John F. Kennedy und seine Wunderwaffe Jackie

Sie nennt ihn Jack. Er nennt sie Jackie. Sie ist das Tüpfelchen auf dem i. Während Jack Wahlkampf macht, gibt Jackie Kennedy ihr erstes Interview: auf Französisch! Schlägt ein wie eine Bombe. Das Schweizer Fernsehen sendet es am 14.10.1960. Ihr Anteil am Wahlsieg von JFK? «Gross» wäre untertrieben.

John F. Kennedy nutzt als erster Präsidentschaftskandidat bewusst die Kameras im Wahlkampf. Das TV-Zeitalter hat begonnen, die ganze Familie muss raus: die Tochter, der Hund, der Kandidat, die Frau. Werte müssen ran an die Zielgruppen, ein paar Messages, aber Kennedy weiss: Nicht der Inhalt alleine zählt.

Mehr als ein gebildetes Accessoire?

Dann kommt Jackie. Schon ihr erstes Interview ist ein Knaller. Eloquent, gebildet, ihr Strahlen ist ansteckend. Perlenkette, dreireihig, passend zum Ecru des schmal geschnittenen Kleides. Sophisticated dünn aufgetragen. Und dann der Sound ihrer Stimme: hell, warm, verhaucht, ein bisschen Blues auf den Stimmbändern.

Sie sei die Tochter von Einwanderern, aus sehr gutem Haus. Seit Generationen im Land. Sie selbst: Auslandsstudium, Paris, Sorbonne. Literatur, politische Wissenschaften, Kunstgeschichte. Sie lächelt und wischt sich eine der berühmten Haarspray-Strähnen aus der Stirn, als habe sie die Nägel frisch lackiert.

Böse Zungen sagen, sie sei zwar Stilikone, zugegeben, aber trotzdem nicht mehr als ein hübsches, gebildetes Accessoire. Reichlich unemanzipiert. Daran ist Jackie nicht ganz unschuldig. Sie sagt einmal, ihre politischen Ansichten beziehe sie von ihrem Mann. Und sie sei dazu da, «ihm nach Dienstschluss Entspannung zu bieten». Der Frauenbewegung bringt sie das nicht näher.

Jacqueline Kennedy neben JFK; Schwarz-Weiss-Fotografie auf einem Balkon stehend.

Bildlegende: Die Popstars der Politik 1960. Keystone

Aufbruch ja, aber bitte nicht zu viel

Von heute aus gesehen gibt es noch eine andere Lesart, als die Frage: emanzipiert oder nicht? Die Lesart geht so: Die Kennedys stehen damals für Aufbruch. Aber bloss nicht zu viel davon, raten ihnen die Experten der Marktforschung, die damals Einzug in die politische Strategie hält. Und so segeln sie immer hart am Wind der Umfragewerte.

Auch Jackie weiss, wie wichtig das TV-Zeitalter ist. Sie nutzt die Chance: Die Einrichtung des White House geht ihr auf die Nerven. Sie beschliesst eine Renovation, sucht sich Berater und eine Kuratorin. Gleich im ersten Jahr der Präsidentschaft räumt sie auf.

Die «Home Story» aus dem Weissen Haus

Die First Lady lädt das Fernsehen zu sich ein. Zum ersten Mal rückt ein Fernsehteam in präsidiale Gemächer vor. «Home Story» würde man heute sagen. Ein Spielfilmregisseur ist engagiert, der damals wohl prominenteste Anchorman bei CBS, Charles Collingwood, stellt Fragen.

Jackie zeigt die Hinterlassenschaften verflossener Präsidenten. Hätten die nicht berühmte Besitzer, man würde sie als Plunder bezeichnen. Was macht sie? Kein Naserümpfen, keine Kritik, nichts. Stattdessen Wertschätzung – würde man heute sagen.

Jacqueline Kennedy im Weissen Haus an gedeckter Tafel, im Hintergrund Fotografen, Kameras, Filmlicht.

Bildlegende: Die erste «Home Story» im White House. Keystone

80 Millionen Zuschauer und ein Emmy für Jackie

Jackie drückt so geschickt die Knöpfe auf der Beliebtheitsskala, das einen das kalte Staunen befällt: Auf der ganzen Welt habe sie Weingläser gesucht, kein Protz, nein, schlichte, und dann endlich habe sie sie gefunden, gleich um die Ecke, auf dem amerikanischen Land! Mehr Fliegen mit einer Klappe schlagen kann man nicht.

Eine Stunde lang seift sie die Nation ein: Sie zeigt das Panoramagemälde im Warteraum für die Diplomaten. Das hat sie auftreiben und hängen lassen. Sie präsentiert es, führt kurz durch amerikanische Geschichte. Das kann sie.

Die Sendung wird Prime Time ausgestrahlt (steht heute in voller Länge auf YouTube, die Renovation ist bestens dokumentiert). 80 Millionen Zuschauer. Mehr als beim ersten Fernsehduell ihres Mannes mit Richard Nixon.

Das Programm wird in 50 Länder verkauft. Selbst in China ist die Klassenfeindin der Renner. In der Schweiz zeigt das «Freitagsmagazin» am 30.3.1962 einen fünfminütigen Ausschnitt. Historiker sagen, das habe im Kalten Krieg mehr Wirkung gezeigt als manch politischer Winkelzug. In Amerika selbst steigen die Beliebtheitswerte. Einen Preis gibt’s auch noch: And the Emmy goes to – The White House!

Stilikone – und was dann?

Von heute aus gesehen kann man sagen: Okay, eine Präsidentengattin dekoriert. That’s it. Man kann sagen, sie wurde auf Auslandsreisen geschickt, um stiere Testosteronsitzungen auflockern. Funktioniert: De Gaulle ist hin und weg. Er habe sich mit ihr über französische Geschichte besser unterhalten als mit vielen Französinnen. Das meint er wohl als Kompliment, zeigt aber vor allem den selbstverständlichen Chauvinismus dieser Zeit.

Man kommt Jaqueline Kennedy nicht bei mit der Gegenüberstellung: emanzipiert oder nicht. Aus dieser Rolle, in der sie damals drinsteckte, konnte sie nicht mehr rausholen. Das wusste auch Jackie.

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