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Der Fall Gurlitt «Gurlitt hat ab den 60ern nur noch im Halbdunkel gelebt»

Cornelius Gurlitt fühlte sich bedroht, verfolgt und verheimlichte fast alles aus seinem Leben. Der Buchautor Maurice Philip Remy hatte Zugang zu dessen Briefen und Dokumenten. Im Interview spricht Remy über Gurlitts Zugreisen in die Schweiz, chiffrierte Briefe und das Leben in abgedunkelten Räumen.

Zeichnung von Cecilia Bozzoli zeigt Gurlitt mit weissen Haaren vor umgedrehten Bildern
Legende: Cornelius Gurlitt lebte ab den 1960er-Jahren nur in abgedunkelten Räumen. SRF / Cecilia Bozzoli

SRF Kultur: Wieso fuhr Cornelius Gurlitt im September 2010 im Zug von Zürich nach München?

Philip Remy: Gurlitt war bescheiden, er brauchte im Monat zum Leben nicht viel. Den Grossteil davon konnte er aus Anlagegewinnen finanzieren. Er hatte ein festes Vermögen auf der Bank liegen in Aktien und davon bekam er im Jahr eine Ausschüttung. Das reichte, um sein Leben zu finanzieren.

Für Sonderausgaben und etwas mehr, fuhr er alle ein bis zwei Jahre in die Schweiz und holte sich etwas Bargeld von seinem Konto, das er in Zürich angelegt hatte. Das Geld in Zürich stammte wiederum von den Verkäufen beim Auktionshaus Kornfeld aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Das war vor allem angelegt in Goldmünzen und Bargeld.

Cornelius Gurlitt hatte im Zug 9000 Euro dabei. Wusste er, wie viel er über die Grenze mitnehmen durfte?

Sicher ist, er ist schon einmal Anfang der 2000er-Jahre auf einer seiner Reisen nach Zürich, wo er sich Geld geholt hatte, vom Zoll durchsucht worden. Genau die gleiche Geschichte wie 2010: Da hatte er über 80’000 Euro dabei und musste sofort eine hohe Strafe zahlen. Ich vermute mal, seitdem wusste er, hier gibt es Einfuhrbestimmungen und ich darf nicht mehr als 10’000 Euro mitnehmen.

Von den Zöllnern wird Gurlitt als nervös beschrieben, aber es ging um mehr – er fühlte sich verfolgt?

Da war so ein merkwürdiges Grundmisstrauen gegenüber der Welt. Wenn er mit seiner Schwester über die Besuche z. B. des Kunsthändlers Kornfeld korrespondierte, dann schrieb er immer «Getreideacker». Alles wurde ein bisschen, aber nur ein bisschen verschlüsselt. Und wenn man die Kalender und Briefe lange genug liest, dann weiss man, wen die meinen. Deswegen hat er auch seine Fenster vernagelt.

Ab den 1960er-Jahren hat er angefangen, die Vorhänge zuzuziehen, weil er nicht wollte, dass man reinschauen konnte. Er hat im Halbdunkeln gelebt. Da gibt es einen Brief, in dem er Verdunklungsvorhänge bestellt. Als man das Haus in Salzburg 2014 aufmachte, waren überall Holzbretter an den Fenstern. Er wollte nicht, dass man ihn beobachtet.

Er hat den Vater bewundert, verehrt – geradezu als Säulenheiligen.

Wie war das Verhältnis von Cornelius Gurlitt zu seinem Vater Hildebrand?

Er war der Übervater, wurde auf einen Sockel gehoben, vor allem nach seinem frühen Tod. Der hatte ja auch einen Erfolg jenseits des Kunsthandels. Er war in den 1950er-Jahren als Leiter des Kunstvereins in Düsseldorf hoch anerkannt. Bundespräsident Heuss und Thomas Mann kamen zu seinen Ausstellungen.

Der war schon wer. Er hat den Vater bewundert, verehrt geradezu als Säulenheiligen. Wenn der Vater länger gelebt hätte, hätte sich dieser Sohn wahrscheinlich aus dem Schatten des Vaters entfernen können, da der Vater aber so früh starb, gab es diese Möglichkeit der Abnabelung nicht.

Sein Haus in Salzburg war in einem schlimmen Zustand. War Cornelius Gurlitt überfordert mit seinem Leben?

Gurlitt war einfach alt, körperlich zerbrechlich, der konnte nicht mehr zum Müll gehen. Das erstaunliche aber war, dass er sich keine Hilfe geholt hat. Er hätte sich jederzeit einen Pfleger und eine Putzfrau leisten können.

Warum holt er sich niemanden, der ihm hilft? Er hatte Angst, jemanden in sein Haus zu lassen. Irgendwie war er so getrieben von seinem Misstrauen gegenüber Leuten, die ihn verfolgen könnten, dass er sich nicht traute, Hilfe zu holen.

Das sagt er auch einem seiner Ärzte: ‹Die Nazis sind hinter mir her, die wollen meine Sammlung klauen.›

Wieso vermachte er sein Vermögen einem Museum in der Schweiz?

Ich glaube tatsächlich, dass er sich eine Stiftung in der Schweiz ausgewählt hat, weil er in diesem Gedanken verfangen war, die Schweiz sei ein neutrales Land und habe schon immer Schutz geboten vor den Nazis.

Ich glaube, das ist der Grund, weshalb er sich die Schweiz ausgesucht hat: Weil er Angst hatte, die Nazis und die alten Seilschaften wollen ihm seine Sammlung wegnehmen. Das zieht sich durch seine Akten über Jahre, immer wieder diese Angst davor. Das sagt er auch noch im Krankenhaus einem seiner Ärzte: «Die Nazis sind hinter mir her, die wollen meine Sammlung klauen.»

Das Interview führte Stefan Zucker.

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