Kleine Krawallbrüder: Die Halsbandsittiche von Amsterdam

Der Halsbandsittich kommt aus Asien und Afrika. Seit ein paar Jahrzehnten gedeihen die kleinen Vögel mit dem grüngelben Federkleid und dem roten Krummschnabel aber auch in westlichen Gefilden. Auch in Amsterdam: Hier bereiten die Halsbandsittiche nicht nur Freude.

Sechs Wellensittiche haben sihc auf einem ausgestreckten Arm niedergelassen.

Bildlegende: Der Halsbandsittich: Dass er höchst ungern alleine schläft, ist nicht das Einzige, was den Holländern stinkt. Wikimedia/Thomas Schoch

Halsbandsittiche gehören nicht zur Gattung der Schönsinger wie Amstel oder Nachtigall. Viel eher handelt es sich bei den kleinen, zur Familie der Papageien gehörenden Vögelchen um Krawallbrüder. Zweimal pro Tag, kurz bevor die Sonne am Morgen aufgeht und nachdem sie abends untergegangen ist, veranstalten die Sittiche einen Höllenlärm. Denn sie haben die Angewohnheit, gemeinsam, zu Tausenden, immer denselben Schlafplatz aufzusuchen.

Kreischsaal Oosterpark

Für viele Anwohnerinnen und Anwohner im Amsterdamer Oosterpark ist der riesige grüne Schwarm, der jeweils in der Dämmerung lautstark zwitschernd die Bäume im östlichsten Teil ansteuert, eine Belastung. Während die einen am liebsten mit der Schrotflinte für Ruhe sorgen möchten, ärgern sich die anderen über die dicke Lage Vogelkot, die für glitschige Strassen und Radwege sorgt.

Der grösste Teil der etwa 4000 Amsterdamer Halsbandsittiche fliegt bei Anbruch der Dunkelheit aus der weiten Umgebung in den Park im Osten der Stadt. «Es ist ein sehr sozialer Vogel», erklärt Jip Louwe Kooijmans, der bei der niederländischen Vogelschutzorganisation die Stadtvögel unter seinen Fittichen hat.

Das abendliche Stelldichein in der Gruppe sei so etwas wie eine Vogelschule. Hier lernten sie potentielle Partner kennen und würden ihr Wissen über potentielle Nahrungsgebiete austauschen.

Erdnüsse in Mandarinensaft

Das Phänomen der grüngelben Vögel mit dem roten Band um den Hals gibt es in den Niederlanden seit den 1960er-Jahren. Damals wurden ein paar solche Exoten mutwillig in die Freiheit entlassen. Bekannt ist, dass eine Frau sie jahrelang immer am gleichen Ort und zur selben Tageszeit im Amsterdamer Vondelpark mit in Mandarinensaft gerösteten Erdnüssen fütterte.

«Darin befinden sich so ziemlich alle Nahrungsstoffe, die ein solcher Vogel nötig hat», sagt Louwe Kooijmans. Die Tierfreundin hat damit die Basis gelegt für die heutige grosse Gruppe in der Hauptstadt. Ähnliches spielte sich auch in Den Haag ab.

Längst sind die Halsbandsittiche aber auch in anderen niederländischen Städten aufgetaucht. Und auch in Köln, Brüssel oder in London. Selbst in Istanbul habe er sie schon entdeckt, erzählt Vogelschützer Louwe Kooijmans. Für ihn sind die Fremden inzwischen so heimisch geworden wie Tauben, Spatzen oder Ratten.

Städter aus Bequemlichkeit

In ihren Ursprungsländern ernähren sich die Sittiche in erster Linie mit Früchten. Aber sie pflücken nicht eine ganze Kirsche um sie aufzuessen, wie das andere Arten tun. Vielmehr picken sie bloss ein paar kleine Brocken aus einer einzelnen Frucht. In europäischen Städten wie Amsterdam, wo sie im Winter kaum Nahrung finden, freuen sie sich über Erdnüsse in den Netzen, die die Menschen auf ihre Balkone hängen. Das sei einer der Hauptgründe, weshalb die Halsbandsittiche die Stadtgebiete nicht verlassen würden, ist Louwe Kooijmans überzeugt.

Der 50-jährige gebürtige Amsterdamer beobachtet diese und andere Stadtvögel seit seiner frühesten Jugend. Das Zwitschern, Zirpen, Tschilpen und Piepen klingt wie Musik in seinen Ohren. Er hat denn auch kein Verständnis für Bewohner, die sich über die lärmenden Halsbandsittiche ärgern: «Die Menschen mit ihren Trams und Lastwagen machen viel mehr Lärm.»

«Es zwitschert auf SRF Kultur»

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Vom 18. bis 23. April 2016 widmen sich Radio SRF 2 Kultur und Kultur Online ganz den Vögeln: Wir reisen ins Vogelparadies im Central Park, zu den Zugvögeln im Wattenmeer und stellen den wachsamen Tannenhäher oder den vorlauten Kleiber vor. Zudem gibt es ein Quiz rund um Vögel in Literatur, Kunst und Musik. Zum Webspecial.