Arno Gisinger entlarvt den Betrachter seiner Fotos

Bilder von vergangenen Ereignissen und historischen Schauplätzen erzählen immer auch von der Gegenwart des Betrachters. Der österreichische Historiker und Fotograf Arno Gisinger untersucht dieses Spannungsfeld von Geschichte und Fiktion im Photoforum Biel: klug, präzis und raffiniert.

Wer sich ein Bild von der Geschichte machen will, der denkt immer auch die Gegenwart mit. Als 1896 in Innsbruck ein Panorama-Rundbild installiert wurde, das die Schlacht der Tiroler gegen die Franzosen im Jahr 1809 zeigt, war dies eine doppeldeutige Geste. Einerseits sollte das 1000 m² grosse Historiengemälde Besucher anlocken. Andererseits diente es der Identitätsfindung und der Abgrenzung der Tiroler gegen all die Touristen, die plötzlich in den Alpenraum kamen. In realistischer Manier gemalt, sollte es einen möglichst lebendigen Eindruck von den historischen Ereignissen geben.

Eindeutig Fiktion?

Arno Gisinger durchkreuzt diese Absicht. Er hat einen Ausschnitt des Panoramas fotografiert, klassisch schwarz-weiss. Sein Foto rückt das Historienbild eindeutig in die Ecke der Fiktionen. Eindeutig? Nein, so ganz eindeutig ist das Verhältnis zwischen Wahrheit und Fiktion, Gegenwart und Vergangenheit wohl nie.

Das Bild entsteht beim Betrachter

Der Österreicher Arno Gisinger hat Fotografie und Geschichte studiert, heute lebt er in Paris. Mit seiner Kamera untersucht er das schwierige und oft missverständliche Verhältnis zwischen Wahrheit und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart. Besonders interessiert ihn die Periode während des Zweiten Weltkrieges. So sucht er nach den Lebensspuren Walter Benjamins, der in Paris als Exilant gelebt hat. Oder er fotografiert Möbelstücke, die jüdischen Familien gestohlen und im österreichischen Mobiliendepot gelagert wurden.

An vielen Pariser Lebensstationen Benjamins ist heute nicht viel mehr zu sehen als eine neugestaltete Bar oder eine Baulücke. Auch viele der Bilder aus dem Mobiliendepot sind einfach nur leer – bis auf kurze Textzeilen, die in trockenem Beamtendeutsch darauf verweisen, dass die fraglichen Möbelstücke in den Kriegswirren verschwunden oder von einem höheren Beamten mitgenommen wurden. Auf die Vergangenheit gerichtet, kann die Fotokamera oft nur Bruchstücke, manchmal fast nichts festhalten.

Entlarvendes Spiel mit der Wahrnehmung

Und doch ist da etwas auf diesen Fotos. Das eigentliche Bild, so sagt Arno Gisinger, entsteht im Kopf des Betrachters. Mit seinen Phantasien, seinem Wissen, formt der Betrachter aus den Bildern seine Vorstellungen von Vergangenheit. Die Beschäftigung mit der Geschichte hat immer auch einen fiktionalen Anteil.

Die Bildbetrachter spielen eine wichtige Rolle in der Arbeit Arno Gisingers. Ob er historische Schauplätze besucht, Dichtern und Denkern nachspürt, oder Betrachter von Historienbildern porträtiert: Stets erzählt Gisinger in seinen Bildern auch davon, wie wir mit Bildern umgehen. Seine Fotos reflektierten, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen und wie wir anhand von Bildern unsere eigenen Vorstellungen von Geschichte entwickeln. Und das macht er so klug, präzis und raffiniert, dass man noch lange an diese Ausstellung zurückdenkt.

Ausstellung

Die Ausstellung «Topoï» von Arno Gisinger ist bis am 25. August 2013 im Photoforum Biel zu sehen.