John le Carré: vom britischen Spion zum Bestseller-Autor

Am 19. Oktober 1931 wird David John Moore Cornwell geboren. Besser bekannt als John le Carré. Er schreibt einen Agententhriller nach dem anderen. Alles Bestseller, gelobt für ihre Authentizität. Er sei selber Spion, wisse also wovon er rede, heisst es lange. Alles nur erfunden, behauptet er.

«Sind Sie Schriftsteller oder Spion?», wird er einmal gefragt. Antwort: «Diplomat!» Frage: «Ist das jetzt eine diplomatische Antwort?» – «Ja!»

John le Carré ist ein Meister der Andeutung, er spielt gerne mit seiner Wirkung und seinem Gegenüber. Das tut er lange. Jetzt im hohen Alter reicht es ihm, dass jeder nur den Spion in ihm sieht, der einen authentischen Insiderroman nach dem anderen schreibt. Er sei nur Schriftsteller. Er erfinde alles. Von Authentizität keine Spur.

Brite mit exquisitem Deutsch

Le Carré posiert im Berner Hotel Palace.

Bildlegende: Le Carré posiert im Berner Hotel Palace. Er liebe diese Stadt und habe sie auch immer liebevoll portraitiert. Keystone

John le Carré spielt seit Jahren mit seiner Identität. Vieles passt bei ihm nicht zusammen. Gut zur Legendenbildung. Heute ist er 83 Jahre alt. Mit Verlaub: ein alter Herr. Hochgewachsen, eine angenehme Stimme mit warmer Resonanz. Der Brite spricht manchmal gewählt, dann flapsig. Sein Deutsch ist exquisiten. Er zitiert Balzac und Thomas Mann. Gibt sich meist gut gelaunt, nonchalant, charmant. Britischer Humor und Look: erdfarbene dreiteilige Tweedanzüge oder Flanell, bevorzugt in Anthrazit oder Marineblau. Knarzendes Schuhwerk. Er geht locker als Professor durch oder als Sachbuchautor.

Zimmer an der Länggassstrasse in Bern

Er komme aus «unordentlichen Verhältnissen». Seine Mutter sei eines Morgens weg gewesen. Da war er fünf. Sein Vater machte dubiose Geschäfte, sei liebenswürdig gewesen, aber erratisch, sagt le Carré. Er selbst besuchte in England die Schule.

Dann plötzlich eines Tages ist er selbst weg, geht mit 17 nach Bern. Studiert Deutsch, obwohl er selbst kein Wort Deutsch spricht. Sein Professor findet ihn «förderungswürdig». Er wohnt an der Länggassstrasse 45. Seine Zimmerwirtin gibt ihm Pfefferminztee und Salami. Sie hält das für ein «englisches Frühstück».

Er «trägt Pakete herum», mehr sagt er nicht. Zwei Jahre bleibt er in Bern, zu der Zeit eine Drehscheibe für Spione. Danach geht er nach Österreich, führt Verhöre durch für den Britischen Geheimdienst.

Im «diplomatischen Dienst»

1952 studiert am Eton College Deutsch und Französisch. Daneben arbeitet er als «Telefonist» beim Inlandsgeheimdienst. Seinen Vater muss er hier und dort aus dem Gefängnis holen, dessen Geschäfte waren zu dubios. Le Carré wird nach Hamburg und Bonn geschickt. Arbeitet als «Deutsch- und Französischlehrer» und «Diplomat». Was «Diplomat» genau meint, lächelt er weg: «Ich weiss, wie das Papier läuft.» Ende der Mitteilung. Welches Papier? In Berlin erlebt er den Bau der Mauer. Darüber sagt er: «Man erlebt das totale Paradox. Die Frage ist: Was können wir im Namen der Demokratie tun und in der Demokratie bleiben?»

Draussen ist Kalter Krieg

Er schreibt heimlich einen Roman. Der sei komplett erfunden. 1963 erscheint «Der Spion, der aus der Kälte kam». Es wird ein Durchbruch mit Nebenwirkungen: Le Carré wird weltbekannt. Alle halten den Roman für authentisch. Le Carré wird von dem Rummel überrannt. Seine Chefs sind «not amused». So quittiert er 1964 den Dienst und «schreibt nur noch». Mehr erfährt man nicht, nur soviel: «Mein Privatleben ist nicht zu verkaufen.»

Ein Literat unter Krimiautoren

Heute sind über 20 Romane von ihm veröffentlicht, die meisten sind verfilmt. Letztes Jahr ist sein «Spion, der aus der Kälte kam» neu übersetzt und herausgegeben worden. Im Literaturclub ist man sich ungewohnt einig: Das sei kein Kriminalroman sondern hochstehende Literatur, ein Sittengemälde. Le Carré selbst sagt, er wolle die «Invaliden des Kalten Krieges zeigen, die im Interesse eines Staates die Menschheit verraten.»

Diese «Invaliden» sind Verlierer allesamt. Manche sind kalte Killer. Andere sind Idealisten, die morden. Wiederum andere sind bloss Verräter. Gut und Böse treten nie fein säuberlich getrennt auf. Was le Carré da erfunden hat, ist eine eigene Welt. Eine Welt, in der alles Gesagte nichts zählt. Alles kann alles andere heissen. Paranoia ist der Normalzustand dieser Welt. Erstaunlich wie wirklichkeitsnah das erscheint, 51 Jahre nachdem der Roman erschienen ist.

«Ich will nur schreiben»

Heute mischt sich Le Carré politisch ein: «Die Geheimdienste sind heute eine grössere Bedrohung für die Demokratie als die Menschen, vor denen sie uns schützen», schreibt er im «Guardian».

Zum Geburtstag sei David John Moore Cornwell Glück gewünscht und dass man ihn in Ruhe lässt mit den alten Agentengeschichten. Wie sagt er im Interview: «Ich will nur schreiben und meine Tage lieber mit dem Metzger verbringen.»

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Buchhinweis

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John le Carré: «Der Spion, der aus der Kälte kam», Ullstein Verlag 2013