Als Fotograf zeigt Wim Wenders den Himmel über New York

Mit Filmen wie «Paris, Texas» und «Der Himmel über Berlin» ist Wim Wenders berühmt geworden. Der Regisseur fotografiert auch. Das Düsseldorfer Museum Kunstpalast zeigt seine Bilder. Es sind echte Wim Wenders – melancholisch, überraschend, eigen.

«Fotografie» schreibt Wim Wenders altmodisch mit ph. Denn so fotografiert der Filmregisseur auch: Mit analogen Kameras ist er der Wirklichkeit auf der Spur. Er entwickelt seine Bilder selbst und lässt sie danach unbearbeitet. Eine retrospektive Ausstellung in Düsseldorf zeigt unter dem Titel «4 Real & True 2» grossformatige Farbbilder.

Zu sehen sind wahre Wirklichkeiten: weite Landschaften, Wälder, Randgebiete von Jerusalem, Havanna oder Städte im amerikanischen Westen, verkommene Häuser und verlorene Strassenecken. Ein bunter «Käferfriedhof» voll ausrangierter Volkswagen. Rot bemalte Einschusslöcher auf einer Hauswand im alten jüdischen Viertel von Berlin.

In einem Bild steht ein einsames, verrostetes Riesenrad auf einer Wiese in Armenien. Auf der Wand gegenüber zeigt Wim Wenders den Hintergrund: Die Plattenbauten, in denen zu Sowjetzeiten die Russen wohnten.

Poetische Kommentare

Die Geschichten zu den Bildern erzählt Wim Wenders in Begleittexten: «Der Wind bewegte das grosse Rad ganz sanft, sodass es manchmal vor sich hin quietschte…» Es sind Prosagedichte, die manchmal nur Stimmungen ausdrücken, oft aber den spannenden Hintergrund des Bildes erzählen. Zum Beispiel, dass die helle Wellenlinie, die über die Bilder aus Fukushima läuft, tatsächlich die sichtbar gewordene Radioaktivität ist. Oder dass es sich bei dem Feldweg durch karges Gestrüpp um jene «Strasse nach Emmaus» handelt, von der in der Bibel gesprochen wird.

Schwarz-Weiss-Porträt von Wim Wenders.

Bildlegende: «Die fotografische Arbeit ist die andere Hälfte meines Lebens», sagt Wim Wenders, der durch seine Filme bekannt wurde. Peter Lindbergh,

Die Bilder sind so melancholisch wie viele Wim-Wenders-Filme. Berühmt wurde der bald 70-Jährige mit Spielfilmen wie «Paris, Texas» oder «Der Himmel über Berlin» und mit Dokumentarfilmen wie «Buena Vista Social Club» und «Pina».

Während der Filmregisseur technische Innovationen liebt – seinen neuer Spielfilm «Every Thing Will Be Fine» hat er wieder in 3D gedreht – ist er als Fotograf immer allein unterwegs und lässt sich überraschen von den Orten, die ihm etwas über unsere Wirklichkeit erzählen. In Armenien fand er mitten in der Steppe grosse Skulpturen von Buchstaben des armenischen Alphabets, ein Monument des Widerstands.

Magische Schauplätze

Manche Plätze sucht Wim Wenders jedoch gezielt auf. In Israel begab er sich auf den Spuren der Bibel auf den Ölberg und zum See Genezareth. In Ostdeutschland fotografierte er Orte, an denen er vor 40 Jahren den Film «Im Lauf der Zeit» drehte: das Ufer der Elbe, in die er damals einen VW-Käfer hineinfahren liess. In Japan besuchte er Onomichi, wo sein Kollege Yasujiro Ozu «Die Reise nach Tokio» gedreht hatte. Für Wenders war es wie die Begehung eines heiligen Bodens, und seine Bilder der Stadt an einem Fjord sind in ein seltsames Zwielicht getaucht.

Lange hatte Wim Wenders dafür gekämpft, dass er Aufnahmen auf dem Ground Zero machen durfte. Joel Meyerowitz, der als einziger Fotograf in den Trümmern der Twin-Towers in New York zugelassen war, nahm ihn schliesslich für einen Tag als «Assistenten» mit.

Hier gelangen Wim Wenders Aufnahmen, die in der Ausstellung besonders beeindrucken. Auch sie haben eine Geschichte: In einem der Hochhäuser, von denen Ground Zero umstellt ist, spiegelte sich die Sonne, sodass plötzlich unwirkliches Licht in die trostlosen Ort eindrang. Es war ein magischer Moment, die Arbeiter hielten inne und staunten, und Wim Wenders kam es vor, als habe sich der Himmel geöffnet, um einen tröstlichen Sonnenstrahl in diese Hölle zu senden.

Ausstellungshinweis

Die Fotografien von Wim Wenders sind unter dem Titel «4 Real & True 2» bis zum 15. August im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen.

Buchhinweis

Wim Wenders: «4 Real & True 2. Landschaften. Photographien». Schirmer/Mosel, 2015.