Ein Jahrhundertsatz: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben»

Mit dem Mauerfall 1989 sind Michail Gorbatschow und sein Jahrhundertsatz untrennbar verbunden. 20 Jahre später – in einem legendären Gespräch mit SRF Korrespondent Thomas Vogel – erinnerte er sich an die Umstände. Dabei hat er den Satz am 6. Oktober 1989, so wie Viele dachten, gar nicht gesagt.

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«Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.»

1:36 min, vom 30.9.2013

Das Legendäre an diesem Gespräch zwischen Michail Gorbatschow und dem damaligen SRF Deutschlandkorrespondenten Thomas Vogel ist die Tatsache, dass Gorbatschow den Satz «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben» so gar nicht gesagt hat. Aber der Reihe nach.

Seit dem 6. Oktober 1989 führt der Satz ein Eigenleben. Er ist zum geflügelten Wort geworden. Zitiert man ihn, dann denken alle «Gorbi» und vor dem geistigen Auge erscheinen jubelnde Menschen auf einer Mauer zwischen West- und Ost-Berlin.

Der Satz mit dem Zu-Spät-Kommen und dem Leben, der Satz ist die sinn- und gemeinschaftsstiftende Überschrift zu einem politischen Prozess, der Europa veränderte. Ein Prozess, der mit dem Fall der Mauer nicht sein Ende, aber einen bildgewaltigen Augenblick im ewigen Strom von Geschichte markierte.

Wir sind das Volk

Aufnahme aus der Vogelperspektive von der Montagsdemonstration in Leipzig im Oktober 1989

Bildlegende: «Wir sind das Volk» wurde zum ersten Mal auf den Montagsdemonstrationen Anfang Oktober skandiert. Keystone

Seitdem ranken sich Legenden um diesen Satz. Und eigentlich wird, je länger man versucht, dieses Satzes habhaft zu werden, mehr unklar als klar.

Oktober 1989. Die Montagsdemonstrationen in der DDR waren seit einem Monat in vollem Gang. Der Unmut breitete sich aus. Am 2. Oktober hiess es erstmals: «Wir sind das Volk.» Totschweigen konnte das nur noch, wer kein anderes Mittel hatte, dafür aber die Macht besass.

Demos weg – Jubel muss her

In dieser Situation sollte das 40-jährige Bestehen der DDR am 7. Oktober 1989 gefeiert werden: Mit bestelltem Jubel statt mit kritikversessenen Demonstrationen. Zum geplanten Spektakel reiste der grosse Sowjetbruder Michail Gorbatschow einen Tag vorher am 6. Oktober an. Unter den Linden ehrte er die Opfer des Faschismus. Schon bei diesem Auftritt waren «Gorbi»-Rufe zu hören, die vom DDR-Fernsehen mühevoll herausgeschnitten wurden.

Denn mit dem saloppen «Gorbi» war nicht die zementgraue Eminenz des zementgrauen ZK des Grossen Sowjet gemeint, sondern mit «Gorbi» war der Reformer gemeint, der bei sich zuhause Veränderungen auslöste, die niemand für möglich gehalten hatte. Dass sich die Erde bewegte, wusste man, aber die Sowjetunion?

Die Hoffnungen ruhten auf diesem «Gorbi» Gorbatschow, dass er ein Machtwort spreche im stringenten Sinne dessen, was er in seinem eigenen Land mit «Glasnost» und «Perestroika» gemeint hatte.

Und dann passiert es

Als Gorbatschow vom Mahnmal Unter den Linden zurückkommt, geht er spontan auf verschiedene Kamerateams – auch ausländische – zu. Die allgemeine Verwunderung unter den Journalisten über soviel Spontaneität war kaum übersehen.

Normal waren die verlesenen, vorgefertigten und staubtrockenen Statements, sprachlich diplomatisches Kauderwelsch, aus gesicherter Position vorgetragen, mit der nötigen Distanz. Aber das, was hier passierte, war vollends untypisch. Nicht die Presse bewegte sich, nein Gorbatschow ging auf sie zu, mitten rein, wurde umringt, gab eine Erklärung ab, hinter ihm der Übersetzer, improvisiert, spontan, distanzlos, ernsthaft, authentisch.

Geschichte passiert – hier und jetzt

Bruderkuss zwischen Michail Gorbatschow und Erich Honecker

Bildlegende: Ein Bruderkuss für das Protokoll, aber hinter den Kulissen tobte der Anfang vom Ende. Keystone

Es war einer dieser Momente, in denen das Protokoll nichts mehr gilt, wo die Distanz nicht gewahrt, die Abgrenzung zwischen politischer und medialer Macht aufgelöst wurde. Es war einer jener Momente, und das beschreiben die, die da im Pulk um ihn herum standen, in denen sofort allen klar war, hier passiert gerade etwas, dessen Tragweite man noch nicht übersehen kann, aber hier passiert Geschichte. Und zwar jetzt! Dieses Interview wurde als der Moment identifiziert, in dem der berühmte Satz fiel. Aber hinterher auf keinem Drehmaterial zu finden war.

Der Satz und sein Eigenleben

Und als er dann nicht zu finden war, wurde vermutet, interpretiert, ge-wer-weiss-t. Diese Geschichte ist ab diesem Punkt nicht mehr eindeutig, vielleicht ist das Geschichte nie. Die Versionen gehen stark auseinander. Ein Übersetzer habe den Satz sehr frei wiedergegeben, sagen die einen. Andere wollen ihn noch immer gehört haben.

Dritte sagen, der Satz ist da gar nicht gefallen, die Wendung, die Gorbatschow tatsächlich sagte «Gefahren lauern auf diejenigen, die nicht auf das Leben reagieren» erinnere nur stark an das geflügelte Wort. Wobei bei Lichte besehen der originale Gorbatschow-Satz an diplomatischer Sphinxhaftigkeit schwerlich zu überbieten ist, während der andere zur akustischen Ikone taugte.

Klären lässt sich das alles kaum noch. Und um die Verwirrung komplett zu machen: Es gibt auch Versionen, die sagen, er ist nicht zu diesem Zeitpunkt und auch nicht an diesem Ort gefallen, sondern woanders. Gorbatschow hingegen schreibt in seinen Memoiren, er habe den Satz in einem Vier-Augen-Gespräch zu Erich Honecker gesagt. Und eigentlich muss er es wissen.

Diese Version wird bestätigt durch Gennadi Gerassimow, damals der Pressesprecher Gorbatschows, der in einer offiziellen Pressekonferenz am 7. Oktober diesen Satz als wörtliches Zitat von Gorbatschow einleitete, als er gefragt wurde, worum es bei den Gesprächen zwischen Gorbatschow und Honecker gegangen sei.

Gerassimow zitierte Gorbatschow auf englisch mit dem Satz: «Those who are late will be punished by life itself.» Andererseits hat Gorbatschow aber auch gesagt, der Gerassimow habe da etwas interpretiert. Und machte ihm im gleichen Atemzug ein Kompliment indem er sagte: «Gerassimow hat da etwas zu Ende gedacht.» Einerseits. Andererseits sei mit dem Satz ja gar nicht Honecker gemeint gewesen – sagt «Gorbi» der Reformer – sondern die reglosen Genossen daheim. Widersprüche wohin man schaut. Geschichte ist selten eindeutig.

Beliebt, geschätzt, bewundert

Der Originalsatz in einer Berliner U-Bahn-Station der Linie 55.

Bildlegende: Der Originalsatz in einer Berliner U-Bahn-Station der Linie 55. WIKIMEDIA

Sicher ist, dass der Satz aus heutiger Perspektive damals so verstanden wurde, dass Russland nicht helfen werde, die friedliche Revolution in der DDR zu verhindern. Der Satz wurde interpretiert als die verdeckte Zusicherung, dass es keinen russischen Einmarsch geben werde.

Heute ist Michail Gorbatschow im Westen ein hoch geschätzter respektierter Politiker. Und das völlig abgesehen von seinem Nobelpreis. Der Respekt gilt nicht nur der Rolle, sondern der Person und seiner Glaubwürdigkeit. Gorbatschow ist förmlich zu einer Instanz geworden. Viele behaupten, er habe durch das Ermöglichen der friedlichen Revolution in der DDR mehr bewirkt als andere mit blutigen Kriegen. Und er habe die Sowjetunion verändert wie Wenige vor ihm.

Abgrundtief gehasst

Bei ihm daheim, in dem, was früher die Sowjetunion war, ist er einer der am meisten gehassten Menschen. Als vor einigen Monaten fälschlich sein Tod kommuniziert wurde, löste dies ein Echo im Internet aus, das seinesgleichen sucht. Die Beschimpfungen waren grenzen- und achtlos. Glückwünsche zum Tod. Wäre nicht selbiger fälschlich kommuniziert worden, hätte man ihm Pest und Cholera gewünscht. Gorbatschow hat die Sowjetunion tatsächlich verändert. Begeistert sind davon nicht alle. Geschichte ist nicht eindeutig.

Nachbemerkung des Verfassers: Ich habe «Gorbi» ein Mail geschickt. Ich will wissen, welche Version die Wahrscheinlichste ist. Und habe alles Gute gewünscht. Es soll gesundheitlich nicht nur zum Besten stehen. Ich warte auf Antwort. Sollte sie kommen, wird sie hier stehen.

Buchhinweis

Gorbatschow, Michail: «Alles zu seiner Zeit. Mein Leben.» Hoffmann und Campe, 2013.