Architektur-Detektive auf der Suche nach der Skurrilität

In der Nachkriegszeit liessen sich italienische Architekten nicht bändigen: mit alten Baustilen wurde gebrochen, neue wurden erschaffen. Die Brüder Martin und Werner Feiersinger haben sich auf eine nicht akademische, aber gierige Spur dieser Bauten gemacht. Entstanden ist der Band «Italomodern».

«Wir kennen inzwischen mehr Kleinstädte in Oberitalien als in Österreich», sagt Martin Feiersinger lachend. Tatsächlich: Der österreichische Architekt und sein Bruder Werner Feiersinger, Künstler und Fotograf, waren in den letzten zwölf Jahren als Architektur-Detektive zwischen Triest und Turin unterwegs. Sie seien fast gierig geworden, gesteht der Fotograf. Gierig auf die absonderlichen und kühnen Gebäude, die nach dem Krieg gebaut wurden.

Die wagemutige Schreibmaschine

Die Brüder Feiersinger haben eine nicht akademische aber leidenschaftliche Feldforschung betrieben, und sich dabei von ihrem subjektiven Interesse leiten lassen. Ihre Reisen führten sie zum legendären Torre Velasca von der italienischen Architektengruppe «BBPR» in Mailand, über das monströse Wohnquartier auf dem Hügel vor Triest von Carlo und Luciano Celli zum Olivetti-Schulungszentrum in Ivrea, das die damals unbekannten Architekten Iginio Cappai und Pietro Mainardis wagemutig in Form einer Schreibmaschine entworfen hatten.

Der Design-Guru Sottsass war Architekt

Aufgestöbert haben Feiersingers auch zwei Gebäude von Ettore Sottsass; einen Wohnblock und ein Schulhaus. Denn der Design-Guru war ursprünglich Architekt. Im Treppenhaus des Schulhauses von 1951 spürt man bereits den verspielten Designer: Bunt sind die Säulen, dynamisch geformt ist das Holzgeländer.

Ein Stück heitere Architektur. Allerdings hat Sottsass die Architektur rasch an den Nagel gehängt. Der Gestaltungsrahmen für Projekte im sozialen Wohnungsbau war ihm zu eng.

Voller Enthusiasmus am Wiederaufbau beteiligt

Trotzdem waren die Gestaltungsmöglichkeiten nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs enorm. Während die Architekten in Deutschland und Österreich in erster Linie nüchtern und schlicht bauten, wurden ihre Kollegen in Norditalien von einer Aufbruchsstimmung erfasst.

Voller Enthusiasmus nutzten sie den Wiederaufbau in den 1950er- und 1960er-Jahre, um selbstbewusst und verspielt Neues und Gewagtes auszuprobieren.

Mit den alten Baustilen brechen

In aufstrebenden Unternehmern fanden sie ideale Auftraggeber. Allen voran Adriano Olivetti, der heute als Pionier der «Corporate architecture» gilt. «Aber auch viele andere Unternehmer und Privatpersonen, die aus der Armut kamen, suchten einen baulichen Ausdruck für die neuen wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse», erklärt Martin Feiersinger.

Er erinnert daran, dass in Italien nach dem Faschismus auch heftig über moralisch «gute» und «schlechte» Architektur debattiert wurde. Der verstorbene italienische Architekt Bruno Zevi, der vor Mussolini fliehen musste und nach dem Krieg wieder nach Italien zurückkehrte, feuerte die Debatten heftig an, indem er fragte, wie man nach der faschistischen Diktatur und Architektur überhaupt bauen könne. Seine Antwort: indem man mit den alten Baustilen breche.

Der Wirtschaftsboom, die Selbstdarstellung von Unternehmern und die Befreiung von einer faschistischen Architektur haben in Italien zu einer faszinierenden Formenvielfalt geführt. Feiersingers Interesse für die Architektur Italiens endet 1976 – mit dem Einsetzen der totalen Beliebigkeit.

Buchhinweis

Martin und Werner Feiersinger: «Italomodern 1» und «Italomodern 2», Architektur in Oberitalien 1946-1976, Park Books, 2015.

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung «Italienische Architektur der Nachkriegszeit» findet vom 23.09. - 04.11.16 im Forum Architektur Winterthur statt.

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