Bruno Stefaninis Kunstschatz in der Rumpelkammer

In Winterthur ist Bruno Stefanini eine sagenumwobene Gestalt. Diese Tage interessiert der Multimillionär schweizweit: Es gibt Streit um seine Kunststiftung. In der Angelegenheit bleibt vieles im Dunkeln. Wir haben zusammengetragen, was im Zwist bekannt ist.

Gemälde: Ein blondes Mädchen felchtet einen Zopf.

Bildlegende: Albert Ankers «Mädchen, die Haare flechtend» ist einer von Stefaninis Kunstschätzen, der schon im Museum zu sehen war. Wikimedia

Ausgelöst hat die ganze Debatte Bruno Stefaninis Tochter Bettina. Sie ist an die Öffentlichkeit getreten und hat Vorwürfe gegen den Stiftungsrat von Bruno Stefaninis Stiftung Kunst, Kultur und Geschichte erhoben: Man wolle sie und ihren Bruder ausbooten, indem man die Stiftungsurkunde abändere, sagt sie dem «Tages-Anzeiger» Anfang September.

Es geht um jene Klausel, die verlangt, dass stets ein Familienmitglied Stefaninis im Gremium Einsitz haben müsse. Der Stiftungsrat schreibt in einem Communiqué, dass dies der ausdrückliche Wunsch von Bruno Stefanini sei.

Kurz darauf folgt eine Klage gegen vier Stiftungsräte. Die Vorwürfe: Sachbeschädigung, Veruntreuung, ungetreue Geschäftsführung und Falschbeurkundung. Eine gute Übersicht über die beteiligten Akteure bietet der «Tages-Anzeiger» vom 14. September.

Die Sammlung

Stefanini schaut mit ernstem Blick in die Kamera und spricht in ein Mikrofon

Bildlegende: Still und medienscheu: Bruno Stefanini im Jahr 2002. SRF

Neben der Änderung der Stiftungsurkunde kritisiert Bettina Stefanini vor allem die Handhabung der Kunstgegenstände. Die Lagerung sei «erschreckend», sagt ihr Sprecher Eberhard Zangger gegenüber Radio SRF 2 Kultur, die Kunstwerke befänden sich in «Rumpelkammern».

In Winterthur erstaunen die Vorwürfe nicht. Sie seien längst Stadtgespräch, so die Lokalzeitung «Der Landbote». Bereits 2007 stellte der Kunsthistoriker Andres Furger in einem Bericht an die eidgenössische Stiftungsaufsicht gravierende Mängel fest: die Kunstwerke seien kaum inventarisiert und unsachgemäss gelagert, berichtet die «NZZ».

Die Kunstwerke

Niemand weiss, was sich in Stefaninis Kunstsammlung genau befindet. Rund 8000 Gemälde sollen es sein, so die «NZZ», darunter Werke von namhaften Schweizer Künstlern wie Albert Anker, Arnold Böcklin, Ferdinand Hodler, Félix Vallotton, Giovanni Giacometti oder Niklaus Stoecklin.

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Die Kunstschätze des Bruno Stefanini

5:39 min, aus 10vor10 vom 26.1.2007

Einige Werke waren zuweilen in Museen zu sehen, zuletzt bis Ende August im Kunstmuseum Bern. «Diese Sammlung ist eine wahre Wunderkammer», sagte Museumsdirektor Matthias Frehner anlässlich der Ausstellung gegenüber dem Regionaljournal Bern.

Weniger euphorisch ist Dieter Schwarz, Direktor des Kunstmuseums Winterthur, der mehrfach mit Stefanini zusammengearbeitet hat. Stefanini habe grossen Winterthurer Kunstsammlern wie Oskar Reinhart nachgeeifert und einen ähnlichen Fokus gesetzt: grosse Schweizer Künstler und einige wenige moderne Künstler. Stefanini habe aber nie die Kennerschaft seiner Vorbilder gehabt, sagte Schwarz im Gespräch mit Radio SRF 2 Kultur.

Die Person

Neben Kunst und Gegenständen, wie zum Beispiel dem Pult von John F. Kennedy oder Napoleons Sterbebett, sammelte Stefanini Immobilien, darunter auch Schlösser. Bei der undurchsichtigen Faktenlage zur Sammlung und der Organisation der Stiftung erstaunt es wenig, dass auch die Person Bruno Stefanini geheimnisvoll bleibt. Medienscheu sei er, heisst es. Als still und eigenbrötlerisch, beschreibt ihn der «Tages-Anzeiger» in einem ausführlichen Porträt.

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Der scheue Milliardär, der Winterthur beherrscht

7:00 min, aus 10vor10 vom 3.8.2006

Seine Firma Terresta AG verfügt heute in der Schweiz über 5000 Wohnungen, 2500 allein in Winterthur. Das Unternehmen und sein Vermögen habe Stefanini praktisch im Alleingang aufgebaut, sagt seine Tochter im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Später habe er sich schwer damit getan, Kontrolle abzugeben, habe stets das Sagen haben wollen.

Stefaninis heutiger Gesundheitszustand ist unklar. Stiftungsrat und Bettina Stefanini sind sich uneinig, wie der «Landbote» berichtet: Die Tochter sagt, Stefanini leide an Demenz, seine Sekretärin Dora Bösiger hingegen wird mit den Worten «er ist immer noch zwäg, einfach nicht mehr so gut zu Fuss» zitiert.

Wie geht es weiter?

Das hängt vor allem von der eidgenössischen Stiftungsaufsicht ab: Denn dort ist der Antrag auf die Änderung der Stiftungsurkunde derzeit noch hängig. Der Stiftungsrat selbst könnte den Änderungsantrag aber auch wieder zurückziehen, in diesem Falle würden wohl auch die Kinder von Bruno Stefanini von ihrer Klage absehen, bestätigt Mediensprecher Eberhard Zangger gegenüber Radio SRF 2 Kultur.

Was aber passiert mit seiner Kunstsammlung? Im schlimmsten Fall gehe sie einfach noch weiter kaputt, sagte Dieter Schwarz, Direktor des Kunstmuseums Winterthur. Im besten Fall wird gerettet, was noch zu retten ist: Die Sammlung würde auf einen geringen Teil reduziert. Nur so könnte ein Museum damit überhaupt etwas anfangen.

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