussballer denken, denken sie sich eben auch: Chirac, du Monsieur le Président und oberster Feldherr, stop it! Die Frage zur Stunde: Darf die Nationalmannschaft Politik und Sport vermischen?

Der sportliche Wettkampf an sich ist politikfrei

Spricht man heute mit der, sagen wir es sportlich, Nummer 1 der Sportphilosophie, mit Gunter Gebauer, dann sagt der: «Da gehen ein paar Sachen durcheinander. Es ist eine Errungenschaft des modernen Sports seit Ende des 19. Jahrhunderts, dass der Wettkampf selbst frei ist von Äusserungen zu sexuellen Vorlieben, Weltanschauungen und Politik.» Der Wettkampf an sich ist für Gebauer der «innere Raum des Sports.» Der sollte politikfrei bleiben.

Von heute aus gesehen

«Es kann nicht sein, dass bei einem Wettkampf heute in Zürich der ukrainische Läufer auf der Laufbahn zum Russen geht und ihm die Meinung sagt. Dass das nicht passiert, ist eine Errungenschaft. Die aufzugeben, würde Tür und Tor öffnen. Stellen Sie sich vor, bei den Siegerehrungen in Sotschi hätten sich Athleten als lesbisch oder schwul geoutet, um gegen Putins homophobe Politik zu protestieren. Das ist dort nicht richtig platziert.»

Insofern findet er auch die Aktion der Schweizer Nationalmannschaft 1995 in Göteborg falsch: «Auf dem Rasen hat das nichts zu suchen.»

Innerer Raum versus äusserer Raum

Es gibt aber neben dem «inneren Raum» auch den «äusseren Raum». Ausserhalb des Wettkampfes, auf der Tribüne, bei Pressekonferenzen sei das etwas anderes: «Natürlich können sie protestieren, das sind mündige Bürger.» Insofern war der Protest der Schweizer Nationalmannschaft nachvollziehbar, aber am falschen Ort.

Sauberer Sport versus schmutzige Politik

Kritiker warfen der Nationalmannschaft 1995 vor: Der saubere Sport sei «durch diese politische Aktion beschmutzt» worden. Gebauer rückt die Implikationen dieser Gegenüberstellung zurecht: «Es gibt keinen reinen unpolitischen Sport und auch keine vollkommene Durchsetzung des Sportes gegen die Politik.» Das gelte für den Wettkampf an sich. Nur bei kleineren Sportveranstaltungen, für die sich die Politik nicht interessiert, meint Gebauer süffisant, wie etwa für die Kanuten oder Sportschützen.

Ein Land in Geiselhaft

Bei Grossereignissen sehe das anders aus. Gebauer: «Länderkämpfe, Europa- oder Weltmeisterschaften sind immer politisch. Die Sportverbände mobilisieren. FIFA oder IOC sind die besten Beispiele. Die suchen sich Länder aus, die sie kommandieren können. Bei der WM in Brasilien hat die Fifa das Land quasi in Geiselhaft genommen, Steuergelder wurden beansprucht zum Bau von Infrastruktur. Die Polizei wurde beansprucht zum Schutz der Spiele. Die Fifa bietet den Ländern politisches Prestige und verlangt dafür eine Gegenleistung.»

Politische Arbeit der Verbände

Die Arbeit der Verbände sei politisch. «Ich sage das ganz scharf», meint Gebauer: «Die Verbände erlangen eine politische Macht, die bewusst eingesetzt wird und die durch nichts legitimiert ist. Dann noch zu sagen, die Verbände hätten keine politische Macht, hintergeht die Leute. Ihr Landsmann Blatter geht da ganz geschickt vor, er gibt sich jovial und diplomatisch, er stellt sich jedoch über die politische Macht eines Landes.»

Das Machtringen hinter den Kulissen

Gebauer sagt, hinter den Kulissen sei ein Machtringen zu beobachten. Schwache Regierungen würden den Machtkampf gegen Fifa oder IOC verlieren, autokratische Machthaber hingegen lassen sich nichts vorschreiben, weder Putin in Sotschi noch China bei der Olympiade 2008.

Aktuell könne man den Machtkampf gut beobachten: Die Mannschaft der Krim werde «einfach in die russischen Meisterschaften integriert. Das verstösst gegen Fifa- und Uefa-Statut. Mal sehen, wer sich da durchsetzt.»

Zur Person

Zur Person

Gunter Gebauer ist Anthropologe, Sportsoziologe. Er ist emeritierter Professor für Philosophie an der FU Berlin und beschäftigt sich unter anderem mit Sport. Veröffentlichungen sind u.A.: «Sport in der Gesellschaft des Spektakels» oder die «Poetik des Fussballs.» Am 2. Juni 2014 war er fast 6 Stunden lang Gesprächsgast bei Radio SRF 2 Kultur.

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