Kostenlos lesen, aber nicht umsonst

Im Internet sind ganze Gesamtausgaben von Klassikern frei zugänglich und Schriftsteller verfassen ihre Werke in aller digitalen Öffentlichkeit. Aber Gratisliteratur hat auch einen gesellschaftlichen Nutzen, zum Beispiel wenn es um Leseförderung geht.

Ein kleines Mädchen steht inmitten zweier Bücherwände und greift nach oben über ihren Kopf.

Bildlegende: Für die «Faszination Buch» ist es nie zu früh - Installation «aMAZEme» von Marcos Saboya und Gualter Pupo in London. Reuters

Der Büchermarkt ächzt unter dem digitalen Wandel, Buchverlage gehen ein, Autoren beklagen den Wertezerfall von Literatur. - Doch Gratisliteratur hat auch einen gesellschaftlichen Nutzen, zum Beispiel wenn es um Leseförderung geht. Und die gilt ist als dringend notwendig, seit die berüchtigten PISA-Studien gravierende Mängel in der Sprach- und Lesekompetenz von Teenagern festgestellt haben.

Bücher für Neugeborene

«Buchstart Schweiz» heisst das nationale Programm, das dem Vorbild «Bookstart» aus England folgt und sich an die kleinsten Leser wendet: Jedes junge Elternpaar in der Schweiz soll vom Kinderarzt, von der Elternberatungsstelle oder von der Hebamme ein Buchpaket erhalten, mit drei Bilderbüchern und mit Elterninformationen.

Seit 2008 läuft diese nationale Kampagne zur literalen Frühförderung. Heute erreiche man rund die Hälfte der jährlich 70.000 Neugeborenen in der Schweiz, bzw. deren Eltern, erzählt Barbara Jakob vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien, welches neben der Initiative Bibliomedia Schweiz das Projekt «Buchstart Schweiz» mitträgt. Ihrer Meinung nach ist es nie zu früh, einem Kind ein Buch zu schenken. Denn Lesen beginne mit der Freude an Sprache.

Früher habe die Grossfamilie garantiert, dass Geschichten, Fingerverse und Lieder an den Nachwuchs weitergegeben und zugleich Sprachkompetenz und Lesekompetenz gefördert wurden. In der heutigen durchschnittlichen Kleinfamilie mit berufstätigen Eltern sei das deutlich seltener der Fall.

Eine Studie aus Deutschland hat herausgefunden, das heute nur noch die Hälfte aller Eltern ihren Kindern Geschichten erzählen. Deshalb organisiert das Programm «Buchstart Schweiz» auch Veranstaltungen mit Lese-Animation für Kleinkinder. Die Stadtbibliothek Luzern bietet beispielsweise regelmässig Erzählnachmittage für Eltern und Kinder an. Dabei möchte man nicht nur Sprachkompetenz fördern, sondern auch die soziale Integration von Ausländern.

Gratisliteratur erreicht Bedürftige nicht

Besuchen denn Familien mit einem so genannten Migrationshintergrund diese Veranstaltungen tatsächlich? - «Die Leute, wo man wirklich sagen könnte, die hätten das nötig, erreichen wir mit Buchstart nicht. Das ist leider so», erzählt Yvonne Volken von der Stadtbibliothek Luzern.


Gratiskultur (3): Literatur

3:21 min, aus Kultur kompakt vom 31.01.2013

Kostenlose Literatur und kostenlose literarische Veranstaltungen helfen in dieser Form also nicht denen, die es am meisten nötig hätten. Den Nutzen von «Buchstart Schweiz» für ungezählte Elternpaare braucht man aber deswegen nicht in Frage zu stellen.

Mit der Schweizer Erzählnacht, die jeweils im November stattfindet, existiert bereits eine literarische Grossveranstaltung für Jugendliche und Erwachsene in Bibliotheken, Schulen und Buchhandlungen. Auch diese Angebote sind in aller Regel gratis.