Der Architekt Muck Petzet wehrt sich gegen die Wegwerfmentalität

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Deutschland Rathäuser, Kirchen, Museen oder auch Schwimmbäder buchstäblich aus dem Boden stampfen. Heute sind diese Gebäude vom Abriss bedroht. Dagegen wehrt sich der Münchner Architekt Muck Petzet. Sein Credo: Umbau statt Neubau.

Ein Hochhaus in einer Plattenbausiedlung. Das Haus ist weiss und grau.

Bildlegende: Aus alt mach neu statt Abriss: Muck Petzet hat ein Hochhaus in einer sächsischen Plattenbausiedlung umgebaut. Imago/IPON

In München hat Muck Petzet schon mehrfach Protestaktionen initiiert und sich so gegen den Abriss von Gebäuden gewehrt. «Wir können es uns nicht leisten, Gebäude nach 40 oder 50 Jahren auf den Müll zu kippen», sagt der Architekt. Und verweist auf unzählige Bauwerke aus den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren, die in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampft wurden. Heute gelten sie als unzeitgemäss und wertlos – und sind deshalb vom Abriss bedroht.

Oberste Priorität: Vermeidung von Abfall

Der Deutsche Pavillon an der Biennale. Vor ihm ist ein Baum. An der Wand des Pavillons steht «Reduce, reuse, recycle»

Bildlegende: Klare Botschaft: Muck Petzets Pavillon an der Biennale 2012. Erica Overmeer 2012

Gefragt ist ein Umdenken. Der 51-jährige Muck Petzet spielt hier eine Vorreiterrolle. International bekannt wurde er 2012, als er an der Architektur-Biennale in Venedig den deutschen Pavillon unter dem Motto «Reduce, reuse, recycle» kuratierte. Auf deutsch: vermeiden, weiterverwenden und wiederverwerten. Dieses Wertesystem stammt aus der Abfallwirtschaft und postuliert eine Hierarchie. Oberste Priorität hat die Vermeidung von Abfall

Im Alltag funktioniert das so: Die beste Lösung, Durst zu stillen, ist Leitungswasser zu trinken. Die zweitbeste ist Wasser aus der Mehrwegflasche, und die drittbeste ist Wasser aus der Einwegflasche, wenn sie korrekt entsorgt wird.

Die schlechteste Lösung ist Wasser aus der Einwegflasche, wenn diese im Abfallsack und später auf der Mülldeponie landet. «In der Baubranche ist die Mülldeponie immer noch die Regel, nicht die Ausnahme», sagt Petzet.

Die ominöse graue Energie

Der Deuschte Pavillon von innen. An den Wänden sind grosse Naturfotos.

Bildlegende: Die Wiederverwertung stand im Mittelpunkt: Der deutsche Pavillon von innen. Erica Overmeer 2012

Petzet wehrt sich gegen die Wegwerf-Mentalität: «Gebäude stellen an sich schon einen hohen Wert dar – nur schon deshalb, weil es sie gibt.» Ihm geht es nicht um Denkmalschutz, sondern um eine Haltung.

Prinzipiell sei jedes Gebäude erhaltenswert, sagt Petzet. Grund: In jedem Gebäude sind grosse Mengen grauer Energie gespeichert. Gemeint ist damit die Energie, die ein Produkt für seine Entstehung und für seine spätere Entsorgung benötigt.

Berechnungen zeigen, dass die graue Energie meist so hoch ist wie der Heizenergiebedarf für mehrere Jahrzehnte. Insbesondere Stahl, Zement und Ziegel brauchen für ihre Herstellung sehr hohe Temperaturen und darum viel Energie. «Wenn wir den Klimaschutz als Ziel wirklich ernst nehmen, dann müssen wir die heutige verbrauchszentrierte Betrachtung durch eine Betrachtung des gesamten Lebenszyklus ersetzen», sagt Petzet.

Respekt vor dem Vorhandenen

Konsequent zu Ende gedacht, heisst das: Umbau statt Neubau. Und das entspricht nicht dem gängigen Berufsbild des autonomen Schöpfers, dem viele Architekten auch heute noch anhängen. Ganz anders Muck Petzet, der seit letztem Herbst an der Università della Svizzera italiana (USI) in Mendrisio auch eine Professur für «Sustainable Design» inne hat.

Sein Credo: «Architektur ist dann am stärksten, wenn sie sich organisch aus dem Bestehenden entwickelt.» Sucht man in den Projekten von Muck Petzet einen gemeinsamen Nenner, so ist es der Respekt vor dem Vorhandenen.

Sendung zu diesem Artikel