50 Jahre Autobahnraststätte Tanken, pinkeln, essen: Die erste Autobahnraststätte der Schweiz

16. August 1967. Vor 50 Jahren bekommt die Gemeinde Kölliken im Aargau etwas Schönes: Die erste Autobahntankstelle der Schweiz. Und nicht nur das! Sie kriegt auch noch ein Resti. Zwar ein Provisorium, aber mehr liegt nicht drin. Vorerst. Grosser Aufmarsch bei der Eröffnung. Mobile Zeiten brechen an.

1967. Wirtschaftswunder. «Mobilität» ist das Wort der Stunde. Es wird gefahren. Und wie! Das Zuhause wird gleich mitgenommen – Camping ist gross in Mode. Der Sprit kostet um die 50 Rappen. Alles kein Problem. Mobilität, das ist Modernität. Für die Einen. Die Anderen schütteln die Köpfe: Autobahnen zerschneiden die Landschaft. Diese Ansicht vieler Bürger verleitet die Sendung Antenne im April 1967 zu einem köstlichen Aprilscherz.

Was für ein Jahr!

Autofahren ist männlich: Pferdestärken und Testosteron, wo ist da der Unterschied? 1967 donnert Steve Mc Queen im Ford Shelby über die Leinwand und durch die Träume männlicher Kinogänger.

In der helvetischen Realität geht`s eine Nummer kleiner zu. Die PS halten sich im Rahmen, die Kinder turnen auf der Rückbank oder sie spielen «Ich sehe was, was du nicht siehst.» Dafür werden sie mit Zigaretten zugequalmt, Nackenstützen gibt`s sowenig wie Gurte oder Airbags. Ein Wunder, dass damals überhaupt jemand lebendig ankommt.

Im Autoradio singen Ester und Abi Ofarim «The Morning of my Life.» Und Scott Mc Kenzie ist in San Francisco. Da gibt`s Flower Power. Und den Summer of Love. Und in Vietnam ist Krieg. James Schwarzenbach wird im Oktober 1967 in den Nationalrat gewählt – und der Bundesrat beschliesst, wenn schon Fernsehen, dann in Farbe.

Das erste Schild bei Kölliken: Tanken, pinkeln, essen.

Bildlegende: Das erste Schild bei Kölliken: Tanken, pinkeln, essen. SRF

Unendliche Weiten

Raumschiff Orion ist gerade gelaufen, unendliche Weiten sollen auch auf Erden her. Autobahnen haben kein Ende. Wenn nur das leidige Tanken nicht wäre. Die, die Anfang der 60er geboren wurden, erinnern sich: Jedes Wochenende Familienausflug. Manchmal sogar ausserkantonal. Der Vater berechnet die Wegstrecke und überlegt, ob wohl die Tankfüllung reicht.

Bisher muss man in irgendeiner Gemeinde tanken. Wenn da überhaupt geöffnet ist. Durch die Autobahntankstelle ist damit Schluss. Endlich. Auf der Autobahn tanken. Rund um die Uhr. Und essen. Um der «Erschöpfung» entgegen zu wirken, wie es in einem Fernsehbericht heisst. Niemand muss mehr runter von der Autobahn. Der Weg wird zum Ziel.

Die Tankstelle Kölliken

Not macht erfinderisch

Das hat natürlich einen Vorlauf: Tankstellen sind durch Bauverordnungen möglich, die Idee mit den Restaurants hat der Gesetzgeber so aber nicht vorausgesehen.

Und so werden dann per Inserat Betreiber gesucht, wie es in der NZZ vom 2. Juni 1967 heisst, die einen «Snack und Automatenbetrieb» betreiben wollen. Mehr als «Snack» war offiziell nicht zugelassen. «Finanzkräftig, bestausgewiesene Selbstinteressenten» sollen es sein.

Ein ausgedienter Eisenbahnwaggon diente als erstes Autobahnrestaurant.

Bildlegende: Ein ausgedienter Eisenbahnwaggon diente als erstes Autobahnrestaurant. SRF

Pionierphase im Aargau in einer rechtlichen Grauzone: Ein RICHTIGES Restaurant ist nicht erlaubt, Kiosk und Automaten allein rentieren aber nicht. Die Pächter gehen kreativ mit dem Dilemma um: Ein SBB Waggon wird gleich neben der Tankstelle aufgebaut. Getreu dem Slogan: Von der Schiene auf die Strasse.

Die Kantone vergeben die Tankstellen im Baurecht, 45 Standorte sind geplant. Die Kantone erhoffen sich eine neue Einnahmequelle. Weshalb der Gewerbeverband gleich eine Agenturmeldung heraus gibt. Am 13.7.1967 heisst es, die Tankstellen seien keine «fetten Milchkühe», die man melken könne. Die Kantone antworten mit einer Agentur am 16.8.1967: Sie seien «auf diese Einnahmen angewiesen.»

Ein Jahr später ist das Finanzielle und Baurechtliche geregelt. Das erste vollwertige Restaurant wird im September 1968 eröffnet.

Und heute?

Heute ist die Versorgung auf der Autobahn gesichert. Wochentage oder Uhrzeiten spielen keine Rolle mehr. Uneingeschränkte Mobilität, damals noch eine glänzende Verheissung, hat heute deftige Kratzer im Lack: Seit der Ölkrise der 70er-Jahre und dem ökologischen Denken der 80er ist die Begeisterung getrübt.

Stehen im Stau, Ansicht durch Windschutzscheibe

Bildlegende: Wer heute fährt, steht. Früher oder später. Keystone

Mobilität ist denen zum Fluch geronnen, die jeden Morgen an der gleichen Stelle im gleichen Stau stehen: Sinnfragen auf nüchternem Magen.

Die Sendung «Antenne», die 1967 aus Kölliken berichtet, weiss von unser aller Heute nichts. Wie sollte sie auch. Die Antenne ist Momentaufnahme, sie prägt in den 60er- und 70er-Jahren das Bild der Schweiz.

Dieses Bild besteht in der Sendung vom 17.8.1967 nicht nur aus Kölliken. Auch in Oerlikon geht was: Die Kehrrichtverbrennung. Eine Eisenmine wird geschlossen, dafür im Solothurnischen eine Kirche in Fertigbaumanier errichtet. Ein Bündner Student will in Disentis mit einem Tournéetheater die Sprachkultur am Leben erhalten und in Baden ist die Badenfahrt – zünftig, atmosphärisch auf Musik geschnitten.

Die Filmbeiträge zeigen, wie viel sich verändert hat. Und wie wenig. Sehen Sie selbst. Aber gucken Sie bloss nicht, während Sie morgens pendeln und im Stau stehen. Etwa um Baden herum. Oder bei Glattbrugg. Oder am Gotthard, auf dem Nordring, bei Belp, Winterthur oder ... Kommen Sie gut an!

Sendung: SRF 2 Kultur, 16.8.2017, Kultur kompakt, 7:20 Uhr.

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