Max Bill: Glasklar, aber blöderweise unverstanden

Heute ist Max Bill ein Klassiker. Er begründete die «konkrete Kunst» mit. Als seine Kunst neu war, stand mancher Betrachter ratlos davor. Sperrig, spröde, kalt. Hiess es. Die Art wie Bills Kunst wahrgenommen wurde, ist eine Geschichte für sich – eine voller Missverständnisse.

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Max Bill erklärt Schülern seine Kunst», «Antenne» vom 25.8.1965

4:09 min, vom 6.12.2013

Als Max Bill 1965 Sekundarschülern in Rapperswil seine Kunst erklärt, ist er 57 und doch schon mehr als 30 Jahre «auf dem Markt». Aber die Mehrheit der Museumsbesucher steht damals ratlos vor seinen geometrischen Bildern, scharf, streng durch komponiert, kalte Modernität verströmend. Was will uns der Künstler damit sagen? Rätselnd schleichen die Betrachter um seine Skulpturen im öffentlichen Raum, zum Beispiel um die «unendliche Schleife». Bills Kunst sei sperrig. Man komme nicht ran.

Die Berichterstattung ist dementsprechend. Über seinen Pavillon, den er zur Expo64 gestaltete, war zu lesen: «Dafür ist der Pavillon, den Max Bill für die Sektion Kultur, Wissenschaft und Künste entworfen hat, ein Muster an Nüchternheit und Strenge, sodass der Besucher gar nicht recht merkt, dass er durch einen Ausstellungspavillon geht, sondern meint, sich in einer Zwischen- oder Geschäftszone zu bewegen, in die man geht, wenn man sich ein wenig ausruhen oder jemanden treffen will.»

Der Universalkünstler ...

Max Bill war schwer zu fassen: In eine Schublade passte der nicht. Mitte der 60er-Jahre hat er drei Documentas in Kassel hinter sich. Er hatte eine Kunstschule in Ulm gegründet, wurde ihr Rektor. Er war der Architekt der Expo64. Bis heute gilt er als grundlegender Theoretiker der «konkreten Kunst».

Max Bill der Universalkünstler: Maler, Bildhauer, Architekt, Publizist, Designer, der politische Künstler, der Antifaschist, der engagierte Störenfried, der gegen den Kalten Krieg so sehr protestierte wie er sich für den Umweltschutz einsetzte.

... und sein Image des strengen Konzeptkünstlers

Fussgänger auf dem Max Bill Platz in Zürich Oerlikon mit geometrischem Muster.

Bildlegende: Klar, streng, mathematisch kalt. Hiess es über Max Bills Kunst. Keystone

Obwohl seine Kunst so vielschichtig und facettenreich ist, haftete Bill und seiner Kunst dieses Image der «Nüchternheit und Strenge» an. Sprach er selbst über seine Kunst, dann passte das ins Image.

Er sagte Sätze wie: «Konkrete Kunst ist in ihrer letzten Konsequenz der reine Ausdruck von harmonischem Mass und Gesetz. Sie ordnet Systeme und gibt mit künstlerischen Mitteln diesen Systemen das Leben. Vorher – nur in der Vorstellung bestehende – abstrakte Ideen werden in konkreter Form sichtbar gemacht.» Da sprach der akademische Konzeptkünstler, der jeden Katalogtext an Schwere leicht übertraf. Aber das allein ist nicht Max Bill, nicht annähernd.

Max Bill und der Freiraum des Betrachters

Seine geometrischen Bilder seien nicht nur streng in der Konzeption. Sie seien eng gefasst in den Interpretationsmöglichkeiten, sie liessen keinen Spielraum zu. Sagte man. Das Gegenteil war der Fall. Bill gab Raum – er hatte ihn gleichsam mit konzipiert, mit programmiert.

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«Wenn das Bild den Rahmen sprengt» aus «Max Bill», 16.4.1990

4:31 min, vom 6.12.2013

In einem ungesendeten Archivausschnitt erklärt er an Hand eines Bildes, wie sehr er den Betrachter braucht, denn dieser denkt die Linien weiter über den Rahmen des Bildes hinaus – im wahrsten Sinne des Wortes. Von Enge keine Spur.

Und heute?

Fast 20 Jahre nach seinem Tod – er starb am 9. Dezember 1994 – bleibt Einiges: Bill hat eine Kunstrichtung auf Grund mathematischer Denkweisen begründet. Für ihn war das kein Widerspruch: Kunst und Mathematik könne man zusammen denken. Bach sei ja auch eine Synthese aus Klang und Mathematik. Es gehe also.

Seine «unendliche Schleife» gehe auf den deutschen Mathematiker Möbius zurück. Und Mathematik heisse nicht automatisch eindeutig, denn: Bills «unendliche Schleife» sieht – je nachdem ob sie liegt oder steht – von überall unterschiedlich aus. Selten hat jemand mit der Un-Eindeutigkeit von der Synthese aus Kunst und Mathematik so spielerisch experimentiert, selten die Perspektive der Betrachter so in den Vordergrund gerückt.

Geblieben ist Vieles: Die konkrete Kunst von Bill im öffentlichen Raum, bei der zwar Viele nicht mehr wissen, von wem sie denn ist und was sie zu sagen hat. Der Design-Dauerbrenner, seine Uhr. Sie ist Inbegriff von reduzierter Klarheit und die gelungene Verbindung von Retro und immer währender Modernität.

Vergessen geht, dass er ein begnadeter Theoretiker war: «Systeme erzeugen Ordnung durch ihre Beziehung, ihren Rhythmus, durch ihren Dynamismus.» Mit «Systeme» meinte Bill seine Bilder. Liest man den Satz heute, könnte man meinen, jemand spricht über die komplexen Wechselwirkungen der Weltwirtschaft. Da wäre der Satz genauso zutreffend. Auch das kann konkrete Kunst: Die Welt erklären.

Vorherige Sendungen

«100 Jahre Max Bill», aus: «Tagesschau» vom 22.12.2008

«Bill – das absolute Augenmass», aus «Kulturplatz» vom 12.8.2008

«Max Bill gestorben», aus «Tagesschau» vom 12.12.1994