In einem polnischen Dorf sind Störche die Überflieger

Das polnische Dorf Żywkowo ist als «Storchendorf» bekannt. Es hat mehr Störche als Einwohner. Früher brachten die Vögel noch Babys. Heute sind es vor allem Touristen. Ein Abstecher ins Dorf, in dem es «ohne Störche traurig wäre».

Ein Storch, der fliegt.

Bildlegende: Dank den Storchen sind auch Touristen im Anflug. Markus Nowak

Einsam und verlassen wirkt der schmale Weg über die frischgemähten Felder in das nordpolnische Dorf Żywkowo. Vereinzelte Gehöfte stehen hier und da. Wäre die Welt eine Scheibe, in Żywkowo wäre sie zu Ende. Zumindest die EU ist hier, rund vier Autostunden von Warschau entfernt, zu Ende: Nur wenige hundert Meter von dem Dorf ist die Grenze mit der russischen Enklave Kaliningrad, einst Königsberg.

Stefania Kowaliszyn wurde im Westen der Ukraine geboren und nach dem Krieg hierher zwangsumgesiedelt. Als ihr Mann 1947 nach der Flucht und Vertreibung der deutschen Einwohner als einer der ersten polnischen Siedler hierher kam, wucherte auf ihrem heutigen Hof das Unkraut. «Auf der Scheune gab es damals bereits ein Storchennest», erinnert sie sich. Und jedes Jahr sei das Nest neu besiedelt. «Aber sicher nicht vom gleichen Storch», lacht die 80-Jährige.

Auch auf den Dächern ihrer Nachbarn, auf den wenigen Laternen im Dorf und sogar in den Bäumen haben sich Adebare Nester gebaut und lassen sich Jahr für Jahr nieder. «Früher einmal waren wir 120 Einwohner und 20 Störche», erinnert sich Włodyslaw Andrejew. Doch das Verhältnis habe sich umgedreht. «Heute sind wir 20 Einwohner und 120 Störche», berichtet der ehemalige Landwirt.

Störche als Wirtschaftsfaktor

Als «Storchendorf» ist Żywkowo wegen der jährlich wiederkehrenden, hohen Population an Störchen landesweit bekannt. Die polnische Vogelschutzorganisation hat eine Warte samt einer zehn Meter hoher Aussichtsplattform für Besucher errichtet, in Włodyslaw Andrejews Garage ist eine kleine Störche-Ausstellung zu sehen und die meisten Dorfbewohner haben ihre landwirtschaftlichen Betriebe auf «Agrartourismus» umgestellt und bieten Übernachtungsmöglichkeiten.

Włodyslaw Andrejew blättert in einem Buch. Hinter ihm sind Bildern mit Störchen.

Bildlegende: Früher waren die Störche noch in Unterzahl. Włodyslaw Andrejew, ein Bewohner des Dorfs. Markus Nowas

Die Störche sind in der strukturschwachen Region im Nordosten Polens eine Einnahmequelle. Zumindest in den Sommermonaten. «Ohne die Störche und ihr Klappern wäre es hier traurig», sagt Maria Dupiro und ergänzt: «Sie bringen uns Touristen und das ist auch gut so.» Störche, die Touristen bringen? Dagegen besagt die Legende, dass sie Babys bringen. Maria Dupiro lacht darüber. «Früher haben sie uns viele gebracht ins Dorf. Ich selbst habe längst Urenkel», sagt die 77-Jährige.

Über die Legende vom babybringenden Storch sinniert auch Adam Łopusznski. Der studierte Soziologe ist Vogelschutzwart und erzählt, dass er zuweilen auch auf den Traktor steigen muss, um die Wiesen um das Dorf zu mähen. «Ich vereinfache den Störchen das Leben», erklärt er. Der Weissstorch möge eine Landschaft, in der der Mensch aktiv etwas tut, denn so findet er leichter seine Nahrung. Und da viele Bauern ihre Felder nicht mehr bestellen und die Wiesen mähen, sei das «eine Form von Naturschutz», erklärt er.

Störche und die Romantik

«In Wahrheit sind sich Mensch und Storch gar nicht so unähnlich», sagt Łopuszynski, der einer Art «romantische Ader» bei Störchen beobachtet haben will. «Es ist faszinierend, wenn der Storch am Horst ankommt, begrüsst er mit einem fröhlichen Klappern seine Partnerin.» Auch seien Störche ihren Partnern treu. «Vielleicht nicht immer hundertprozentig, aber bei Menschen ist das ja auch so eine Sache», schmunzelt er.


Markus Nowak über das Storchendorf

4:03 min, aus Kultur kompakt vom 23.04.2016

Treue beweisen Störche auch in Sachen Brutstätte. Denn die meisten Adebare fliegen im darauffolgenden Frühling Żywkowo wieder an. Manchmal komme es schon mal vor, dass die Żywkower Störche für ein Jahr im benachbarten Russland brüten. Aber das nimmt Włodyslaw Andrejew, dessen Familie wie fast alle menschlichen Dorfbewohner aus dem Westen der Ukraine stammt, den fedrigen Bewohnern nicht übel: «Ein Storch hat keine Nationalität, aber eine Heimat, zu der er immer zurückkommt.» Und nur das zähle.

«Es zwitschert auf SRF Kultur»

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