Das schräge Bild des Westens vom Künstler Ai Weiwei

In Europa ist der chinesische Künstler Ai Weiwei ein Star. Er gilt als Inbegriff der unterdrückten Meinungsfreiheit, seit ihn die chinesische Regierung inhaftierte. In China ist er bei weitem nicht so bekannt und auch nicht sonderlich beliebt, wie Galerist Urs Meile erzählt.

Ai Wei Wei steht in einer Menschenmenge und hält ein Smartphone vor seinem Gesicht.

Bildlegende: Ai Weiwei sei nicht nur Opfer, sondern auch selber ein Machtmensch, sagt der Galerist Urs Meile. Reuters

Ai Weiwei ist dieses Jahr erneut an der Art Basel vertreten. Über seine Person ist aber wenig zu hören. Wie schätzen Sie seine aktuelle politische Situation ein?

Urs Meile: Das ist schwierig zu sagen, weil China unberechenbar und nicht mit unserem System vergleichbar ist. Allgemein aber ist seine Situation besser geworden: Die Polizei kontrolliert ihn nicht mehr wie früher, der Hausarrest ist aufgehoben. Er kann sich in China also frei bewegen, hat aber nach wie vor keinen Reisepass und darf das Land nicht verlassen.

Erst vor ein paar Wochen hat seine erste Ausstellung in China eröffnet…

Das ist nicht ganz richtig. Es ist seine erste Ausstellung seit seiner Verhaftung im Jahr 2011. Er hat mit uns bereits 2006 ausgestellt, nur wissen das nicht viele.

Wie wird Ai Weiwei in seiner Heimat wahrgenommen? Ich habe gelesen, dass ihn manche Chinesen verehren, andere wiederum kennen ihn gar nicht.

Seine Position in China ist nicht vergleichbar mit derjenigen im internationalen Kunstkontext. Viele kennen ihn nicht, weil sie andere Probleme haben. Darüber hinaus hat er in den Medien keine Präsenz.

Viele junge Kunstschaffende hingegen schätzen seine Arbeit sehr, nicht aber seine Person. Mit Aussagen wie «die zeitgenössische Kunst Chinas hat nichts zu bieten!» provoziert er natürlich und macht sich unbeliebt.

Mir fällt auf, dass in der Schweiz viele Leute seine Person kennen, nicht aber die Kunst.

Für mich hat das mit unserer Gesellschaft zu tun. Täglich werden wir mit politischen Informationen konfrontiert, kulturelle News hingegen sind spärlich. Ai Weiwei ist für die Medien dankbar, weil seine Meinungsfreiheit eingeschränkt ist und er deshalb eine Opfergeschichte repräsentiert. Solche Geschichten berühren uns. Es ist klar, dass er darum als Aktivist und weniger für seine Kunst bekannt ist.

Sprechen wir über die Kunst. Letztes Jahr gab es eine grosse Ausstellung in Berlin, wo er mit Masse beeindruckte: Er hat 6000 Hocker in der Eingangshalle des Museums aufgestellt oder liess 150 Fahrräder von der Decke baumeln. Gehört «Masse» zu seinem Konzept?

Sicher, er analysiert Phänomene oft unter dem Aspekt der Masse. Wichtiger scheint mir sein Traditionsbezug. Dieser Bezug kann durch das Material, mit einem geschichtlichen Ereignis oder durch eine spezifische Technik hergestellt werden.

Das zweite sind seine inhaltlichen Aussagen, die Kulturen und Gesellschaften grenzübergreifend beschreiben. Seine Arbeiten waren immer schon politisch, nur haben wir das zuerst nicht bemerkt. Erst als er als Aktivist bekannt wurde, hat man die politische Dimension erkannt. Dann hat man plötzlich alles politisch gelesen – was auch übertrieben ist.

Ein dritter Punkt seiner Kunst umfasst die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Weiwei ist Konzeptkünstler und stellt selten Kunstwerke selber her. Er liebt es viel mehr, den Zampano zu spielen und alles zu dirigieren: Die Dinge müssen genau so gebaut werden, wie er es sich vorstellt. Dominanz und Bestimmtheit sind stark ausgeprägte Eigenschaften von ihm, sodass es ihm gegenüber selten Widerspruch gibt. Die Hierarchie ist klar. Andererseits sind diese Erfahrungen der Interaktion sehr inspirierend für ihn.

Inwiefern ist sein Traditionsbezug eine Linse, um die Gegenwart zu analysieren?

Es ist etwas sehr Eigenes von Weiwei, dass er nicht einfach einen Kommentar zu einem bestimmten wirtschaftlichen, kulturellen oder politischen Bereich macht. Es sind die Versatzstücke unterschiedlicher Kulturen und Zeitepochen, die er zusammen setzt und Neues schafft. Daher geht es immer um die Gegenwart.

Bei der Ausstellung «Evidence» und im gleichnamigen Film thematisiert er seine Erlebnisse im Gefängnis. Ai Weiwei hat die Zelle nachgebaut, in der er 81 Tage inhaftiert war. Wie schätzen Sie dieses Werk ein?

Ich finde es eine der schwächsten Arbeiten, die er bis jetzt gemacht hat. Für ihn war es sicher wichtig, aber er spielt mit der Wirkung. Mit der Zelle legt er uns einen Leckerbissen vor, um den Voyeurismus des Westens zu bedienen.

Wenn ich an einen Ort gehe, an dem schlimme Sachen passiert sind, geschieht dasselbe: Ich bin sofort emotional angesprochen – ob ich will oder nicht. Das ist psychologisch interessant, im Zusammenhang mit der Gefängniszelle als Kunstwerk aber platt.

Gibt es weitere Kritikpunkte?

Viele (lacht). Aber einen will ich ausführen: Ai Weiwei ist nicht so, wie er häufig wahrgenommen wird. Wir wollen ihn geradezu als Opfer sehen, mit dem wir uns solidarisieren können. Er ist aber nicht nur Opfer, das können Sie mir glauben! Er ist sehr clever und spielt seine Rolle äusserst gut.

Das Bild von ihm, wie er mit der Fahne durch die Schlacht rennt und fürs Volk kämpft – das stimmt einfach nicht. Er liebt Macht und ist nicht besonders empfänglich für Kritik. Wir geben viel Farbe in unsere Gedanken und verfälschen oft die Realität – das gilt allgemein und speziell für Ai Weiwei.

Urs Meile

Urs Meile war einer der ersten, der sich seit den 1990er für zeitgenössische Kunst aus China interessiert. Seit 2006 gibt es einen Ableger seiner Luzerner Galerie in Peking, die von Ai Weiwei designt wurde. Meile hat den Künstler, mit dem er mittlerweile befreundet ist, zuletzt im April getroffen.

Ausstellungshinweis

«China 8» zeigt zeitgenössische Werke aus China von 150 Künstlerinnen und Künstlern. Die Ausstellung ist in Deutschland in acht Städten und neun Museen bis zum 13. September 2015 zu sehen.

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